Interview mit Madita

Madita beim Malen (Foto: privat)

AB Madita, ich finde es sehr mutig, dass Du an meiner Interview-Reihe teilnimmst und ich freue mich, dass Du heute hier bist. Erzähle uns doch mal, wie alt Du bist, woher Du kommst und welche Hobbys Du hast.

Madita Ich bin 9 Jahre alt, ich komme aus Blumenthal. Meine Hobbys sind Voltigieren, Schwimmen und Malen.

AB Du siehst ja jeden Tag ganz viele Bilder – im Fernsehen, in Büchern, im Internet, in Zeitungen und Zeitschriften, im Museum. Wo siehst Du Dir am liebsten Bilder an?

Madita Das ist mir egal.

Vater Es ist doch so, dass Du Dir Bilder, die Du in die Hand nehmen kannst, lieber anguckst, oder? Ein Poster z. B. Du hattest doch neulich eines mit Tiefseefischen.

AB Warum ist es schöner, ein Bild in die Hand zu nehmen als es auf einem Bildschirm zu betrachten? 

Madita Keine Ahnung.

AB Hast Du eine besondere Vorliebe bei Bildern?

Madita Ich male meistens eine Landschaft.

AB Weißt Du, warum Du gerne Landschaften malst?

Madita Ja, weil mir sonst nichts anderes einfällt.

AB Wann ist das so? Wenn Du für Dich malst?

Madita Ja, manchmal komme ich auch auf Unterwasser-Ideen.

AB Was fasziniert Dich an der Unterwasser-Welt?

Madita Keine Ahnung.

AB Welche Farben magst Du am liebsten beim Malen?

Madita Die normalen. Also nicht türkis, rosa, lila, sondern eher grün, rot, orange, gelb und schwarz.

AB Also eher ganz klare Farben. Welche Farben benutzt Du? Filzstifte, Tusche oder noch etwas anderes?

Madita Tusche eigentlich nie. Ich habe Buntstiftfarben, die man mit einem nassen Pinsel verwischen kann. Ich male sonst immer mit Buntstiften oder mit Filzstiften.

AB Mischst Du gerne Farben?

Madita Nein.

AB Okay, Du nimmst also die klaren Farben, die Du genannt hast.

Wann findest Du Deine Bilder gut?

Madita Keine Ahnung.

AB Hast Du vielleicht Bilder von Dir, die Du nicht gut findest? Was ist darauf zu sehen?

Madita Etwas, was sich verwischt hat oder was einfach nicht gut gelaufen ist.

AB Was sagen denn andere Leute über Deine Bilder?

Madita Am schönsten finde ich den Teddybären. Das ist ein Kuscheltier, das ich einmal mit zur Schule genommen habe. Der Teddybär hatte ein Kleid an und das habe ich mit gezeichnet.

Madita: Teddybär (Foto: privat)

AB Habt Ihr das im Kunstunterricht gemacht?

Madita Nein, in meinem Malkurs nach der Schule.

AB Was gefällt Dir besonders an dem Bild? Die Farben, der Ausdruck, die Bildaufteilung?

Madita Alles. 

AB Ja, der sitzt gut im Bild, die Farben sind schön und er hat einen freundlichen Ausdruck. Was sagen die anderen Leute zu dem Bild?

Madita Ich zeige die Bilder nicht allen. 

AB Wem magst Du die Bilder denn nicht so gerne zeigen?

Madita Meinem Bruder.

AB Warum?

Madita Weil der sonst immer angibt: „Oh, ich kann aber besser malen!“ Obwohl er das hübsch findet, sagt er „Boa, das ist aber hässlich!“

AB Wie ist das mit Deinem Bruder? Malt er denn überhaupt gerne?

Vater Das ist ganz interessant: Die beiden haben unterschiedliche Arten zu malen. Madita malt freier und hat, auch wenn sie eine Vorlage hat, einen eigenen Stil. Ihr Bruder kann Dinge unglaublich gut kopieren und auch skalieren. Er kann Dinge maßstabsgetreu und sehr präzise wiedergeben. Er kann aus so einem kleinen Bild ein Poster machen und die Verhältnisse stimmen immer noch. Madita ist freier, auch beim Ausmalen. Eine Linie ist für sie keine Grenze und da geht es manchmal drüber und dadurch wird es lebendiger. Die beiden malen also völlig unterschiedlich.

AB Madita, gibt es andere Leute, von denen Du die Bilder besonders gerne magst? Von bekannten Malern oder von Freunden?

Madita Unter meinen Freunden ist niemand, der besser malen kann als ich. Eine Freundin von mir kann manche Sachen besser, aber manche auch schlechter. Die anderen malen gar nicht so gerne.

AB Hängt das mit Eurem Alter zusammen oder mit dem Kunstunterricht oder woran liegt das? Hast Du eine Idee?

Madita Keine Ahnung.

AB Ok, Fotografieren geht natürlich schneller 😉

Noch einmal zurück zu meiner Frage. Fällt Dir ein Bild ein, was Du ganz toll findest? Es kann auch ein Foto sein oder ein Bild in einem Bilderbuch. Hast Du ein Lieblingsbilderbuch?

Madita Ja! Das habe ich mir schon angeguckt, als ich ein kleines Baby war. Es ist ein Buch über einen Teddybären.

Vater Dein Lieblingsbuch jetzt ist doch das mit der kleinen Eule, die nicht immer so lange aufbleiben wollte. 

Madita Das kenne ich in- und auswendig.

Vater Darin sind keine Fotos, sondern gezeichnete oder gemalte Bilder. Die Figur findest Du ja ganz toll.

AB Ist die Eule abstrahiert oder karikaturartig?

Vater Die Eule ist schon richtig gemalt, aber nicht mit Details überfrachtet. Es sind auch nur die Dinge darum herum gezeichnet, die gerade das Interessante in der Geschichte sind, z. B. ein Laubhaufen und nicht noch die Bäume. 

Madita`s Lieblingsbuch

AB Madita, kannst Du sagen, was in einem Bild oder Buch drin sein muss, damit Du es toll findest?

Madita Nein.

AB Ja, das ist schwierig.

Kannst Du Dir ein Leben ohne Zeichnen und Malen vorstellen?

Madita Nein!

AB Oh, das ist also schon ziemlich wichtig. Wie oft malst Du denn? Pro Woche, vielleicht.

Madita Pro Woche so ein- bis zweimal.

AB Und dann für Dich? Du setzt Dich hin, wenn Du Lust hast und fängst einfach an?

Madita Ja.

AB Woher nimmst Du Deine Ideen? Kommt das ganz plötzlich oder guckst Du in Bücher?

Madita Das kommt ganz plötzlich. Neulich war ich in einer Laubsäge-AG. Da macht man etwas aus Holz. Da habe ich angefangen zu malen. Ich habe frei gemalt und irgendwie kam dabei eine Rose heraus.

AB Ok, Du hast irgendwie angefangen und dann sah es plötzlich aus wie eine Rose?

Madita Ja. Die habe ich noch einmal so gemalt und Mama zu Weihnachten geschenkt.

AB Das kenne ich. Manchmal fange ich auch einfach an zu malen und weiß nicht, was es wird. Plötzlich sehe ich aber z. B. eine Landschaft darin. Es macht sehr viel Spaß, ganz frei zu arbeiten und etwas zu erfinden.

Madita Mit den Linien mache ich das immer, also den Buckel male ich immer, wenn ich übergemalt habe. Ich finde, es sieht doof aus, wenn man nur einmal übergemalt hat.

AB Du verbindest das dann mit dem Rest, meinst Du?

Madita Ich mache die Stelle dann einfach etwas größer.

Sonnenuntergang mit Segelboot, gemalt von Madita (Foto: privat)

Vater Madita, was Du ja gar nicht magst, sind Bilder, die dunkel sind. Madita`s Bruder hat eine Starwars-Faszination und es ist bei ihm alles ein bisschen finster und das ist etwas, was gar nicht Deins ist – diese ganz dunklen Bilder.

Madita nickt.

AB Du hast aber öfter schon Bilder mit einem dunklen Hintergrund gemalt. Bei dem Bären z. B.

Madita Ja, wenn ich einen dunklen Hintergrund male, muss das, was darauf ist, ein bisschen heller sein.

AB Ja, dann hebt sich das besonders gut ab. Dann ist das eigentliche Bild ja noch deutlicher.

Was macht Ihr denn eigentlich im Kunst-Unterricht?

Madita Wir machen gerade ein Plakat im Kunst-Unterricht. Wir sprechen gerade über Vögel. Ich habe die Blaumeise gemalt. Man sieht richtig, dass die anderen total neidisch darauf sind. Die anderen haben ganz fein ausgeschnitten, aber ich habe noch ein bisschen Platz gelassen und dann habe ich noch Schnee in den Hintergrund gemalt.

AB Also Ihr habt ein großes Blatt genommen und die ausgeschnittenen Sachen habt Ihr dort aufgeklebt?

Madita Wir hatten ein ausgedrucktes Foto und wir sollten die Meise so malen, wie sie auf dem Bild war. ich habe es genauso hingekriegt. Ich habe manchmal ein bisschen übergemalt. Dann mussten wir das ausschneiden.

AB Hat Dir das Ausschneiden Spaß gemacht?

Madita Ja.

AB Wo wird das Plakat hinterher aufgehängt?

Madita ich bin noch nicht fertig. Ich weiß es nicht.

AB Was ist denn das Besondere am Plakat? Meistens kommt ja noch Schrift dazu. Wie macht Ihr das?

Madita Ja, wir erklären noch, wie der Vogel lebt, wie er den Winter übersteht. Das Thema ist eigentlich, wie die Tiere im Winter leben.

AB Und das macht Dir Spaß?

Madita Wir haben in Kunst und in HWS genau das gleiche Thema.

AB Prima, dann lernt Ihr beim Basteln gleich, wie die Vögel hier leben.

Was würdest Du denn im Kunstunterricht mit Euch Kindern machen, wenn Du Lehrerin wärst?

Madita Ich weiß es nicht. Tiere. Sie dürfen sich jeder ein Tier aussuchen, aber unterschiedliche, damit auch niemand nachmalen kann. Dann können sie zuerst etwas erfahren, dürfen einen Steckbrief machen und dann könnten wir irgendwann auch ein Plakat darüber malen.

AB Also so etwas, was Ihr jetzt auch über die Vögel macht?

Madita Ja, nur dass die meisten, wie jetzt auch, die Blaumeise nehmen. ich finde das doof, wenn jemand mir nachmalt.

AB Warum findest Du das doof? Es sieht wahrscheinlich anders aus, wenn es jemand anderes malt, oder?

Madita Ja. Ich mag das nicht, wenn andere die gleichen Ideen haben und dann so tun, als ob sie alleine damit wären.

AB Das kann ich verstehen. Künstler haben es meistens nicht so gerne, wenn sie kopiert werden.

Ich habe noch eine letzte Frage: Wo wünschst Du Dir mehr Bilder, Madita? Oder haben wir zu viele Bilder auf dieser Welt?

Madita In meinem Zimmer passt nichts mehr hin.

AB Hast Du schon alles vollgehängt mit Bildern? Wechselst Du sie öfter mal aus?

Madita Ich habe ein Bild zu Weihnachten bekommen. Das möchte ich nicht abhängen. Da sind Schmetterlinge drauf und an der Seite ist so ein Schalter und dann können die im Dunklen leuchten.

Vater Was Du manchmal kritisierst ist, dass Deine Eltern zu wenige von Deinen Bildern aufhängen.

AB Also ist außerhalb Deines Zimmers gar nicht so viel von Deiner Kunst zu sehen?

Madita Nein.

AB Hängen denn Bilder in der Schule, im Klassenzimmer?

Madita Ja.

AB Wenn Du nichts mehr über Deine Bilder zu sagen hast, Madita, oder über Bilder, die Du gerne magst oder Bilderbücher, dann war das jetzt meine letzte Frage zu „Menschen brauchen Bilder“.

Vater Oder möchtest Du noch etwas sagen?

Madita Ja, ich habe schon mal mein Meerschweinchen gemalt, aber auf einer Wiese. Normalerweise ist das aber im Gehege.

AB Das ist natürlich das Schöne. Als Malerin kannst Du alles frei ändern.

Madita Ich mag ja nicht, wenn jemand meine Bilder abmalt. Deshalb male ich auch keine Bilder ab. Ich male gerne Lebewesen ab, aber ich habe auch schon mal Stifte abgemalt. Ich habe auch mal ein Bild gemalt, auf dem ich ein Bild male.

AB Vermisst Du Deine Mal-AG?

Madita Nein.

AB Wenn es noch einmal ein gutes Angebot gäbe, würdest Du da dann mitmachen?

Madita Eigentlich wollte ich ja gerne weitermachen, aber ich wollte auch Tage haben, an denen ich mal mit meinen Freunden spielen kann.

AB Weil es ein fester Termin ist, ist das wahrscheinlich doof. Du möchtest sicher lieber malen, wann Du gerade mal Lust hast, lieber mal zwischendurch.

Madita Ja.

AB Madita, vielen Dank für das Interview!

Interview mit Svenja Wetzenstein

Svenja Wetzenstein (Foto: Olaf Abrat)

AB Vielen Dank, dass Du Dich bereit erklärt hast, an der Interviewreihe “Menschen brauchen Bilder” teilzunehmen. Sagst Du zu Beginn ein paar Sätze zu Dir, wer Du bist, woher Du kommst und was Deine aktuelle Tätigkeit ist?

SW Ich bin Svenja Wetzenstein, 1973 in Kiel geboren. Ich habe zuerst Kunst und Germanistik auf Lehramt studiert, wobei das Studium sehr wenig lehramtsorientiert und ein großartiges Kunststudium war. Danach habe ich an der Muthesius-Kunsthochschule freie Kunst studiert und dort mein Diplom in freier Malerei gemacht. Seitdem arbeite ich als Malerin.

AB Erzählst Du uns etwas zu Deiner malerischen Technik, Deiner optimalen Umgebung beim Malen, vielleicht auch zur Stimmung, die da sein muss?

SW Ich arbeite mit Fotos. Inzwischen nehme ich nur noch selbst gemachte Fotos. Seit ich ein Handy habe, habe ich einen reichen Schatz an Situationen, die ich dokumentiert habe und in denen man früher keinen Fotoapparat zur Hand gehabt hätte. Mich interessieren die Bilder, die wirklich dem Alltag entstammen, die Situationen, die man normalerweise und auf den ersten Blick nicht als dokumentationswürdig erkennen würde. Diese Fotos projiziere ich mittels eines Beamers auf relativ kleinformatige Holzplatten und dann suche ich mir den Ausschnitt des Fotos, den ich malen will, so dass er mit der Maserung des Holzes zusammengeht, dass es sich miteinander verzahnt, ineinandergreift, sich gegenseitig unterstützt, bereichert.

Die optimalen Bedingungen habe ich im Dunkeln, da ich projiziere und das Licht natürlich brillanter auf die Platte trifft, wenn es dunkel ist, so dass ich ein absoluter „Dunkelmaler” bin und auch nur im Dunkeln meine Farben richtig mischen kann, weil ich es so gewohnt bin. Ich brauche ganz viel Ausdauer und Ruhe, weil ich sehr langsam und mit sehr kleinen Pinselstrichen arbeite, so dass ich im Schnitt an einem kleinen Bild einen Monat sitze.

Eigentlich ist es bei mir relativ stimmungsunabhängig, weil ich einfach jeden Tag ins Atelier gehe und male und immer genügend Teile im Bild habe, die reine Disziplin-Arbeit sind. Auch wenn ich müde bin, habe ich immer Arbeiten, die ich zwei bis drei Stunden machen kann. Nur wenn ich wirklich Entscheidungen für das Bild treffen muss, z. B. wie ich es einrichte oder ob ich große Farbflächen in das Bild hineinnehme oder nicht oder noch Farbe auf das Bild spritze – das müssen einfach Momente sein, in denen ich ganz ausgeschlafen und konzentriert bin.

AB Gibt es besondere emotionale Voraussetzungen?

SW Eigentlich nur, dass nicht gerade etwas Dramatisches vorgefallen ist. Ansonsten ist es emotional relativ egal, weil ich mich im Moment des Malens auf das Bild konzentriere. 

AB Welche siehst Du momentan als Deine künstlerischen Kernthemen an? Gibt es auch Themen, die Dich schon längere Zeit bewegen? 

SW Was mich schon ganz lange bewegt ist dieses Moment, aus einem Foto, was in ganz kurzer Zeit entstand, ein Bild zu malen, an dem ich sehr lange sitze. Ich lade dann einen kurzen Augenblick mit viel Zeit auf und ich verleihe ihm damit eine andere Dimension – dadurch, dass ich ihm Zeit gebe. Was sich nach und nach in den Jahren herauskristallisiert ist, dass mich immer mehr dieses Phänomen der Zeit und der vergehenden Zeit interessiert, dass es um die Vergänglichkeit der Zeit geht. Das ist ein barockes Thema.

AB Hast Du ein Beispiel für ein Motiv, dass man allgemein nicht für dokumentationswürdig halten würde, das Dich aber zum Malen anregt?

SW Als meine Tochter einmal von einem Pferd gebissen wurde, hatte sie ein dickes Hämatom am Oberarm, das auch noch aufgerissen war, so dass Blut herunterrann und das Ganze sehr dramatisch aussah.

Sie kam nach Hause und war natürlich entsetzt darüber, wie ihr Arm aussieht und wie weh das tut. Mit dem Handy konnte ich diesen Moment festhalten und dokumentieren. Ich habe das Bild später gemalt, weil es eine von diesen Situationen ist, die zeigt, wie verletzlich ein Mensch ist. Da ist eine Verletzung entstanden und ich finde es interessant, diese in Malerei umzusetzen. Es sind häufig Themen, die in meinen Bildern auftauchen, bei denen es um die Verletzlichkeit und die Vergänglichkeit im Leben geht.

Svenja Wetzenstein: Hämatom, Öl auf Holz, 50 x 30 cm, 2016
(Foto: Olaf Abrat)
Svenja Wetzenstein: neu 2, Öl auf Holz, 40×20 cm, 2014 (Foto: Olaf Abrat)

AB Warum stürzt Du Dich auf diese Themen?

SW Ich glaube, dass es meine innersten und tiefsten Konflikte sind, mich damit abzufinden, dass unser Leben vergänglich ist. Das Thema hat mich als Kind schon stark bewegt – z. B. in dem Märchen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, wo es auch darum geht, dass das Leben in jedem Moment von jetzt auf gleich beendet sein kann. Im Grunde müssen wir jeden Tag aushalten, dass das so ist.

Svenja Wetzenstein: Walhall, Öl auf Holz, 40×40 cm, 2015 (Foto: Olaf Abrat)

AB Ich kenne Deine Bilder ja und sehe das Dramatische als einen roten Faden darin.

SW Es ist das kleine Drama des Alltags. Auch Andy Warhol beschäftigte sich in seinen Bildern mit den Dramen, die Menschen zustoßen. Allerdings wähle ich nicht wie er öffentlich publizierte Fotos als Ausgangsmaterial, die schreckliche Schicksalsmomente wie Autounfälle, Flugzeugabstürze oder den elektrischen Stuhl zeigen. Mir ist wichtig, dass es kein geliehenes Drama ist, dass ich nicht irgendwohin gehe und etwas fotografiere, was ganz schrecklich, aber nicht meines ist. Es entspringt dem eigenen Leben. Ich würde es als Effekthascherei empfinden, wenn ich Zeitungsausschnitte verwende von Dramen, die mich sicherlich berühren, die ich aber gar nicht erlebt habe. Das würde mir so vorkommen wie ein geliehenes Drama.

AB Du lebst ja in Niedersachsen und arbeitest auch dort. Was verbindet Dich (künstlerisch) mit Kiel oder Schleswig-Holstein allgemein?

SW Ich bin in Kiel geboren und habe meine gesamte Kindheit dort verbracht und die Zeit meines Studiums, also auch einen großen Teil meines Erwachsenenlebens, so dass ich noch ganz viele Kontakte und Freunde in Kiel habe. Was darüber hinaus noch eine wichtige Rolle spielt, ist das Meer. Das fehlt mir hier (an meinem Wohnort) in Niedersachsen. Diese bestimmte Stimmung an der Ostsee, die von wunderschön blauem Meer gehen kann bis hin zu grauem, trübem Novembermeer. Das ist eine Stimmung, die mir ganz wichtig ist.

AB Hat das etwas mit Begriff „Dunkelmaler“ zu tun?

SW Das kann gut sein. Es hat so eine Tiefe, so eine Unergründlichkeit und es ist ein mythischer Raum, denn das, was am oder im Meer ist, ist ja auch Thema zahlreicher Mythen. Das ist etwas, was mich immer ein Stück weit begleitet.

AB So oft habe ich das Meer an sich in Deiner Arbeit noch nicht gesehen.

SW Nein, es ist nicht das Meer an sich. Es gibt Bilder, in denen ich das Meer gemalt habe, aber in der Tat nicht viele. Es ist eher das Lebensgefühl, die Stimmung, die in mir drin ist, die großen oder kleinen Wellen, die an meine inneren Ufer branden. 

AB Was muss ein Foto oder eine andere Bildvorlage haben, um von Dir gemalt zu werden?

SW Früher war es mir wichtig, dass es kein eigenes Bild ist. Ich wollte kein Bild aus meiner Familie malen, was ein persönlicher Kontext ist und was für den Betrachter ja auch nicht unbedingt spannend ist. Nach vielen Jahren des Malens ist es für mich aber durchaus interessant geworden, eigene Bilder zu nutzen. Der Blickwinkel hat sich bei mir so verändert, dass ich davon ausgehe, dass es mir dabei nicht um eine persönliche Begebenheit geht, sondern um ein Bild, das eine Allgemeingültigkeit hat.

Svenja Wetzenstein: Haare waschen, Öl auf Holz, 50×30 cm, 2016
(Foto: Olaf Abrat)

AB Wie kam es zur Idee, Holz als Malgrund zu verwenden und was reizt Dich daran?

SW Ursprünglich kam es dazu, weil ich mit Fotos arbeite und das Gefühl hatte, dass mich die Struktur der Leinwand, diese Rubbeligkeit stört. Das stand in einem Missverhältnis zu der Ästhetik eines Fotos, das eine Glätte hat. So kam ich auf die Holzplatte. Beim ersten Mal habe ich sie noch grundiert, aber beim zweiten Mal habe ich mich gefragt: „Warum sollte ich die interessante Maserung, warum sollte ich dieses Geschenk, das die Holzplatte mitbringt, zurückweisen und übermalen, wenn ich das vielleicht für mein Bild gut gebrauchen kann?“ Ab dann habe ich angefangen, die Maserung des Holzes gezielt mit einzubeziehen. Sie ist ein genauso elementarer Teil des Bildes wie der Teil, den ich gemalt habe. Als Bildteile sind das Gemalte und das Nichtgemalte gleich wichtig.

AB Du nimmst die Maserung als Kompositionselement mit hinein?

SW Genau, aber auch um Dinge zu verstärken, als Hintergrund, in den das Auge alles hineinziehen kann, wie man es als Kind schon kannte. In der Holzmaserung kann man Gesichter sehen, Tiere erkennen, alles mögliche und im Bild funktioniert das im Grunde gleichermaßen, dass man die Struktur als Meer oder als Sand wahrnehmen kann, als Tapete oder was auch immer. Das Auge macht damit irgendetwas und lässt damit die Phantasie des Betrachters eine große Rolle übernehmen. Man kann sich gar nicht sicher sein, ob jeder immer das gleiche darin sieht.

AB Welchen künstlerischen Ausdruck könntest Du Dir noch als geeignet vorstellen, um das, was was nach außen muss, darzustellen? 

SW Radierung interessiert mich sehr, habe ich auch gemacht und finde ich sehr geeignet für mein Thema. Es ist aber eine technische Frage, weil ich hier z. B. keine Presse habe und das ist der Grund, warum ich diese Technik nur selten einsetze.

Ich habe in einer Kirche einmal eine Wand bemalt, was eine sehr interessante Erfahrung war. Aber die Struktur des Holzes ist einfach ein Element, was mir da schon gefehlt hat, weil es eine Dimension mehr ist, die ich meinem Bild damit geben kann.

AB Die Maserung ist ja ein Zufallselement.

SW Ja, ich male sehr kontrolliert und sehr diszipliniert, wenn ich die Teile des Fotos male und es ist natürlich ein Stück weit Zufall, wie das Holz gemasert ist. Häufig – nicht bei jedem Bild – lade ich den Zufall noch einmal ein, indem ich mit Farbe hineinspritze oder Farbe über das Bild laufen lasse. Das ist ein Verfahren, das ich nicht so stark kontrollieren kann, so dass ich denke, dass sich in einem Bild die bewussten und die etwas unbewussteren zufälligen Anteile zu einem Ganzen zusammenfügen. So hat es beides – nicht nur Kontrolliertes, Diszipliniertes, aber eben auch nicht nur Zufälliges.

AB Das hört sich so an, als ob Du erst einmal bei Deinem Material und Deiner Art und Weise des Malens bleiben wirst.

SW Ich glaube schon. Ich bin nach wie vor gefesselt davon und habe ganz viele Ideen von dem, was ich machen will.

AB Das ist ja auch so etwas wie ein Markenzeichen von Dir. Ich kenne zumindest niemanden, der in dieser Art und Weise arbeitet.

SW Robert Lucander, ein finnischer Maler und Professor an der Universität der Künste in Berlin, macht es auf eine ähnliche Art und Weise. Allerdings sind seine Arbeiten flächiger und grafischer, möglicherweise konzeptueller angelegt als meine.

AB Diese Interviewreihe heißt “Menschen brauchen Bilder“. Welchen Bezug hast Du zu Bildern ganz allgemein? Welche Rolle spielen sie in Deinem Leben?

SW Das ist für mich das Medium, was mich am tiefsten erreichen kann, also deutlich heftiger als Sprache oder auch Musik es kann. Ein Bild zu sehen ist bei mir etwas, was sich sofort einbrennt. Es hat bestimmt damit etwas zu tun, welche Wahrnehmungs-kanäle bei den einzelnen Menschen am stärksten ausgebildet sind. Bei mir ist es eindeutig der visuelle.

AB Gibt es eine künstlerische Arbeit, die Dich sehr stark beeindruckt oder beeinflusst hat und wenn ja, welche war das?

SW Sehr stark alte, mittelalterliche Malerei, Renaissance-Malerei, die man vor allen Dingen in Kirchen und an solchen aufgeladenen Orten erleben kann.

AB Inwiefern aufgeladen?

SW Kirchen sind ja keine neutralen Orte, sondern Orte, die den Menschen immer in irgendeiner Art und Weise etwas bedeutet haben – im Positiven oder im Negativen. Um diese Räume auszustatten, wurde früher viel investiert, viel möglich gemacht, um dem Menschen sozusagen das schriftliche Wort in Bildform näher zu bringen. Das finde ich bis heute immer wieder faszinierend – diese Formentradition, in der man selbst steht und die im Grunde im Mittelalter anfängt und die sich bis heute zwar thematisch, nicht immer mit religiösem Hintergrund, aber dennoch durchzieht.

AB Bist Du selbst religiös?

SW Ich glaube schon, dass es etwas zwischen Himmel und Erde gibt, aber meine Malerei ist nicht irgendeine Form der Religiosität. Diese religiösen Themen, z. B. die ganzen christlichen Darstellungen interessieren mich oder viele alte Malereien, die sich auf die griechische oder römische Mythologie der Antike beziehen. Diese Themen – Geborenwerden, Leben, Sterben, die Endlichkeit des Lebens, die Dramen des Lebens – waren immer schon zentrale Themen, die die Menschen bewegt haben. Wie der Tod überwunden werden kann – das ist das, was mich interessiert.

Wen ich z. B. sehr liebe, ist (Jacopo da) Pontormo aufgrund seiner völlig schrillen, leuchtenden Farben. Es sind ungewöhnliche Farben, in denen er Jesus bei der Kreuzabnahme gemalt hat – Gewänder, die in Farben leuchten, die man gar nicht in erster Linie damit assoziieren würde und eigentlich nur bestaunen kann, wie er diese Szene, die ja so leidvoll ist, so wunderschön malen konnte.

Als Barockkünstler fällt mir noch Caravaggio ein – den bewundere ich sehr oder die Stillleben-Künstler des Barocks. Das sind Bilder, die mich schon immer fasziniert haben – mit dieser vielfältigen Symbolik, mit den Tieren, die die Äpfel schon anfressen und der Sanduhr, Vergänglichkeitssymbolik.

Aus unserer Zeit fällt mir Peter Land ein, ein Künstler, der ganz viel zum Thema Scheitern gemacht hat. Er hat sein eigenes Scheitern immer wieder als Video, als Installation, als Performance ins Bild gesetzt. Das ist ein spannendes Thema: Immer wieder zu zeigen, wie man jedesmal wieder gnadenlos scheitert.

AB Was muss Deiner Meinung nach ein Bild oder allgemein – eine künstlerische Arbeit – haben, um Emotionen hervorzurufen?

SW Bei gemalten Bildern ist es einerseits der gemalte Gegenstand, das Bild-Sujet, auch wenn es nicht gegenständlich ist, dass das funktioniert, und dass es auch gleichermaßen so funktioniert, dass die Farbe ja auch ein Material ist – zugleich Inhalt und Material. Das ist immer wieder ein wichtiges Kriterium dafür, ob mich eine Arbeit berührt oder nicht. 

Von Bildern, die mich berühren, kann man theoretisch einen Ausschnitt nehmen, z. B. 1×1 cm, und auch dieser eine Ausschnitt funktioniert sozusagen als abstraktes Bild, wenn er toll gemalt ist. Es ist mein hehres Ziel, dass jeder Quadratzentimeter für sich funktioniert und so wirklich Malerei ist, zugleich Idee und Farbe. Dann wäre ich glücklich.

AB Wen erreichst Du oder berührst mit Deinen Bildern hauptsächlich? Wer fühlt sich durch Deine Bilder besonders berührt?

SW Das kann ich eigentlich schwer sagen. Mir fallen eher die Leute auf, die sagen: „Oh, damit kann ich gar nichts anfangen.“ Ich habe das Gefühl, dass es immer Leute gibt, die sehr erschrocken sind und die sich sofort abwenden, weil sie damit gar nicht umgehen möchten. Das ist eine Reaktion, die sehr eindeutig ist. Die Leute, denen es gefällt, die stehen vor meinen Bildern und sagen eigentlich gar nicht viel, sondern gucken und erst im Nachhinein erfahre ich manchmal: „Das habe ich schon vor zwei Jahren gesehen und das hat mich damals schon berührt.“ Es hat viel damit zu tun, ob man sich damit auseinandersetzt, dass Dinge endlich sind und wer das nicht zulassen mag, der mag auch meine Bilder nicht zulassen.

Es gab mal eine Frau, die wusste, dass sie sehr krank ist und nicht mehr lange lebt und sie hat gesagt: “Ich möchte Deine Bilder kaufen und möchte Deine Bilder in den letzten Monaten, die ich leben werde, bei mir haben.“ Sie ist wohl schlussendlich unter meinen Bildern tatsächlich gestorben.

AB Was macht das mit Dir, wenn Du das so erzählst?

SW Es macht mich eigentlich total glücklich, dass jemand in solch einer entscheidenden Situation, von der man selbst gar nicht weiß, wie man damit umgehen würde, sagt: „In solch einer Situation helfen mir Deine Bilder“.

AB Ich kann mir vorstellen, dass Deine Bilder dann gut weiterführen und wieder etwas öffnen, wenn man in solch einer vielleicht ausweglos erscheinenden Situation ist.

SW Das ist das, was ich immer wieder spannend finde, dass eine Situation der Vergänglichkeit sowohl der Anfang als auch das Ende ist. 

Svenja Wetzenstein: Elster, Öl auf Holz, 30×20 cm, 2017 (Foto: Olaf Abrat)

AB Wenn Du einen Wunsch an die Kunstwelt in Deutschland hättest, welcher wäre das?

SW Dass es selbstverständlich ist, dass Künstler ein Honorar für ihre Arbeit bekommen! Jeder Musiker, jeder Schauspieler bekommt Geld und ich finde, das haben wir Maler auch verdient.

Es wäre schön, wenn man dafür bezahlt würde und davon leben könnte. Dass künstlerische Arbeit honoriert wird, ist die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt die Zeit findet und auch die Kraft aufbringt, Kunst zu machen statt sich im Broterwerb anderweitig aufzureiben.

Was das Wort nicht kann, kann ein Bild. Wort und Bild sind unterschiedliche Qualitäten und ich finde es wichtig, dass diejenigen mit dem Bild gleichermaßen honoriert werden wie diejenigen mit dem Wort.

AB Woran liegt es aber, dass wir Künstler nicht bezahlt werden oder dass nur so wenige davon leben können.

SW Ich schätze, dass es daran liegt, dass Maler ohnehin malen. Weil sie davon nicht leben können, nehmen sie alles Mögliche in Kauf, damit sie trotzdem weiterarbeiten können, egal wie sehr man sich kaputtmacht, wie wenig man schläft und wie wenig Geld man verdient. Man macht immer weiter und sagt nicht konsequenterweise: „Ihr bekommt nie wieder ein Bild von mir zu sehen“.

Eine Sache kommt mir noch in den Sinn. Wie ich vielleicht zu meinen Bildern gekommen bin: Ich erinnere mich, dass ich als ganz kleines Mädchen, mit vier Jahren oder so, eine Malschule in Kiel bei einem Maler besuchte. Ich weiß nur noch, dass er Manfred hieß. Wir haben mit ihm eine Exkursion in ein Museum gemacht. Ich habe überhaupt keine Ahnung mehr, welches es war. Es waren dort mittelalterliche Skulpturen ausgestellt und darunter war ein ganz abscheulicher Teufel, vor dem ich riesengroße Angst hatte. Ich war vollkommen entsetzt und fragte mich: “Warum können Menschen überhaupt so etwas machen? Das ist doch fürchterlich. Warum machen die nicht etwas Schönes?“ Da sagte Manfred  zu mir: „Den haben die gemacht, weil ich in dem Moment, in dem ich den Teufel male oder als Skulptur abbilde, keine Angst mehr vor ihm zu haben brauche. In dem Moment habe ich ihn in die Welt gebracht.“ Davon war ich so beeindruckt und das ist vielleicht auch irgendetwas, was in meinen Bildern drin ist. Vielleicht kann ich es ein Stück weit kontrollieren dadurch, dass ich es selber mache. 

AB Vielen Dank für das spannende und interessante Gespräch. Wenn jemand mehr über Dich erfahren möchte, wo findet man weitere Informationen?

SW Ich habe eine Website: www.svenja-wetzenstein.de (Überarbeitung in 2020) und neuerdings bin ich auch bei Instagram. 

Spätestens im März 2020 wird es auch einen Katalog geben: „Schatten, Staub und Wind“; Kettler Verlag Dortmund, im Buchhandel oder bei mir erhältlich

Interview mit Susanne Renner

Susanne Renner in der Yoko Ono-Ausstellung “Peace is Power”, MdbK Leipzig (Foto: Astrid Blohme)

AB Vielen Dank, dass Du Dich bereit erklärt hast, an der Interviewreihe “Menschen brauchen Bilder” teilzunehmen. Sagst Du zu Beginn ein paar Sätze zu Dir, wer Du bist, woher Du kommst und was Deine aktuelle Tätigkeit ist?

SR Ich heiße Susanne Renner und ich bin Diplom-Künstlerin. Ich arbeite mittlerweile auch als freie Dozentin, weil ich erkannt habe, dass es für mich sehr wertvoll ist, Kunstkurse für andere Menschen zu geben.

Ich komme ursprünglich aus Hoyerswerda in Sachsen und habe an der Bauhaus-Universität in Weimar Freie Kunst im Bereich Malerei und Zeichnung studiert. Seit 2008 lebe ich jetzt in Leipzig, wo ich mich sehr wohl fühle.

AB Deine künstlerische Arbeit deckt ein sehr weites Spektrum ab. Welche siehst Du darin momentan als Deine künstlerischen Kernthemen an?  

SR Ich male vor allem intuitiv. Das heißt, meine Malerei hat immer sehr viel mit mir zu tun. Ich arbeite konkret mit meinen Stimmungen, mit dem, was mich gerade bewegt. Mir geht es zum einen um den Prozess, den ungewissen Weg zum Bild und zum anderen um den Versuch, ein Abbild meiner Gefühle und dessen, was ich gerade empfinde zu erschaffen. Dabei folge ich meist ganz einfach dem Impuls: „So, jetzt möchte ich malen und ich schaue, was sich zeigt“. Meine Malerei ist für mich eine Möglichkeit der Innenschau und Reflexion.

Über die Jahre habe ich eine eigene, abstrakte Formensprache entwickelt. Ist ein Bild vollendet, versuche ich es im Nachgang zu interpretieren und zu entschlüsseln. Die Sprache meiner Bilder verändert sich von Zeit zu Zeit und spiegelt auch meinen eigenen, persönlichen Prozess im äußeren Leben wider. Ich öffne und entdecke mich selbst innerlich mehr und mehr und dadurch werden auch meine Bilder immer differenzierter und ausdrucksstärker. Ich würde deshalb sagen: Das was ich male, ist immer ein Äquivalent zu meinem aktuellen Ist-Zustand.

Das Thema meiner künstlerischen Arbeit bin ich selbst. Meine Malerei ist aus diesem Grund sehr intim und persönlich. Ich finde es spannend, mich und meine Gefühle über die Malerei zu erforschen. Mein Wunsch ist es, meine Gefühle über den malerischen Ausdruck immer mehr zu treffen und wiederzugeben. Dafür probiere ich auch immer wieder verschiedene oder neue Techniken aus und schaue, was passen kann und passiert. Das Experiment ist mein ständiger Begleiter beim Malen.

AB Wie beeinflusst Dich Dein Bild beim Malen?

SR Ich fange meist irgendwo auf dem Blatt Papier an, vielleicht mit einer großen Farbfläche. Dann entsteht aus dem nächsten Impuls heraus zum Beispiel eine Linie. Das Bild baut sich von Impuls zu Impuls aus dem Vorhergegangenen auf. Es ist ein sehr offener Prozess und während des Malens beobachte ich genau, was passiert. Ich bin gespannt, was entsteht ohne es bewusst zu steuern. Im Ergebnis sind meine Bilder oft sehr unterschiedlich, aber in Bezug auf ihre Formensprache sehr ähnlich. Ich habe mittlerweile eine Formensprache entwickelt, die in sich geschlossen ist. In mir ist eine Welt, die ich durch das prozesshafte Arbeiten freilege – Punkte, die anfangen zu leuchten. Das ist für mich wunderschön wenn es klappt, aber oft bin ich auch sehr unzufrieden, weil ein Bild nicht ganz so gut und treffend geworden ist.

Ich bin immer im Austausch mit meinen Bildern, auch wenn sie schon älter sind. Oft halte ich mit ihnen eine längere Zwiesprache, betrachte sie länger und fühle mich ein. Die Betrachtung der Bilder hilft mir, meine Formensprache weiterzuentwickeln. Ich überlege: “Was könnte das jetzt sein?“ – Die Bildelemente dienen als Übertragung oder Symbole, die für das stehen was mich bewegt. Aktuell sind es kleine schwarze Spinnentiere, die überall im Bild auftauchen. Das Entschlüsseln dieser Symbole verbindet mich mit mir. Ich erkenne mich darin wieder und ich spüre: „Das bin ich“. Solche Momente schenken mir ein tiefes Gefühl von Glück. Viele Dinge kann ich nicht in Worte fassen. Dies über die Malerei und meine Technik zu können, finde ich unglaublich befriedigend. Ich bin dankbar dafür.

Meine Formensprache und mein Ausdruck entwickeln und verfeinern sich ganz direkt während des Arbeitens. Bin ich nicht zufrieden, gestalte ich zum Beispiel eine Farbstelle das nächste Mal noch wässriger oder ich benutze einen anderen Pinsel. Ich möchte den Ausdruck immer genauer treffen. Im nächsten Bild versuche ich es noch mehr. Das ist mein Antrieb und schenkt mir die meiste Befriedigung beim Malen. Es kommt auch vor, dass ich längere Zeit nicht male und dann gibt es auf einmal einen wahnsinnigen Sprung. Die Formensprache hat sich verändert oder ist ganz anders. Da ist eine Alchemie in mir. Ich tauche ein und wieder auf. Die Bilder und ich – wir nähern uns immer wieder und weiter an. Das ist das was mich am Malen so fasziniert. Generell fällt es mir aber nicht leicht, über das zu sprechen, was in meinen Bildern zu sehen ist und es ist schwer, etwas dazu zu sagen, wenn andere fragen.

Susanne Renner: “Touched”, Aquarellfarbe auf Papier, 30 x 40 cm, 2019

AB Wie reagieren andere, wenn sie Deine Bilder sehen? Andere sehen wahrscheinlich etwas ganz anderes. Ich vermute, dass man das sieht, was man sehen will, wenn man seine eigenen Bilder anschaut. Welche Erfahrungen hast Du damit gemacht?

SR Ich habe sehr interessante Erfahrungen damit gemacht. Während meines Studiums habe ich wirklich gekämpft. Ich sollte benennen, was ich gemalt hatte, konnte es aber nicht. Mir fiel es schwer, das Gemalte in Worte zu fassen. Ich wusste nur, dass es richtig ist. Damals dachte ich: „Meine Bilder versteht kein Mensch. Ich habe einmal mit einer intuitiv arbeitenden Künstlerin gesprochen und sie hat gesagt: „Die Bilder sind das was sie sind. Basta.“ Das hat mir sehr geholfen. Mittlerweile habe ich verstanden, dass ich meine Bilder nicht mehr erklären muss. Die Bilder sprechen für sich und ich kann sie so lassen. Das finde ich sehr entspannend. Es gibt diese Menschen, die sich meinen Bildern emotional nähern können, die instinktiv einen Zugang finden, sich einstimmen, einlassen und nicht gleich bewerten, indem sie versuchen, etwas zu erkennen. Das ist der Einstieg in das Bild. Das ist auch genau mein Wunsch. Der Betrachter geht mit sich selbst in Kontakt anstatt sich assoziativ dem Bild zu nähern. „Ich sehe hier einen Baum“ oder „Ich sehe hier ein Tier“. Der Versuch, den Dingen einen Namen zu geben, entsteht oft aus Hilflosigkeit, weil es Sicherheit gibt. Diese Aussagen reichen mir aber nicht.

Spannender und herausfordernder finde ich es, sich unbefangen auf das Unbekannte einzulassen. Ich bin dennoch sehr offen und unterhalte mich gerne mit dem Betrachter über die Bilder, über seine Empfindungen, Gedanken und Eindrücke dazu. Es ist aber auch in Ordnung, dass manche Menschen gar nichts mit meinen Bildern anfangen können, wo es also nicht weitergeht. Die höchste Kunst ist es, sich wirklich auf etwas einzulassen, aber das ist eben nicht einfach und es braucht Mut. Ich spüre dann oft, wieviel Unsicherheit da ist etwas Falsches zu sagen. Es gibt eben diese und jene Menschen. Das erlebt jeder Künstler. Das Kunstempfinden ist subjektiv. Meine Bilder brauchen die Zeit des Betrachters. Es sind „Fühl-Bilder“. Für mich ist immer wieder spannend: Fühlt der Betrachter das, was ich fühle oder hat er neue Gedanken dazu? Findet eine Übertragung, ein Austausch zwischen Bild und Betrachter statt? 

AB Wie merkst Du, dass Du jetzt gerade wieder malen musst? Gibt es dafür besondere, optimale Bedingungen? Ich weiß, dass Du gerne draußen malst, zum Beispiel an einem Fluss mit Flusswasser. Magst Du dazu etwas erzählen und auch etwas zu den Farben, die Du verwendest?

SR Zur Zeit male ich vorrangig mit Aquarellfarben oder farbiger Tusche auf Aquarellpapier in kleinen und mittelgroßen Formaten bis 70 x 100 cm. Die fließenden und zufälligen Eigenschaften der Farben passen wunderbar, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Um ins Fühlen und Malen zu kommen, nutze ich manchmal besondere Auslöser wie Musik oder ich gehe in die Natur, ans Wasser. Ich sitze dann zum Beispiel an einem Fluss und höre das Zwitschern der Vögel, das Rauschen des Wassers, die zitternden Blätter der Bäume, das Summen der Insekten, ich spüre die Sonne und den Wind. Ich komme dadurch in eine tiefe Entspannung. Es ist wie eine Meditation. Dann übertrage ich mit dem Pinsel subjektiv all das, was ich in dem Moment wahrgenommen habe, auf das Blatt Papier. Das ist ein heiliger Moment für mich. Ich fühle mich dann eins mit der Natur um mich herum. Das ist wunderschön.

Oft entstehen meine Bilder aber einfach aus dem Impuls heraus: „Jetzt habe ich Lust, jetzt möchte ich malen.“ Das Signal ist dann so stark, dass ich sofort alles andere weglegen muss. Wenn ich länger nicht gemalt habe, gibt es einen Punkt, an dem es mich regelrecht drängt zu malen. Das ist dann körperlich sehr stark spürbar. Ein Bild so zu beginnen klappt aber nicht immer. Ich kann mich nicht zwingen, ein Bild zu malen und muss warten. Das frustriert mich oft, denn meine Bilder entstehen relativ schnell und spontan. Ich kann leider nicht einfach wie andere Künstler eine Staffelei hervorholen und in der Zeit des Wartens an einem anderen Bild weiter malen. Das kann anstrengend sein. Ich muss geduldig warten und dann kommt auf einmal der nächste Impuls aus einem Gefühl heraus. 

Susanne Renner: “Exploration”, Aquarellfarbe auf Papier, 30 x 40 cm, 2019

AB Wenn die Bilder Deine Gefühle und Stimmungen ausdrücken sollen, dann ist es wahrscheinlich schwierig sich vorzunehmen: „Ich male jeden Dienstag.“

SR Das könnte aber auch ein Konzept sein.

AB Okay – und man guckt dann, was kommt – manchmal nichts und manchmal ganz viel?

SR Gerade wenn man mit Stimmungen malt, kann der richtige Moment auch schnell wieder vergehen. Dann hat man keine Lust oder es ist gerade zu intensiv oder es passt zeitlich gerade nicht und dann verschwindet der Moment und das Bild ist nicht gemalt.

AB Das bringt mich auf Deine Arbeit mit Kindern, denn dort gibt es eine Regelmäßigkeit, weil Du ja Kurse anbietest. Was ist dort Dein Ansatz und was reizt Dich an der Arbeit mit Kindern? Was ist Dein Ziel dahinter?

SR Ich arbeite seit circa zwei Jahren in meinen Kunstkursen mit Kindern und Erwachsenen zusammen. Innerhalb der künstlerischen Arbeit ist mir der Prozess wichtig und ich arbeite selbst sehr experimentell. Das bietet eine große Freiheit und führt zu spannenden Ergebnissen in den Kursen. Ich möchte den kleinen und großen Menschen vermitteln, künstlerisch und kreativ eigene Lösungen zu finden und Wege zu gehen, indem sie experimentieren und sich ausprobieren, um zum eigenen Ausdruck zu gelangen.

Ganz besonders intensiv kann ich dies mit den Kindern erleben. Die Kindernehmen meine kreativen Angebote meist mit spontaner Begeisterung an. Es gibt Kinder, bei denen öffne ich damit nur eine Schleuse und es fließt alles von ganz allein aus ihnen heraus. Es gibt aber auch jene Kinder die – vielleicht durch die Schule – ganz gehemmt sind und sich nur ganz zaghaft öffnen können. Ihnen gebe ich Unterstützung. Erwachsene sind ja eigentlich auch nur kleine Kinder in erwachsenen Körpern. Auch hier zu sehen, wie sie wieder aufblühen und sich mutig trauen, ist wunderschön und verleiht meiner Arbeit Sinn. Den eigenen Ausdruck zu finden – das ist das, was mich wirklich am meisten beflügelt bei der Arbeit mit den Kindern und Erwachsenen.

AB Es ist wahrscheinlich ein Raum, den Du den Leuten gibst. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man sich den Raum oft selbst nicht nimmt. Man gönnt sich diese Zeit nicht und läuft im Alltagstrott weiter.

SR Ja, genau so ist es. Es funktioniert – ich öffne für die Menschen einen Raum in dem sie wieder schöpferisch tätig sein können. Die Kunst liefert einen Einstieg dafür. Auf diesem Weg möchte ich die Menschen begleiten. 

AB Susanne, hast Du eine Idee, wohin Dein künstlerischer Weg gehen wird? Wir haben ja gesagt, dass Du und Deine Bilder – dass Ihr Euch immer weiter annähert. Hast Du noch irgendwelche Assoziationen dazu?

SR Das ist eine interessante Frage. Mein Wunsch ist es, dass meine Malerei noch kraftvoller und direkter wird – auch in der Kommunikation mit dem Betrachter, dass sie berührt.

AB Das heißt aber auch, dass Du nicht nur für Dich selbst malst, wie Du anfangs sagtest, sondern es ist eine Absicht da, die Menschen zu berühren?

SR Ja, der Wunsch zu berühren ist definitiv da. Ich bin selbst fasziniert von der Art Malerei, die so total ist, dass man davor steht und einfach nur erschüttert ist.

AB Welche Werke haben Dich so besonders erschüttert oder berührt? Hast Du Beispiele, über die Du hier erzählen möchtest?

SR Die Malereien von Francis Bacon zum Beispiel transportieren so eine geballte emotionale Kraft oder die späten Werke von Vincent von Gogh. Man spürt die Kraft und die Not in den Bildern. Ich spüre den Künstler. Das meine ich mit Totalität.

Ein Künstler kann sich aber auch gut in seiner Arbeit verstecken.

AB Was meinst Du hier mit „verstecken“?

SR „Verstecken“ ist vielleicht das falsche Wort. Mich persönlich faszinieren die Künstler, die wirklich schonungslos ihre persönliche Geschichten erzählen und es damit schaffen die Menschen ganz direkt zu berühren. Wie Louise Bourgeois zum Beispiel, die ihre tragische persönliche Familiengeschichte immer wieder in ihrer Kunst verarbeitet hat. Diese absolute Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber finde ich mutig, stark und inspirierend.

AB Woran siehst Du, dass ein Werk ehrlich ist?

SR Das spürt man einfach. Ich muss es dem Künstler glauben können. Es liegt eine Verletzlichkeit in dem Werk. Es ist nicht künstlich oder gewollt. In dieser Verletzlichkeit liegt eine große Kraft. Wir verstecken uns ja alle aus Angst verletzt zu werden und tragen deshalb oft die eine oder andere Maske. Als Künstler ist man täglich dieser Haltung ausgesetzt, es braucht den Mut sich zu zeigen, immer wieder. Die persönliche, wahrhaftige Erlebenswelt des Künstlers über seine Arbeit zu erfahren, finde ich bereichernd und treibt mich in meinem künstlerischen Schaffen an.

AB Jetzt noch einmal zurück zum Titel der Interviewreihe: „Menschen brauchen Bilder.“ Welchen Bezug hast Du zu Bildern allgemein?

SR Wir Menschen brauchen Bilder, um uns zu erinnern oder zu verorten. Wenn ich ein Bild betrachte, ist das immer ein Kontaktmoment. Es findet ein Austausch und eine Berührung statt. Das kann eine Skulptur, ein Foto sein, eine Zeichnung oder eine Malerei, die mich betrifft, anregt und inspiriert. Ich sammle selbst mit Leidenschaft Bilder, zum Beispiel aus Zeitschriften oder Postkarten. Ich bin zu Hause umgeben von unterschiedlichsten Bildern.

Ein gutes Bild transportiert für mich das, was man mit Worten nicht ausdrücken kann. Der Betrachter spürt: „Dieses Bild trifft es absolut“ oder „Das Bild sagt mir so viel“. Wenn ich etwas nicht verbalisieren kann, finde ich die Antwort vielleicht in einem Bild was ich sehe. Das finde ich selbst so spannend an Malerei und der Kunst an sich. 

Jeder Künstler erzählt eine persönliche Geschichte, beschreibt seinen Blick, sein Verständnis von der Wirklichkeit der Welt. Die anderen Menschen brauchen seine Bilder, um diese Geschichte erfahren zu können. Vielleicht auch um sich dadurch selbst besser verstehen zu können. Bilder sind ein wichtiges Mittel der Kommunikation.

AB Susanne, welchen Wunsch hast Du an die Kunstwelt in Deutschland?

SR Mehr Mut und auf die leisen, sensitiven Stimmen hören! Sie sind wichtig. Nicht so sehr auf Biografien schauen, sondern auf die Qualität und den Ausdruck der Arbeit. Es gibt so viele spannende Positionen, die keinen Raum bekommen. Die Marktmechanismen sind leider gegenläufig und das finde ich so schade.

AB Du bist ja mit Deinem Angebot für Kinder und Erwachsene auf einem Weg, dies zu verändern.

SR Kunst ist ein gesellschaftliches Thema. Mir ist es wichtig, dass wir wieder lernen, kreativ zu werden und zu einem authentischen Ausdruck zurückfinden. Das gibt mir sehr viel und den Menschen, die mit mir zusammenarbeiten, auch.

AB Susanne, vielen Dank für das spannende Gespräch. Wenn jemand mehr über Dich erfahren möchte, wo findet man weitere Informationen? 

SR Ich danke dir auch sehr für das gute Gespräch. Auf meiner Website www.susanne-renner.com finden die Leser alle Informationen zu mir, meiner künstlerischen Arbeit und zu meinen Kursen. 

Interview mit Ruth Bleakley-Thiessen

Foto: Ruth Bleakley-Thiessen (privat)

AB Vielen Dank, dass Du Dich bereit erklärt hast, an der Interviewreihe “Menschen brauchen Bilder” teilzunehmen. Sagst Du zu Beginn ein paar Sätze zu Dir, wer Du bist, woher Du kommst und was Deine aktuelle Tätigkeit ist?

RBT Mein Name ist Ruth Bleakley-Thiessen. Ich komme ursprünglich aus Nordirland, aber ich wohne schon seit 40 Jahren in Schleswig-Holstein. Ich habe Kommunikationsdesign studiert und im Moment arbeite ich als Autorin, Coach und Künstlerin.

AB Welche Rolle spielen Bilder in Deinem Leben? Hat sich diese Rolle im Lauf der Zeit verändert?

RBT Bilder spielen eine sehr große Rolle in meinem Leben – sowohl die Bilder, die man sieht, als auch die Bilder, die man im Kopf hat – die Bilder, die man auch sieht, wenn man die Augen geschlossen hat. Das sind alles Dinge, mit denen ich in meiner Arbeit spiele.

AB Hast Du ein Beispiel dazu?

RBT In meiner Kunst benutze ich Bilder, damit Menschen – besonders Frauen, weil ich am meisten mit Frauen arbeite – gezwungen sind, ein bisschen anders zu denken, über sich selbst und über ihr Leben, damit eine Umwandlung geschehen kann. Für meine Kunst verwende ich Alltagsgegenstände, damit die Betrachterin/der Betrachter einen Teil von sich selbst erkennt. Es geht um die Identifizierung mit unseren Alltagsgegenständen, um ein bisschen aus diesem Alltag herauszukommen, um anders – angeregt – darüber nachzudenken. So geschieht es auch in meinem Coaching.

AB Noch einmal zum zweiten Teil der Frage: Hat sich die Rolle der Bilder im Lauf der Zeit verändert?

RBT Auf jeden Fall. In den letzten 15 Jahren war meine Kunst so etwas wie eine Selbst-Therapie. Ich bin durch sehr viele Frauenthemen durchgegangen, ganz unbewusst natürlich. Es sind Dinge, mit denen ich schwanger war, die einfach rausgekommen sind. Es gab kein Stoppen. Es war eine Zeit, in der ich wirklich sehr viel Kunst gemacht habe, um meine eigenen Themen zu verarbeiten.

AB Magst Du Themen nennen?

RBT Hausfrau sein, Mutter sein, Ehefrau sein, Unterdrückung. Ich habe mich sehr engagiert für Terre des Femmes als aktives Mitglied gegen Genitalverstümmelung. Das habe ich auch in einigen Bildern verarbeitet.

AB Du hast schon angedeutet, dass Du Installationen anfertigst. Wie suchst Du die Materialien dafür aus? Woher weißt Du, dass bestimmte Materialien genau zu Deinen Themen passen?

RBT Unterschiedlich. Es gibt bestimmte Materialien, die ich bevorzuge, zum Beispiel Fahrradschlauch oder Damenstrumpfhosen. Es gibt aber auch andere Alltagsgegenstände, die ich in der Hand habe und denke: „Okay, ich kann ein bisschen damit `rumspielen.“ Damit fängt es immer an bei mir, dass ich damit `rumspiele und gucke, was entsteht. Ich merke, wenn ein Kunstwerk fertig ist, indem ich anfange, darüber zu schmunzeln.

AB Noch einmal zurück zu den Materialien: Hast Du eine Idee, was Dich da genau anspricht, bei Fahrradschlauch und Nylonstrümpfen?

RBT Beim Fahrradschlauch ist es dieses „Innen“ und „Außen“. Außen ist er glatt, hart, aber trotzdem weich und wenn man den Schlauch aufschneidet, ist dieses Pulver darin. Es sieht aus wie Blei, das ist es aber nicht. Ich verarbeite die Schläuche zu Blumen und ich finde den krassen Gegensatz von „Innen“ und „Außen“ so faszinierend.

Bei den Damenstrumpfhosen ist es dieses Verkleiden. Wir Menschen haben unsere alltäglichen Masken, die wir tragen, um uns sicher zu fühlen und um unsere Rollen im Leben zu spielen, obwohl diese Damenstrumpfhosen sehr durchsichtig sind. Während der Lübecker Ateliertage habe ich eine Fotosession mit sehr vielen Menschen gemacht, die die Strümpfe übergezogen haben – über die Hände, über die Beine, über das Gesicht. Obwohl man die Menschen sehen konnte, fühlten sie sich verkleidet und sie haben sich wirklich anders verhalten. Ich finde das total irre. Auch wenn ich zum Beispiel einen Gegenstand mit diesem Material, mit dieser Strumpfhose beziehe, verändert sich das.

AB Ich erinnere mich gerade an den Stuhl.

Verkleideter Stuhl, Ruth Bleakley-Thiessen

RBT Ja, der verkleidete Stuhl. Der sieht völlig anders aus und es macht einen Gegenstand total organisch. Das finde ich faszinierend – dieses „Anders werden“, wenn ich etwas anziehe und wie es ist, es auch wieder auszuziehen. Es ist, als ob wir einen Teil von uns wieder ausziehen, als ob wir uns nackt machen. Es ist auch genau das, was mir im Coaching begegnet, wenn wir eine Rolle fallen lassen, wenn wir ein bestimmtes Muster verarbeitet haben in unserem Leben oder ein Stück von unserem Ego anschauen, was ich sehr gerne mit Menschen tue. Man fühlt sich nackt, aber man fühlt sich sehr gut nachher, weil man mehr an die Essenz der Persönlichkeit herankommt.

AB Wo oder wie findest Du die Themen für Deine künstlerische Arbeit?

RBT Die Themen sind in meinem Kopf. Die kommen von ganz alleine. Ich merke, ich gehe mit irgendeinem Thema schwanger, bis ich das Gefühl habe, es muss heraus – diese Kreativität. In dem Augenblick kann ich nicht anders als kreativ zu sein.

AB Wie hängt Deine Kunst mit Deinen anderen Tätigkeitsfeldern als Coach, Autorin und Trainerin zusammen?

RBT (lachend) Ich bohre gerne. Dr. Gerhard Graulich, Direktor des Staatlichen Museums Schwerin, hat bei einer Ausstellungseröffnung im St. Annen Museum in Lübeck gesagt, dass ich gerne meinen Finger in die Wunde stecke. Ich halte fest, was falsch, klischeehaft oder ungerecht ist. Dort habe ich ein Werk zum Thema „Burka“ gezeigt. Ich habe drei Spiegel mit Damenstrümpfen versehen – einmal als Burka, einmal mit einer Nonnen-Kopfbedeckung und auch als Kopftuch. Es war so, dass man davor stehen und im Spiegel seine eigenen Augen sehen konnte, als ob man eine Burka aufgesetzt hätte. Man konnte sich so ein bisschen in das Gefühl hineinversetzen, eine Burka zu tragen. In meiner Arbeit als Coach bohre ich auch gerne. Dort gehe ich in die Tiefe und bin sehr gründlich.

AB Was treibt Dich dabei an?

RBT Wenn jemand zu mir kommt, übernimmt mich etwas. Ich lasse mich gerne leiten. Es geschieht, was geschehen soll. Ich bin nicht diejenige, die etwas macht. Es geschieht einfach. Das ist auch in der Kunst so ähnlich. Es geschieht.

AB „Menschen brauchen Bilder“ – so heißt diese Interviewreihe. Welchen Bezug hast Du zu Bildern ganz allgemein?

RBT Ich bin ein sehr visueller Mensch. Ich brauche Bilder und ich brauche das Schöne um mich herum, das Ästhetische. Ich mag das um mich herum haben, was mir gefällt. Das kann auch wechseln, aber ich muss Farbe haben. Das ist mir wichtig. Ich brauche eine Struktur in Bildern, sei es ein Muster oder irgendetwas, was ich erkennen kann. Bilder sind wichtig, Aussagen sind wichtig.

AB Ich gehe davon aus, dass Du hier reale, anfassbare Bilder meinst.

RBT Richtig. Ich habe in meinem Leben so viel illustriert, dass ich keine Lust mehr hatte zu malen. Deshalb habe ich es in den letzten Jahren bevorzugt, Dinge zu nehmen, die ich wirklich anfassen kann. Also 3D.

Nach meinem Studium habe ich sehr viele Bücher illustriert. Kinderbücher, satirische Zeichnungen und Kochbücher habe ich gemacht.

AB Kann man davon noch irgendwo etwas sehen? 

RBT Es gibt ein Kochbuch mit deutschen Rezepten in einem irischen Verlag. Ich habe für unterschiedliche Verlage gearbeitet, das keltische Baum-Horoskop habe ich auch gemacht.

AB Nun werfen wir einmal einen Blick auf andere KünstlerInnen. Wer hat Dich besonders beeindruckt? 

RBT Niki de Saint Phalle hat mich sehr inspiriert mit ihren Figuren, die Größe, die Aussage. Auch Picasso hat mich sehr inspiriert. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich vor einem Picasso-Bild stand. Ich glaube, es war „Guernica”. Da habe ich gedacht: „Wow, das ist wirklich ein Genie!“ Ich habe auch ein Buch von Francoise Gilot, einer seiner Frauen gelesen, die über das Leben mit ihm schrieb. Ich finde nicht alles gut, was er als Mann gemacht hat, aber als Künstler finde ich ihn absolut faszinierend. Ich mag das Geniale an ihm und dass er ein Vorreiter war.

AB Was meinst Du ganz genau? Ist es der Kubismus?

RBT Ja, es ist der Kubismus, diese völlig andere Art zu denken – und die Menge und Unterschiedlichkeit seiner Werke, auch seiner Skulpturen. 

Noch ein anderer Mann hat mich sehr in meinem Leben geprägt. Das war mein Professor, Bernhard Schwichtenberg. Er hat sich sehr viel mit Menschenrechten beschäftigt. Ich habe bei Ihm meine Examensarbeit gemacht. Es war eine Plakatserie für den deutschen Tierschutzbund. Das Thema Menschenrechte hat mich in meinem Leben immer wieder begleitet.

AB Womit hängt das zusammen? Mit Deiner Geschichte?

RBT Ja natürlich, denn ich komme aus Nordirland. Ich habe die ganze Unruhe dort erlebt und hatte immer den Wunsch, Frieden in die Welt zu bringen.

AB Welche Dinge sind für Dich in einem Werk wichtig, damit es Dich in den Bann ziehen kann?

RBT Es können Farben sein, starke, wunderschöne, leuchtende Farben. Ich bin eher ein Frühlingsmensch.

AB War das schon immer so?

RBT Ja. Es können eigentlich ganz unterschiedliche Dinge sein und es muss auch gar kein bekannter Künstler sein. Ich sehe etwas und denke: „Wow, das ist toll!“ Es kann eine Idee oder auch nur die Umsetzung sein. Es sollte aber etwas völlig anderes sein, eine andere Art zu denken, was ich auch während meines Studiums als Kommunikationsdesignerin gelernt habe.

AB Ja, damit wird auch das Thema Werbung berührt, in dem es darum geht, andere in den Bann zu ziehen. Deshalb achtest Du wahrscheinlich darauf.

RBT Ja, das ist so.

AB Okay, das ist also das, was bei Dir Emotionen auslöst?

RBT Ja, aber nicht nur bei mir. Wenn ich etwas mit einem Kunstwerk bezwecke und es ausstelle, dann kommen viele Menschen, die etwas völlig anderes darin sehen als ich und das finde ich faszinierend. Jeder nimmt seine Geschichte und seine Prägung mit.

AB Fällt Dir dazu ein Beispiel ein? Was hat Dich besonders überrascht?

RBT Ich habe ein Bild zum Thema „Haut“ gemacht. Es bestand aus Acrylplatten und ich habe Daumenabdrücke darauf gebracht – mit Ausschnitten von Strumpfhosen. Es ging mir nur um Haut und den Daumenabdruck. Es stand eine Frau davor, fing an zu weinen und meinte: „Das ist Misshandlung.“ Ich habe auch ein Objekt gemacht, das „Bequemlichkeit“ hieß. Es waren zwei an einer Stange hängende, gefüllte Socken. Auf einer Messe kam eine Frau zu mir und sagte, es sähe aus wie misshandelte Kinderbeine. Hart, ganz hart! Es war ihre Assoziation. Ich weiß nicht, was sie in ihrem Leben erlebt hat. Das war ihres, aber ich habe das überhaupt nicht damit gemeint. Bequemlichkeit ist für mich, nach Hause zu kommen, die Schuhe auszuziehen, die Beine baumeln zu lassen – mit den Hausschuhen dran.

AB Das ist das Spannende und das Schöne an Kunst, dass es so unterschiedliche Sichtweisen darauf gibt.

RBT Ja – und ich provoziere gerne.

AB Das ist sicher auch beim Coaching wichtig, um das nach oben zu befördern, was in der Tiefe schlummert.

RBT Ja, das ist sehr wichtig.

AB Merkst Du, dass sich die Themen, die Du künstlerisch bearbeitest, sich auch im Coaching aufdrängen und dass Du dann entsprechende Fragen stellst?

RBT Was ich eher merke ist, dass wenn ich meine Themen verarbeitet habe, Klienten mit genau diesen Themen kommen. Ich verarbeite es in einem Bild oder in einer Coaching-Session, die ich selbst nehme. Ich finde es sehr wichtig, wenn man coacht, dass man die eigenen Themen anschaut. Wenn ich in einer Session mit irgendjemandem durch irgendetwas getriggert werde, dann weiß ich: „Aha, das ist etwas, was ich selbst angucken sollte.“ Dann kommen die entsprechenden KlientInnen mit diesen Themen.

AB Was wünscht Du Dir in Bezug auf die Kunstwelt hier in Schleswig-Holstein?

RBT Natürlich wünsche ich mir, dass hier mehr Kunst verkauft wird. Ich – und das trifft auch für viele meiner KollegInnen zu – finde es sehr schwierig, Kunst hier zu verkaufen. Ich wünsche mir auch, dass die Menschen viel offener dafür werden.

AB Wie könnte man das fördern?

RBT Das ist die Frage. Ich gehe immer wieder schwanger mit dieser Frage und wenn ich die Antwort wüsste, würde ich sie erzählen, aber leider habe ich keine. Ich würde mir auch wünschen, dass KünstlerInnen für Ausstellungen bezahlt werden anstatt einen Raum mieten zu müssen. Ich wünsche mir mehr Fördermittel für Kunst.

Was ich sehr gut finde hier im Norden, sind die Gruppen, die sich hier gebildet haben. Ich bin in einigen Künstler-Vereinigungen, z. B. in der GEDOK Schleswig-Holstein, Multiple Art, Lübecker Künstlergemeinschaft. Gerade in Kiel finde ich die Verbindung der KünstlerInnen untereinander sehr fruchtbar – die Begegnungen, die ich dort habe. Wir haben sehr gute, inspirierende Gespräche.

AB Arbeitest Du gerne in künstlerischen Teams?

RBT Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen. Ansonsten bin ich eine ziemliche Eigenbrötlerin, die oft genug alleine ist. Ich bin auch nicht der extrovertierteste Mensch und das Zusammensein mit anderen KünstlerInnen, die ähnlich ticken, finde ich ganz toll.

AB Findet der kreative Prozess bei Dir eher in dem Moment statt oder im stillen Kämmerlein?

RBT Sowohl als auch.

AB Es wird aber ja selten gemeinsam an einem Werk gearbeitet, an einer Skulptur z. B.

RBT Ja, selten, aber wenn, dann macht das richtig Spaß. Es dürfte öfter passieren.

AB Hast Du das einmal gemacht?

RBT Wir haben für die GEDOK einmal eine gemeinsame Performance mit Reispapier gemacht. 

AB Ja, die Performance ist eine Ausdrucksform, die sich geradezu anbietet, um etwas gemeinsam zu erschaffen.

Möchtest Du nun noch etwas loswerden, was Du gerne ausdrücken möchtest – in Bezug auf „Menschen brauchen Bilder“, Kunst, Coaching,…?

RBT Ich möchte noch auf die Yoko Ono-Ausstellung dieses Jahr in Leipzig eingehen. Diese Ausstellung war für mich sehr inspirierend, weil es eine Mitmach-Ausstellung war. Es sind einige Sachen durch die Besucher dort entstanden. Z. B. haben sie Nägel in ein Skulptur aus Holz dort hineingehauen, sie haben ein Bild von ihren Augen und einen Spruch über ihr Leben geschickt oder sie haben in einem Buch beschrieben, wie sie in ihrem Leben selbst Gewalt erlebt haben. Ich finde es toll, dass die Leute bereit waren, dort mitzumachen und was daraus entstanden ist. Yoko Ono ist auch eine Vorreiterin für mich gewesen, mit dem was sie gemacht hat. Die bekannte Unbekannte, die zuerst nicht so ernst genommen wurde als Freundin / Frau von John Lennon. Ihre Art zu arbeiten finde ich sehr, sehr schön. Nach innen zu gehen und das, was von innen kommt – auch ihre Texte finde ich so schön! Davon wünsche ich mir mehr und vielleicht gehe ich jetzt auch in diese Richtung. Ich weiß es noch nicht. (Lachend:) Ich merke, dass man durch Phasen geht: Ich hatte meine Fahrradschlauch-Phase, meine Strumpfhosen-Phase. Jetzt habe ich das Gefühl, dass eine andere Phase beginnt. Mal gucken.

AB Wo kann man Dich im Internet finden, wenn man mehr über Dich erfahren möchte? 

RBT Man kann mich auf meiner Website finden: http://www.ruth-bleakley-thiessen.de, aber auch auf Facebook. https://www.facebook.com/coachriseandroot/

AB Ruth, vielen Dank für dieses interessante Gespräch! 

Interview mit Almut Behl

Almut Behl (Foto: Astrid Blohme)

As Vielen Dank, dass Du Dich bereit erklärt hast, an der Interviewreihe “Menschen brauchen Bilder” teilzunehmen. Sagst Du zu Beginn ein paar Sätze zu Dir, wer Du bist, woher Du kommst und was Deine aktuelle Tätigkeit ist?

Al Ich bin freie Journalistin und Texterin, komme aus dem Verlagswesen und habe ein Studium der Kunstgeschichte, Literatur- und  Theaterwissenschaften 1987 abgebrochen, habe meinen Weg auf Umwegen gemacht und bin immer mit Kunst in Verbindung gewesen, weil mein Vater bildender Künstler ist. Bilder sind für mich so wie das Blut in den Adern, möchte ich sagen. Das ist einfach immer da gewesen.

As Wie siehst Du Deine Rolle in Bezug auf Bilder?

Al Erst einmal ohne Rolle – Bilder sind für mich unglaublich wichtig, weil ich glaube, sobald der Mensch bewusst wird in seinem Leben, aber auch jeden Tag beim Aufwachen, fängt er schon an, Bilder anzugucken, die Wahrnehmung anzuknipsen. Mir geht es so, dass ich die Bilder der Nacht erst einmal sortiere, weil ich sehr viel träume. Ich habe damit meist bis mittags zu tun, diese Bilder zu verarbeiten. Mit dem Aufstehen gehe ich wieder in die Realität und in mein Leben und nun glaube ich, spreche ich für alle Menschen: Der Mensch hat eine Vorstellung, eine Vorstellung von seinem Leben, wie er es leben möchte. Diese Vorstellung findet im Kopf statt und da sind Bilder vorhanden. Jeder kreative Mensch oder wer es möchte kann selbst Bilder produzieren und man ist eigentlich ständig im Abgleich mit den inneren Bildern und der Außenwelt und den äußeren Bildern, die man selbst in die Welt bringt. Es ist egal, welche Erscheinungsform das hat, welche künstlerische Form, ob es bildende Kunst ist mit Fotografie, mit Bildhauerei oder Malerei und Zeichnung. Ich selber komme aus der Zeichnung und Graphik, weil ich das von Haus aus quasi inhaliert habe, sprich: Striche, Punkte, Licht und Schatten, eher die Umrisszeichnung als die Farbflächen in der Malerei. Mich interessiert alles, was Menschen machen und durch meinen Beruf bin ich dann, wenn Du jetzt auf die Rolle kommst, in der Situation gewesen auch Menschen zu ihren Bildern zu befragen, aber auch Bilder und alles, was Menschen machen, zu „bewerten“. Ich würde die Bühne als Bild dazuzählen, weil ich mich sehr für Theater interessiere oder – wenn man ein Bindeglied zwischen Kunst und Theater schaffen will – für Performance. Ich mache da keine Trennung zwischen den Genres. Für mich ist es auch schon eine Performance, wenn jemand über die Straße läuft. Ich gehe einfach als beobachtender Mensch durch die Gegend und ich würde unbedingt sagen „Menschen brauchen Bilder“. Das ist für mich ganz wichtig und ich glaube, das geht anderen auch so.

As Du hast die anderen Erscheinungsformen von Bildern ja schon ein bisschen in Deinen Worten berührt. Es gibt Bilder, die akustisch, musikalisch, literarisch, im Theater erzeugt werden können. Welche Form des Ausdrucks ist für Dich am intensivsten?

Al Wenn Du nach meiner persönlichen Herangehensweise fragst, ist das natürlich die Sprache. Da ist es so, dass ich diese umfangreichen Erscheinungsformen erst einmal in Sprache packe. Das heißt, ich gehe von einer Art Übersetzungstätigkeit aus. Ich sehe etwas und erzähle es dann anderen Leuten. Dabei ist das Spannende, dass ich nicht die Kunsthistorikerin bin, die vor einem Bild steht und es erklärt oder eine Führung macht, sondern ich wende mich, wenn ich journalistisch tätig bin, an einen Leser, der erst einmal nichts Genaueres sieht und ich führe den Lesenden dahin, in die innere Bildwelt einzutauchen, indem ich ihm Worte gebe und vorschlage und versuche, das Bild, was ich hatte, vor ihm aufscheinen zu lassen. Mein Anspruch als Journalistin ist, wenn ich eine Kritik über eine kulturelle Veranstaltung schreibe, dass ich den Menschen auf der Bühne gerecht werden will, indem ich referiere, was diese dort gemacht haben, so dass sie sagen können: „Ja genau, das habe ich dort gemacht“ und dann aber auch dem Publikum diene, indem ich sage: „Ist es das, was Ihr gesehen habt? Ich schlage Euch übrigens auch folgende Sicht vor: …“ Ich hatte oft das Glück, dass mir gesagt wurde: „Ja, stimmt. So war das. Ich habe es (die Veranstaltung vor Ort) auch so empfunden.“ Das heißt, dass meine Sprache in den Menschen dann vielleicht Bilder hervorgerufen hat oder auch die Erinnerung an das Ereignis – mit dem sie einverstanden sind. Das empfinde ich natürlich als sehr befriedigend und das ist für mich eine Art der Verbindung mit Menschen, die sehr stark ist. Ich habe auch, wenn ich lese, vor allem, wenn ich Bücher lese, das Gefühl, dass man mit Literatur oder mit Sprache eine Isolation oder Einsamkeit überwinden kann. Diese Bild“gewalt“ – Gewalt als mächtige kreative Kraft – finde ich faszinierend.

As Bilder aus Bildern sozusagen.

Gehen wir zurück zu den visuellen Eindrücken. Du trittst doch manchmal als Laudatorin bei Ausstellungseröffnungen auf. Wie näherst Du Dich dabei dem Künstler und dem Werk?

Al Erst einmal habe ich das Werk kennengelernt oder einen Ausschnitt davon. Also ich habe eine Ausdrucksform von jemandem gesehen und dann die dazugehörige Schöpferin oder den Schöpfer der Sache. Dabei ist für mich unabdingbar, dass mich die Bilder ansprechen, unabhängig von der Person. Dann ist es ja sehr schnell so, dass man den Menschen dazu kennen lernt, weil es sich im journalistischen Rahmen um Pressekonferenzen oder einen Pressetermin handelt oder weil irgendeine Form des Kennenlernens arrangiert wird. Wenn man sich sympathisch ist – das ist ja nicht unbedingt der Fall – gibt es vielleicht von der Person den Wunsch, mich für eine Rede anzusprechen. Das geschieht meistens dadurch, dass diese Person mich schon ein bisschen kennt oder meine Ausdrucksweise. Dann ist es für mich klar, dass ich erst mal in die Biographie der Person eintauche. Für manche ist das ein „no go“, aber für mich ist die persönliche Erlebnis- und Erfahrungswelt untrennbar von der Kunst. Warum macht jemand die Kunst, die er macht? Das kann man für meine Begriffe überhaupt nicht trennen. Wer das behauptet, lügt, glaube ich, weil sich das Unterbewusstsein da eine Bahn bricht. Ich finde es legitim, die Biographie einzubeziehen. Das tue ich auch. Ich sage dann nicht „er oder sie malt so, weil…“, aber, so habe ich es gerade erlebt, ich spüre manchmal etwas, was die Künstlerin nicht gewusst hat. In einem Fall ging es um eine Übermalung mit Weiß in ihren Bildern und tatsächlich ist diese Frau in einer Mühle großgeworden. Ihre frühe Kindheit hat mehlbestäubt stattgefunden und die Affinität zu Weiß war für mich so klar. Eine Diffusität hat sie im Nachhinein hergestellt, als die Bilder schon fertig waren. Sie hat die Bilder mit etwas Weiß überzogen. Davon war ich sehr berührt und ich hatte das Gefühl, sie möchte sich in einen Zustand zurückversetzen, der ihr ein gutes Gefühl gibt. Es ging nicht um den perfekten Ausdruck. Es war mein Gefühl – und dabei habe ich sehr auf meine Intuition gebaut – dass sie damit etwas Positives verbindet und als ich sie dann darauf ansprach, ob es mit ihrer Müller-Historie etwas zu tun haben kann, hat sie gesagt: „Ja, das kann sein. Das ist interessant.“ Dann hat sie mir die ganze Geschichte erzählt, wie zu Hause die Spuren durch diese Mehlschicht führten. Das war ihr Vater, der zum Mittagessen gekommen und zurückgegangen war. Diese Bestäubung sozusagen durch das Mehl hat in ihrer Wahrnehmung bildnerisch eine Rolle gespielt. Ich habe das nicht breit getreten, aber es war ein Aspekt ihrer Kunst, den ich spannend fand und so etwas möchte ich ungern übersehen.

Das Erzählen von sich selbst ist quasi die Rekapitulation dieser Biographie. Ich frage nach Techniken und nach der Herangehensweise und schon habe ich Impulse und Handlungsmotive, die sich im Bildnerischen ausdrücken. Damit meine ich gar nicht mal Bildmotive im Sinne eines Sujets, sondern einen Impuls, etwas zu tun. Sehr oft gibt es bei Menschen einen unterbewussten Zugang zur Kunst – da bin ich absolut bei der Psychologie – und es gibt auch sehr oft Themen, die den Schaffenden selbst nicht klar sind, die sich dann aber im Gespräch herausstellen. Das finde ich wunderschön – und das klingt jetzt ein bisschen pathetisch – man arbeitet mit der Sprache archäologisch, bildhauerisch oder wie auch immer, man arbeitet mit der Sprache gemeinsam im Gespräch künstlerisch. Das ist sehr befriedigend.

As Nebenbei gesagt: Das ist mein Coaching-Prinzip, was Du da gerade beschreibst.

Du hast erzählt, dass Leute Dich manchmal um eine Laudatio bitten. Es kann ja dabei passieren, dass Du denkst: „schwierig“. Was machst Du dann?

Al Ich bin ein ehrlicher Mensch und würde der Person sagen: „Ich glaube, ich kann damit nichts anfangen.“ Für mich ist es aber eine Herausforderung, denn ich müsste ja eine Begründung mitliefern. Schon bin ich dann bei meinem Motto, sich auf alles einzulassen und zu fragen: „Was treibt diese Person denn an, es so zu machen?“ Es geht ja nicht um Geschmack. Darum darf es eigentlich gar nicht gehen. Wenn ich gefragt werde, ist es tatsächlich so, dass ich mich als Dienstleistern sehe, die sagt: “Ich gehe jetzt mit meinen journalistischen Mitteln an diese Frage heran und ich bekomme eine Gegenleistung dafür, es wird honoriert und das ist meine Arbeit.“ Dennoch gibt es Dinge, die man ästhetisch oder handwerklich nicht gut findet oder sogar verurteilt und sagt: “Dahinter kann ich nicht stehen. Ich finde es nicht richtig, so zu arbeiten“. Und nun kommt wieder die Macht der Sprache ins Spiel: Ich habe es in einem Fall einer Rezension sehr blumig umschrieben. Ich habe im Grunde eine Art Geheimsprache angewendet und habe der Künstlerin nichts Schlechtes getan, aber wer ein bisschen Subtext versteht und zwischen den Zeilen lesen kann, hat gemerkt: „Hm, wir sind uns im Klaren, dass das jetzt nicht die Weltkunst -oder documenta-reifen Geschichten hier sind.“ Vielleicht sogar haarsträubender Mist. Natürlich macht es mehr Spaß, wenn ich die Sachen gut finde. Dennoch gibt es immer Überraschungen. Selbst wenn ich jemanden im Vorwege sehr, sehr gut finde und denke, ich habe verstanden, worum es da geht oder ich habe es durchdrungen – nein, nein, nein, dann gibt es immer noch ganz viele andere Aspekte und die haben mich sehr oft schon eines Besseren belehrt. Ohne Gespräch geht es nicht. 

Du hast eben angedeutet, ich würde Sachen sehen und hoffen, darüber sprechen zu können. Ja, aber es ist auch so, dass ich tatsächlich Leute anspreche und sage: “Deine Sachen finde ich so gut. Kann ich darüber mal reden?“ Meistens ergibt sich dann daraus etwas, weil die Leute natürlich auch ganz begeistert sind, wenn man sie mag und damit halte ich dann auch nicht hinter`m Berg.

As Die Interviewreihe heißt ja „Menschen brauchen Bilder“. Deshalb ganz global: Welchen Bezug hast Du zu Bildern? Du hast am Anfang schon einiges dazu gesagt. Möchtest Du noch etwas ergänzen?

Al „Menschen brauchen Bilder“ unbedingt. Es ist ganz banal: Wenn ich noch einmal auf den Begriff „Vorstellung“ komme: Vorstellung im Sinne von „ein Konzept im Kopf haben“, dann hat es mir in meinem Leben oft geholfen, eine Vorstellung zu haben und sich dann an die Verwirklichung davon zu machen – in der Lebensplanung sich irgendetwas vorzustellen und es dann quasi abzuschreiten, es auszuführen, das hat mir immer Sicherheit gegeben und ich habe trotzdem gewusst: Es ist eine Falle, weil die sogenannte Realität ja immer anders ist als die Vorstellung und ich bin sehr oft an diesen Polen gescheitert. Ich habe in meiner Biographie gemerkt, dass ich derart meiner Vorstellung verhaftet bin, dass ich die Realität als einen ärgerlichen Kompromiss verstanden habe. Damit kommt auch ein spiritueller Gedanke mit hinein. Es kann ja nicht sein, dass man die Realität als Kompromiss abtut, denn wir müssen in der Realität klarkommen. Für mich ist die Vorstellung etwas über mir Schwebendes, was mich am Laufen hält. Ohne Vorstellung, sprich Phantasie könnte ich mich nicht bewegen, weil ich sehr oft mit der Realität, den Gegebenheiten jetzt hier vor Ort, in meiner Stadt oder in meinem Kontext nicht einverstanden bin, weil ich mich in persönlichen Zwangssituationen durch Lebensumstände befinde – und da gibt es wahrscheinlich genug Menschen, denen es ähnlich geht. Daraus kann ich nur mit meiner Phantasie ausbrechen oder kann es überhaupt nur mit Hilfe der Phantasie durchhalten. Dadurch sind Bilder immer wieder Vorstellungen im Kopf, meine Phantasie, Wünsche, Konzepte, Träume, wie auch immer – eine innere Welt, die mir hilft, die reale äußere Welt irgendwie zu kompensieren.

As Es bleiben dann also Diskrepanzen erhalten und es wird nicht alles zu einer Mittelmäßigkeit vermischt, sondern Du benutzt Deine Vorstellung, um Dich von der Realität zu erholen?

Al Ja, auch. Es ist schwer nachzuvollziehen, weil es eigentlich schon fast eine philosophische Frage ist, wie wir in der Welt stehen und wie wir wahrnehmen. Innenleben und Außenleben sind bestimmt niemals kongruent. Ich drücke es gerne philosophisch aus: Wenn man sein Leben in einer Begrenztheit versteht, dann sind das Denken, die Vorstellung und die Bilder natürlich immer eine Grenzenlosigkeit. Das bedeutet immer, dass man Grenzen sprengt, dass man aus etwas herausgeht und innerhalb dieser Vorstellung eine andere Welt betritt. Diese Welt kann man darstellen und verbildlichen. Nichts anderes macht man ja, wenn man Kunst macht: Etwas Inneres nach außen bringen oder etwas Vorgestelltes. „Ich stelle es mir vor“ heißt auch: „Ich stelle es vor mich“ und schon wird es dann eine Realität, wie ein Gegenüber. Das ist dann auch ein Dialog mit der Kunst, mit dem Bild, aber es ist auch mit der Welt und mit den anderen Menschen, die das wiederum betrachten.

Das klingt vielleicht abgehoben. Es sind alles Überlegungen für mich, die aus Erfahrungen resultieren. Es klingt so, als sei ich ein sehr theoretischer Mensch. Aber wenn ich gefragt werde, kommen mir diese Gedanken und ich bin sehr dankbar für diese Fragen. Überhaupt bin ich sehr gern im Dialog.

Ich habe mich einmal bewusst gegen eine theoretische Herangehensweise entschieden, als ich ein Studium abgebrochen habe, weil ich gemerkt habe, dass für mich das Tun und die Kommunikation mit Menschen wichtiger sind. Ich habe Buchhandel gelernt und bin dann über das Verlagswesen hinten herum durch die Küchentür in den Journalismus gerutscht. Der Oberbegriff bei mir ist immer „Kommunikation“. Die findet unmittelbar statt und ich möchte nicht in eine Theorie abgleiten. Ich muss jetzt einmal diese Gelegenheit wahrnehmen, um etwas zu kritisieren, was mir schon lange auf dem Herzen liegt: Ich finde es sehr schade, wie oft zum Beispiel öffentliche Diskussionen daran scheitern, dass zu viel Theorie im Raum ist. Das nimmt manchmal groteske und kabarettistische Züge an, etwa bei Lesungen. Zu viel Theorie und eine Ehrfurcht vor Theorie, die es dem Publikum schwer macht, noch weitere Fragen an die Autoren zu stellen, weil hochintellektuelle Vorredner verbrannte Erde hinterlassen und jede banale oder weniger theoretische Frage aus dem Publikum im Keim ersticken. Das finde ich sehr schade. In den 1970er Jahren – das habe ich als Kind schon im Fernsehen und im Radio miterlebt und in Live-Diskussionen, in die ich als Kind mitgeschleppt wurde – wurde heftig diskutiert und debattiert und sich über Dinge auseinander gesetzt. Ich finde es ganz schrecklich, dass dieser Diskurs heute nicht mehr in der Öffentlichkeit stattfindet oder nur im akademischen Kontext unter bestimmten und dann schon wieder unter hoch intellektuellen Vorzeichen oder eben im Internet unter sehr niederschwelligen Aspekten (Shitstorm etc.), die dann daraus resultieren können. Wir sollten viel mehr und noch ganz anders ins Gespräch kommen, viel unbefangener.

As Danke Dir. Ein guter Impuls, dort weiter zu machen.

Ein kleiner Schwenk: Gibt es eine künstlerische Arbeit, einen Künstler, der Dir besonders aufgefallen ist und von dem Du sagen würdest: „Er beeindruckt mich sehr und er hat mein Leben verändert“? 

Al Als Kind bin ich schon sehr früh über herumliegende Bücher, Kataloge und Zeitschriften und Ausstellungen, in denen ich mit meinen Eltern war, mit Kunst in Kontakt gekommen. Ein Referat über Picasso in der Schule machte mir klar – auch weil mein Vater es immer betont hat – wie wichtig er ist. Er hat eine wahnsinnige Rolle gespielt. Ich habe seine Biographie von Françoise Gilot gelesen und ihn dann auch als Person faszinierend gefunden. Das was der Kubismus in der Kunstgeschichte war, ist für mich persönlich extrem wichtig, weil ich plötzlich eine neue Form der Aufsplitterung im Bild gesehen habe. Damals war ich vielleicht 8, 9, oder 10 Jahre alt. Ich weiß es nicht mehr. Beim Referat war ich dann in der Pubertät. Picasso war eine wesentliche Figur und das kann man nicht leugnen. Ich könnte endlos viele Leute aufzählen, die ich auch faszinierend finde. Einschneidend im 20. Jahrhundert ist Picasso, weil er graphisch, malerisch und skulptural so viel bewegt hat und ebenso viel in der Anschauung und in der Wahrnehmung. Und dann natürlich auch Joseph Beuys. 

Für mich ist auch das Thema „Bruch“ ganz wichtig, nicht das Aalglatte. Das Aufsplittern in verschiedene Facetten ist für mich in jeder Kunstform eine spannende Sache. 

Natürlich finde ich persönlich auch sehr viele Frauen spannend – Rebecca Horn, Marlene Dumas, Miriam Cahn, Corinne Wasmuht, Louise Bourgeois oder Marina Abramovic. Es gibt eine Arbeit von Kiki Smith, die mich seinerzeit ziemlich umgehauen hat. Das war 1993 in der Ausstellung „Post Human“ in den Hamburger Deichtorhallen.  Die lebensgroße Skulptur einer nackten Frau auf allen Vieren, die einen meterlangen Kotstrang hinter sich herzieht. Sofern man unterstellt, dass sie vorwärts kriecht. Diese Arbeit heißt „Tale“  wie Sage oder Geschichte“und das ist interessanterweise phonetisch gleichlautend mit „Tail“, also Schwanz. Ich weiß noch, wie angewidert die Leute waren. So eine Arbeit könnte man heute glaube ich gar nicht mehr ausstellen in der aktuellen Zensurdebatte, auch wenn sie eine wachsfigurenhafte Fake-Anmutung hatte. Aufschrei der Feministinnen usw. Es gab natürlich auch pornographische Assoziationen. Ich habe gedacht: „Nein, das stimmt alles gar nicht.“ Ich sehe hier die Conditio humana in Person einer Frau, die etwas hinterlässt, was man allgemein als Abfall und „Bä Bä“ sieht. Dass die „Kacke“ hier einmal bildlich und quasi als Skulptur dargestellt wird, finde ich auf der philosophischen Ebene spannend. Wir als kriechende Wesen, wir Menschen, die ja ein Bewusstsein haben, aufrecht gehen und der „Homo sapiens“ sind, werden hier wieder tierisch dargestellt, nur als ein Organismus, der Ausscheidung hinter sich lässt. Wir sind das, ganz klar, aber sind auch der aufrechte Mensch, der kreativ eine Ausscheidung – eine Äußerung – ausstößt oder hinterlässt und diese Spuren wollen wir sehen und das andere wollen wir nicht sehen. Indem Kiki Smith den Betrachter gezwungen hat, hier in Lebensgröße 1:1 diese Frau so zu sehen, hat sie uns in eine Unmittelbarkeit gezwungen, die jeden mit sich selbst, mit seiner Innen- und Außenwahrnehmung konfrontiert. Und unbedingt auch zur Abstraktion auffordert, finde ich. Das sollte jede Kunst tun. 

Interessanterweise sind die Leute meistens von den banalsten Dingen in der Kunst geschockt. Aber die größte Kraft hat nun mal auch die Konfrontation mit sich selbst, siehe auch Marina Abramovics großartige Performance „The Artist is Present“ von 2010 oder die Faust-Performance von Anne Imhof auf der Biennale Venedig 2017. 

Und Kiki Smiths „Tale? Sie zwingt uns, unsere Wahrnehmung zu überprüfen. Wie nehme ich eine nackte Frau in einer gebeugten Haltung wahr? Wem da nicht schräge Assoziationen kommen, der lügt, meiner Meinung nach. Sie zwingt uns zur Konfrontation. Aber auch zu abstrahieren und zu sagen: „Hier ist der bloße, der nackte Mensch.“ Sie zwingt uns keine Venus, sondern die „Scheiße“ als Tatsache, aber auch als „Ausdruck“, als Hinterlassenschaft, als Form und als Kontinuum, biologische Sysiphos-Arie und was nicht alles wahrzunehmen. Im Grunde ist das der Fluss des Lebens aus Werden und Vergehen. Dass Menschen nicht nur ihrem Körper ausgeliefert sind und auch denkend etwas mehr als Mist hinterlassen wollen, dürfte klar sein. 

Mein Verständnis von Kunst ist, ein Publikum zum Nachdenken und zur Abstraktion zu bringen – formal und im Denken. Es geht nicht darum, die schöne Form oder den Ausdruck von etwas nur zu bewundern. Das ist zumindest mein Ansatz und davon würde ich als Pädagogentochter Leute gerne überzeugen wollen: „Schaltet Euer Gehirn ein, denkt über Eure Wahrnehmung nach!“. Geht ihr nicht auf den Leim. Geht erst in Euch und dann von Euch weg. Nur wenn man über die Wahrnehmung nachdenkt, denkt man über sich selbst nach, wie man in der Welt steht, wie man in die Welt guckt und wie andere auf Dich gucken. Das bringt einen wieder in dieses Menschsein und Sich-als-Mensch-in-der-Welt-behaupten und -entfalten, -mitteilen und dann auch teilen. Das ist ein menschliches Grundbedürfnis und die Digitalisierung macht da ja einiges möglich, nicht immer im Positiven. Es geht schon auch um Begreifen, sinnlich, aber auch intellektuell. 

As Du setzt Dich ganz intensiv mit künstlerischer Arbeit auseinander. Siehst Du Deine Arbeit an sich auch als Kunst an?

Al Das ist auch eine Frage, die mich sehr freut. Ja. Schon. Gerade in letzter Zeit habe ich darüber nachgedacht, weil ich froh und dankbar bin, dass ich angefangen habe, Kunsteinführungen zu halten. Ich wurde ursprünglich einmal vor ca. 10 oder 15 Jahren von der Kieler Gruppe „Kunst und Streben“ zu einer ihrer Aktionen gefragt. Dann hat sich lange nichts getan, weil ich viel mit journalistischem Schreiben zu tun hatte. Jüngst hat sich auch über die Gruppe „Kunst und Streben“ einmal über die „Hollywood-Schaukel“ und zwei Jahre später im Brunswiker Pavillon über eine große Plastikflaschen-Installation in Form eines Sportbootes, dem legendären Riva-Boot, für mich die Gelegenheit ergeben, eine Rede zu halten, die so eingeschlagen ist, dass ich gemerkt habe: Das ist hier nicht irgendein Vortrag, sondern die Leute waren sehr begeistert vom Inhalt, aber auch von der Art, mit der ich es vorgetragen habe. Mir ist es lieber, ein bisschen in die „Slam-Ecke“ zu gehen als in die steife Kunsthistoriker-Vortrags-Ecke, weil das sehr oft sehr langweilig ist. Gähn, wo ist der Sekt, der O-Saft und wo sind die Brezeln? Ich finde, man sollte auch als Rednerin eine Form frei wählen, im Dienst der Sache handeln und keine alberne Show machen, aber ein bisschen Humor kann nicht schaden. Das finde ich gut. 

Almut Behl vor “Hollywoodschaukel” (2014, Kunst und Streben), Foto: Jörg Meyer
Almut Behl am “Rivaboot” (2016, Kunst und Streben), Foto: privat

As Gucken wir nun auf die Kieler Kunstwelt. Gibt es da etwas, was Du vermisst oder wo man etwas tun könnte?

Al Oh ja, man kann immer etwas tun. Alle Institutionen und off-spaces machen gute Arbeit. Aber dass irgendwas Menschen allein deshalb nach Kiel lockt, ist wohl eher die Ausnahme. Ich finde es sehr schade, dass Kiel kein internationale Künstlerhaus hat, in dem Künstlerinnen/Künstler wohnen und arbeiten können. Das Atelierhaus im Anschar-Park ist prima. Der Ursprungsgedanke war ja, Kunst-Absolventen hier in Kiel zu halten. Das gelingt aber nur auf Zeit, mit Atelier-Stipendien. 

Ich bin neulich im traumhaften Hainbad in Bamberg geschwommen und wenn man sich dort in der Regnitz mit dem Strom treiben lässt, dann bewegt man sich automatisch auf die Villa Concordia zu. Das von Nora Gomringer geleitete Künstlerhaus lädt internationale und bereits etablierte Künstler für bis zu einem Jahr dort ein. Was soll man sagen? Die Bayern haben einfach mehr Geld. Es wäre natürlich ein Traum, wenn Kiel eine derart noble Institution hätte und Kiel auch namentlich und überregional dafür bekannt wäre. Im Land gibt es einiges, aber eher in kleinen Orten und einer Abgeschiedenheit wie die Wassermühle Trittau. Es gibt das Nordkolleg Rendsburg für Seminare und Projekte, aber für eine Landeshauptstadt Kiel wäre es ein Sahne-Tüpfelchen, wenn es ein renommiertes Künstlerhaus mit Residenzmöglichkeit gäbe. Literarisch sind wir ganz gut aufgestellt hier, musikalisch auch bis auf die sehr bedauerliche Streichung der Mittel für Neue Musik in Form des Vereins „Chiffren“. Aber auch für freie Theater sollte es mehr (Gestaltungs- und Proben-)Raum geben, wenn ich zum Beispiel an eine hervorragende Kieler Gruppe wie das „Schads-Ensemble“ mit ihrem Maskentheater auf den Spuren der Berliner Familie Flöz denke. 

As Danke Almut für Deine spannenden Antworten. Wenn man mehr über Dich und Deine Arbeit wissen möchte, wo kann man Dich z. B. im Internet finden?

Al Wenn es um die bloße Kontaktaufnahme geht, bin ich notgedrungen bei Facebook, allerdings eher auf privater Ebene. Ich habe aber angefangen zu bloggen. Der Blog heißt „Kopfzeichen Blog“ und ruht aktuell ein wenig. Ich habe lange mit dem Namen gerungen. Mittlerweile stehe ich nicht mehr ganz dahinter. Mit „Kopfzeichen“ verbinde ich das zustimmende Nicken. Die Assoziation mit Klopfzeichen liegt nahe, also dem Ruf aus dem Verborgenen. Aber eher augenzwinkernd verschwörerisch als aus einer Gefangenschaft um Hilfe rufend. Kopfzeichen ohne „l“ ist ein Begriff aus der Musik. Bei kopfzeichenblog.wordpress.com kann man Beiträge lesen, die schon ein bisschen älter sind. Es ist für mich aufgrund einer persönlichen Umbruchsituation aktuell nicht möglich, viel Neues dort zu posten, aber was nicht ist, kann ja wieder werden. 

(Anm.: Künstler = Künstler m/w/d)

Interview mit Antonia Lindenberg

Antonia Lindenberg in einer Jean-Michel Basquiat-Ausstellung

AB Vielen Dank, dass Du Dich bereit erklärt hast, an der Interviewreihe “Menschen brauchen Bilder” teilzunehmen.

Sagst Du zu Beginn ein paar Sätze zu Dir, wer Du bist, woher Du kommst und was Deine aktuelle Tätigkeit ist?

AL Mein Name ist Antonia Lindenberg. Ich lebe in Kiel und arbeite in Kiel. Mein Werdegang ist bewegt: Er führte mich über eine pädagogische Ausbildung, Studium, Kunstschulen und dem Leben mit meinen Kindern in die Selbstständigkeit. Heute bin ich Handwerkerin, Künstlerin, Designerin und Unternehmerin.

AB Was machst Du aktuell, Antonia?

AL Ich bin Inhaberin einer Siebdruck-Werkstatt hier in Kiel im Grasweg „Links im Hof“ mit einer Kollegin zusammen. Wir machen Siebdruck-Arbeiten in verschiedenster Form. Gerade jetzt führen wir viele Auftragsarbeiten durch, für Festivals, für Startup-Unternehmen, für kleine Unternehmen und immer mal wieder für Privatpersonen. Wir veranstalten Events und vertreiben unsere eigenen Produkte, auch online. Diese entwickeln wir selbst und das mag ich sehr gern, besonders das Entwerfen neuer Designs. Ich arbeite gerade auch sehr intensiv daran, ein eigenes Kindermode-Label auf den Markt zu bringen.

AB Da wir gerade zusammen ausgestellt haben, weiß ich, dass Du auch im engeren Sinne künstlerisch arbeitest. Welche sind momentan Deine Kernthemen dabei?

AL Ich setze mich gerne mit Biografien von Frauen auseinander und versuche, in meinen Bildern auf ganz besondere Art und Weise die Charaktere dieser Menschen abzubilden und ihnen durch das Bild eine Art Stimme, eine Sichtbarkeit zu verleihen. Das sind die Spuren der Frauen, die mich umgeben, aber es sind auch fremde Begegnungen, die mich sehr interessieren. Als Technik benutze ich dafür sehr oft Siebdruck mit Übermalung in Schichten und Collagen – also multimedial. Ich arbeite ausschließlich mit Fotos, die ich selbst gemacht habe. Für mich ist es das Wichtigste, dass ich meine eigene Sprache im Bild zeigen kann und eine Übersetzung meiner Gefühle und Gedanken. Ich setze mich mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinander, vor allem mit denen von Frauen, der Benachteiligung von Frauen, auch mit den Generationen vor uns und der Entwicklung bis heute und bis hin zur Frage, wo wir in unserer vermeintlichen Emanzipation stehen. Es gibt da noch ganz viel zu tun und anzuschauen.

Siebdruck von Antonia Lindenberg

AB Wie bettest Du diese Themen in Deine tägliche Arbeit in der Werkstatt ein?

AL Die Arbeitsbedingungen für Frauen sind schlecht. Langfristig möchte ich mehr Arbeitsplätze für Frauen in meiner Werkstatt schaffen und Frauen dazu anzuregen, sich selbstständig zu machen. Es besuchen uns öfter Frauen, die von ihren Projekten erzählen und ich ermutige sie – gerade junge Frauen –  dazu, den Weg in die Selbstständigkeit zu gehen und sich dabei nicht unterkriegen zu lassen.

AB Also fließen Deine Themen eher in die übergeordnete Arbeit ein und nicht direkt in Eure Produkte?

AL Zum Teil. Ich sehe es nicht so eingeengt. Wir machen einfach schöne Dinge und diese Dinge werden natürlich viel von Frauen gekauft, um den Alltag zu verschönern. Schönheit ist ein ganz großes Thema, ein sehr wichtiges Thema. Wir sehen die Schönheit viel zu wenig und wir gehen zu wenig achtungsvoll damit um, respektieren und leben sie zu wenig. Meine tägliche Arbeit besteht daraus, das Schöne im Banalen sichtbar zu machen. Diese Schönheit wirkt sehr unterschiedlich.

AB Wie kam es dazu, dass Ihr die Siebdruck-Werkstatt eröffnet habt?

AL Es hat sich alles entwickelt und gefügt. Ich habe vorher künstlerisch in meinem Atelier gearbeitet, habe Kunst-Kurse gegeben, war an verschiedenen Kunst-Schulen, auch um mich auszubilden. Irgendwann habe ich einen Ausflug mit Freundinnen in eine Berliner Siebdruck-Werkstatt gemacht. Das ist bestimmt schon 10 Jahre her und von da an konnte ich nicht mehr aufhören, weil diese Technik, die ein traditionelles Handwerk ist, mich so begeistert hat. Ich brenne sozusagen für den Siebdruck und für die Vielfältigkeit dieser Technik.

Hier in Kiel konnte man damals nirgends drucken und deshalb bin ich mit meiner jetzigen Kollegin ganz viel herumgereist, um mir vieles anzusehen und um mich zu informieren. Am Anfang bin ich zum Drucken nach Hamburg gefahren. Dann hat es sich so gefügt, dass wir plötzlich Geräte angeboten bekommen haben. Wir haben uns ein Atelier gesucht und sind erst einmal ganz klein gestartet und haben zwei Jahre nur „Learning by doing“ gemacht, haben also selbst gelernt, gelesen, ausprobiert, bis wir in die aktuelle größere Werkstatt ziehen konnten. Hier fühlen wir uns wohl, denn es ist ein Haus mit mehreren Gewerken.

Die Technik ist für mich so beglückend, weil sie immer funktioniert. Selbst Menschen mit Beeinträchtigung oder Kinder, die sagen „ich kann nicht malen“, sind ganz begeistert, wie das Endprodukt aussieht.

Siebdruckrahmen mit Motiven

AB Ich habe den Eindruck, dass die Siebdruck-Technik gerade eine Renaissance erlebt. Wir kennen die Technik zwar aus den 1960er-Jahren durch Andy Warhol, aber warum ist sie gerade jetzt wieder so aktuell?

AL Ich glaube, das Handwerk erlebt generell einen Aufschwung dadurch, dass ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet. Es wird auch wieder mehr wertgeschätzt. Viele Leute sagen: „Wir wollen weg vom Konsum. Wir wollen lieber etwas Kleines, Individuelles. Wir wollen etwas selber machen.“ Es gibt ja wirklich viele Menschen, die richtig schöne Dinge selbst machen – vom Brotbacken bis zum Tischlern. Das schließt die Menschen ja auch wieder zusammen. Siebdruck ist etwas, was man nicht alleine machen kann. Man kann es schon alleine, aber es geht im Team viel besser. Ich glaube, es entspricht auch dem Zeitgeist, dass die Menschen nicht immer nur isoliert und alleine sein wollen, sondern mehr gemeinsam. Im Zuge der Upcycling-Bewegung ist Siebdruck natürlich ideal, weil man aus den ältesten Kleidern noch die schönsten neuen Produkte herstellen kann. Es nähen auch viele Leute wieder. Nähen und Drucken lässt sich gut kombinieren. Es scheint gerade bei den jüngeren Leuten ein richtiger Aufschwung in diesem Bereich stattzufinden. Die ältere Künstler-Generation hat sich mit Siebdruck vielleicht noch im Grundstudium beschäftigt und sie freut sich, dass etwas, was sie vor 30 Jahren einmal gemacht haben, wieder da ist.

AB Was ist aber das Besondere gerade am Siebdruck? Es gibt ja viele andere Druckverfahren, die ganz perfekt funktionieren.

AL Ich glaube, es ist gerade dieses Unperfekte, Persönliche und das Spielerische, Kreative. Der Druck lässt dafür genügend Raum: Du kannst Farben mischen, nur einen Teil drucken. Das Tolle ist ja auch, dass wir Materialien bedrucken können, die andere nicht bedrucken können. Es eignen sich Holz, Metall, Plastik, Funktionskleidung etc. Das Schöne ist auch der haptische Unterschied, allein vom Gefühl her. Ich habe es heute gerade wieder festgestellt, weil jemand Transferdruck und Siebdruck ausprobiert hat. Die Siebdruckfarbe verbindet sich bis in die tiefen Poren mit dem Material.

Siebdruck hat den Charme des nicht immer ganz Perfekten. Das liegt daran, dass wir Siebdruck mit der Hand machen. Man kann Siebdruck ja auch automatisch durchführen. Es gibt große Siebdruck-Firmen, die riesige Druckautomaten haben. Man drückt auf den Knopf, nachdem man alle Daten eingegeben hat, und unten kommt das fertige T-Shirt heraus. Das ist natürlich nicht das, was wir wollen. Es geht mir gerade um das Erlebnis des Schaffens.

AB Und die Spur des Menschen ist dabei noch zu sehen – also der Druck.

AL Der Hand-Abdruck in diesem Fall.

AB „Menschen brauchen Bilder“ ist ja unsere Überschrift. Welchen Bezug hast Du ganz allgemein zu Bildern?

AL Es gibt ja unterschiedliche Typen von Menschen. Manche hören gerne, manche fühlen und ich brauche Bilder. Ich habe auch ganz viele innere Bilder und arbeite oft damit. Es fällt mir ganz leicht, Dinge zu visualisieren. Ich glaube, dass es mein Innenleben ganz reich macht, dass ich viele Bilder in mir habe. Dadurch habe ich auch eine größere Wahl, in meinem Leben zu stehen. Ich vergesse die Bilder nicht. Wenn ich ein Buch lese, muss ich mich erinnern. Lesen ist noch anders als Hören. Lesen ist auch eine Form von Bild – wenn ich die Schrift sehe. Es ist einprägsamer als Filme oder Social Media. Das vergesse ich schneller als meine inneren Bilder, mit denen ich mich auseinandersetzen kann. Meine Inspiration kommt tatsächlich durch das innere Bild zustande, aber auch angeregt durch das äußere. Ich liebe es, sehr wachsam durch die Natur zu gehen, Bildbände und Ausstellungen anzugucken und zu reisen. Dazu gehört es auch, unbekannten Kulturen und Menschen zu begegnen. Das finde ich sehr inspirierend.

AB Welche künstlerischen Arbeiten haben Dich bisher besonders bewegt oder beeindruckt?

AL Was mich sehr stark beeindruckt ist, wenn ein Künstler in seiner Persönlichkeit mit seinem Bild sozusagen verschwimmt, so dass man immer sagen kann: „Dieses Bild kann nur dieser Künstler geschaffen haben. Das kann kein anderer und das kann man nicht nachmachen.“ Es ist so sehr seine Persönlichkeit, die da „rausknallt“, das ist so sehr kreativ und das beeindruckt mich. Es geht nicht nur um Bilder. Es gibt auch Installationen, die mich zutiefst berühren, wirklich zutiefst, und das ist es, was ich an der künstlerischen Arbeit, an den Bildern und dem ganzen künstlerischen Tun so schön finde: Wenn diese Persönlichkeit mit ihrer Arbeit mich so tief berührt, dass das mein Leben vielleicht einen Schritt verändert oder mich reicher macht.

AB Das schaffen unbekannte Künstler ja vielleicht genauso wie Künstler, die ganz berühmt geworden sind. Um eine Idee davon zu bekommen, was Du meinst, nenne doch einmal jemanden, der sehr bekannt geworden ist.

AL Wer mir schwer imponiert hat, war Basquiat, dessen Arbeiten ich letztes Jahr in einer großen Ausstellung gesehen habe. Ich war zu Tränen gerührt über diesen jungen Künstler, der immer sein Ganzes gegeben hat, der immer gemalt hat und der nichts anderes wollte. 

Es gibt natürlich auch viele Frauen, die mich sehr bewegt haben, z. B. Nancy Spero. Von den noch lebenden Künstlerinnen schätze ich Yoko Ono ganz besonders, diese feministische Sprache im Bild.

Das sind natürlich die aktuellen Arbeiten, die ich gerade angesehen habe. Meine ehemalige Kunstlehrerin hier in Kiel hat immer gesagt: “Ich mache keine Kunst – ich bin Kunst. Alles, was ich mache, ist Kunst.“ Genauso ist das.

Ich habe gerade einen sehr interessanten Artikel über den Auftritt von Madonna beim Grand Prix Eurovision Song Contest in der TAZ gelesen. Darüber haben sich so viele aufgeregt. Der Autor hat aber ein ganz anderes Licht darauf geworfen. Er hat gesagt: “Es gibt keinen Anlass, sich über sie auf zu regen, denn sie ist Künstlerin und sie ist Kunst. Auch ihr Körper. Alles, was sie ist, ist Kunst.“ Darüber habe ich noch lange nachgedacht und ich finde es sehr treffend.

AB Du hast ja gesagt, dass Dich die Bilder von Basquiat sehr bewegen. Kannst Du noch einmal eine Essenz daraus ziehen und sagen, was Bilder haben müssen, damit sie Dich berühren?

AL Eine eigene Sprache und diese absolute Konsequenz: Ich mache Kunst, ich mache, was ich will und ich bringe meine ganze Persönlichkeit ein. Er war ja auch sehr politisch, oft auch sehr wütend. Es ist das Kunstmachen, um der Kunst willen und nicht, um ein Bild zu verkaufen und damit es jemandem gefällt, sondern weil man es als Leidenschaft, Drang empfindet, das jetzt tun zu müssen, egal was dabei heraus kommt.

AB Er saß ja auch in oder auf seinen Bildern und hat, wie Du ja auch sagst, mit ganzem Körper-Einsatz seine Bilder gemacht. Darin drückt sich das stark aus.

Wen möchtest Du mit Deinen eigenen Bildern ansprechen oder ist das gar nicht so gerichtet?

AL Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann, weil ich die Arbeiten um der Kunst willen mache und weil sie aus mir heraus kommen. Ich freue mich, wenn die Menschen das sehen und dann sagen: “Ja, stimmt eigentlich“ oder “Was ist das?“ oder wenn sie neugierig werden und dann auch mit mir sprechen wollen, es länger betrachten, sich die Zeit nehmen, es wahr zu nehmen, das Kleine, Feine, Subtile, das darunter Liegende. Es ist eigentlich nicht so, dass ich irgend jemanden damit speziell ansprechen möchte.

AB Genau, dann wäre es ja wieder kommerzialisiert. Du drückst Dich also aus und guckst, wer damit in Resonanz geht?

AL Genau. Es ist eine andere Form der Kommunikation.

AB Wenn wir einen Blick auf die Kieler Kunst-Welt oder Kunst-Welt in Schleswig-Holstein richten, was wünschst Du Dir da im Hinblick auf das aktuelle Geschehen?

AL Ich wünsche mir da sehr viel mehr Lebendigkeit und dass Räume zur Verfügung gestellt werden, ungewöhnliche Räume für Menschen, die etwas ausstellen möchten, so dass wir den Schritt aus der eingeengten bürgerlichen Galerie heraus gehen, in andere Räume gehen und dort unsere Kunst zeigen, um andere Menschen zu erreichen. Jungen Künstlern, die gerade anfangen – wenn man sich überlegt, dass eigentlich nur 3 % aller Kunst-Absolventen später einmal von ihrer Kunst leben können – wünsche ich, dass sie mehr unterstützt werden. Es sollte eine gesellschaftliche Verantwortung dafür da sein, dass diese Kunst weiter lebt, dass wir sie machen und uns damit beschäftigen. 

Es wird zu wenig Geld ausgegeben für Kunst und wenn, dann ist sie sehr eingeengt in Kunsthallen oder Galerien. Die anderen, die vielleicht total tolle Kunst machen, aber nicht diesen Namen haben, bekommen diese Räume nicht oder sie dürfen sich den Raum, den sie für ihre Kunst brauchen, nicht nehmen.

AB Ein paar kleine Sprösslinge gibt es hier ja schon. Welches Beispiel sollte man hier vervielfältigen?

AL Ich fand z. B. die Idee mit dem Schlecker-Markt in Gaarden* toll. Überhaupt sollte Leerstand in Geschäften und Wohnungen stärker genutzt werden, um dort Kunst, z. B. auch Video-Installationen, unterzubringen, vielleicht auch nur für ein Wochenende – und nicht so formal, mit ausgeklügelter Hängung und aufwendiger Beschriftung und Preisen. Es sollte mehr darum gehen, der Kunst einfach Raum zu geben. Ich finde auch die kleine Galerie**, die gerade neu im Knooper Weg entstanden ist, mit den beiden Muthesius-Studentinnen, ganz toll. Es nützt nur überhaupt nichts, wenn man sie nur für ein Jahr finanziell fördert. Jeder weiß, dass das viel zu kurz ist, weil ja eine Selbstständigkeit mindestens 3-5 Jahre zum Reifen braucht. Ich wünsche mir, dass so etwas länger unterstützt wird und dass es das häufiger gibt, weil es ein Raum außerhalb der Kunstschule ist, in dem aber die Absolventen mal ihre Arbeiten zeigen können. Das kommt viel zu kurz.

AB Ich sehe in Kiel zwei Schichten, die aneinander vorbei leben: Die klassischen Galerien, in denen die sogenannte Flachware an die Wand gehängt wird, und etwas Übergreifenderes – mit Installationen, Performances usw., was sich aber nicht unbedingt verkaufen lässt. Es ist ein aktuelles Erlebnis, was aber vielleicht sogar das Leben ändern kann.

AL Was aber auch dem Zeitgeist sehr entspricht, finde ich. Es geht ja nicht mehr nur darum, immer nur zu konsumieren und zu sagen: „Das Bild will ich jetzt haben, es ist nur für mich und für immer und das will ich als Sammler kaufen“, sondern mehr darum, die Vergänglichkeit zu sehen und zu unterstützen und nicht nur zu sehen, dass Performance nicht kaufbar ist. Deshalb ist das eine wahnsinnig spannende Ausdrucks- oder Kunstform. Es ist einfach ein lebendiges Bild.

AB Das wäre ja noch ein neues Thema, was man noch einmal extra weiterspinnen könnte – wie man diese Kunstform doch in Geld verwandeln kann, denn ohne Geld klappt es am Ende nicht.

Antonia, sag uns am Schluss, wo man Euch und Dich finden kann – online und offline. 

AL Die Adresse unserer Siebdruckwerkstatt ist http://linksimhof.de.

Per E-Mail bin ich unter info@linksimhof.de zu erreichen. 

In unserem Online-Shop kann man ein paar schöne Dinge bestellen. Am besten kommt man in den Grasweg 8 in Kiel und besucht uns. Wir freuen uns über jeden Gast. Wir unterhalten uns gerne mit spannenden Menschen, die Ideen haben oder die uns einfach gerne kennen lernen wollen, neugierig geworden sind. Unser Ort ist sehr lebendig und kreativ mit dauernd neuen Ideen.

AB Wo findet man Dich mit Deinen künstlerischen Arbeiten?

AL In Netz findet man mich zur Zeit damit nicht. Das ist auch ein bisschen bewusst, aber ich mache im Herbst bei den Kieler Ateliertagen mit und dann kann man ein paar Arbeiten von mir sehen. Das mache ich zum ersten Mal. Sonst habe ich immer Bilder von anderen ausgestellt, aber jetzt habe ich Lust dazu, ein paar Arbeiten von mir zu zeigen.

AB Vielen Dank, Antonia! Das war ein spannendes Interview.

*Der ehemalige Schlecker-Markt am Vinetaplatz in Kiel-Gaarden wurde als Ausstellungsort von Anfang 2013 bis Ende 2017 genutzt.

**Cube+ Gallery https://www.gallery-cubeplus.com 

Interview mit Shi Shi und Ying-Chih Chen, Cube+ Gallery

Shi Shi und Ying-Chih Chen, Foto: Esteban Perez

AB Vielen Dank, dass Ihr Euch bereit erklärt habt, an der Interviewreihe “Menschen brauchen Bilder” teilzunehmen. Könnt Ihr zu Beginn ein paar Sätze zu Euch sagen, wer Ihr seid, woher Ihr kommt und was Eure aktuelle Tätigkeit ist?

Y Ich heiße Ying-Chih und ich komme aus Taiwan. Ich habe hier in Kiel an der Muthesius-Kunsthochschule Freie Kunst studiert. Im April 2018 habe ich das Studium mit einem Master abgeschlossen. Danach habe ich mich dazu entschlossen, zusammen mit Shi Shi eine Galerie auf zu machen. Wir haben gemerkt, dass viele Leute Kiel nach dem Studium verlassen, vielleicht weil hier ein Ort fehlt, an dem man sich als Künstler präsentieren kann. Deshalb haben wir einen gut erreichbaren Galerie-Raum an einer Straße in der Nähe einer Kreuzung gemietet. Kunst soll nicht in einem Raum verschwinden, sondern gut sichtbar sein, wenn man vorbei läuft. Oder man öffnet in 2-3 Sekunden die Tür und dann hat man die Kunst vor Augen. So ist das ganz einfach.

Um Kunst kennen zu lernen, muss man keine besondere Ausbildung haben. Kunst ist einfach Alltag.

S Ich bin Shi Shi und ich komme aus China. Ich habe auch an der Muthesius-Kunsthochschule studiert und studiere dort immer noch Illustration. Vor 10 Monaten habe ich mit Ying-Chih zusammen die Galerie eröffnet. Wie Ying-Chih gesagt hat, kann man bei uns Kunst in einer Schaufenster-Situation sehen. Man kann hinein kommen und man kann die Kunst auch betrachten, wenn wir geschlossen haben. Wenn Du Angst hast, entscheidest Du selbst, ob Du durch die Scheibe schaust oder herein kommst. Wir haben oft Leute, egal welchen Alters gesehen, wie sie unter ihrer Hand hindurch neugierig durch die Scheibe geguckt haben. Auch wenn sie zu schüchtern sind, herein zu kommen – es ist egal. Hauptsache, sie interessieren sich für Kunst und sind neugierig, auch wenn sie sagen, dass sie von Kunst keine Ahnung haben.

Foto: Esteban Perez

Letztes Jahr hatten wir einen Stand im Schlossgarten auf der Kieler Woche. Für den Stand haben wir Bilder von befreundeten Künstlern ausgesucht. Wir hatten damals noch keine Galerie.

Viele Leute kamen an unseren Stand, auch aus anderen Ländern. Sie hatten auf der Kieler Woche überhaupt keine Bildende Kunst erwartet. Wir wurden gefragt, wo man uns in Kiel finden kann. So kamen wir auf die Idee, uns einen festen Ort für junge Kunst, eine Galerie zu suchen. Es sollte eine Galerie für die Kunst sein, die wir gut finden und es sollte ein Raum sein, bei dem man keine Angst hat, ihn zu betreten. 

Wir erklären den Besuchern gerne die ausgestellte Kunst und unser Konzept.

Y Ja, wir diskutieren gerne mit den Leuten. Wir lassen die Leute nicht einfach herein und sagen: „Sie kommen zurecht, nicht?“ und verschwinden dann wieder. Wir fragen, ob wir die Besucher begleiten dürfen. Wir erklären gerne, warum wir die gezeigten Künstler ausgesucht und miteinander kombiniert haben und was das Thema der Arbeiten ist.

Die Leute haben oft Angst vor Kunst. Sie brauchen einen Eingang, über den sie in die Kunst eintreten können. Wir sind Türöffner, diese Verbindung.

AB Damit habt Ihr schon ausgedrückt, was Euch an der Galeristinnen-Tätigkeit fasziniert. Möchtet Ihr dazu noch etwas ergänzen?

Y Ich spreche nicht so gerne. Ich bin eher ein stiller Mensch und ich drücke meine Meinung nicht so gerne aus. Außerdem ist Deutsch nicht unsere Muttersprache und das macht es noch eine Stufe schwieriger. Ich mag aber Herausforderungen. Galeristin zu sein ist eine Vermittlungstechnik, die auch ohne Sprache funktionieren muss. Ohne uns bekommt aber nicht jeder Zuschauer Zugang. Ich möchte nicht einfach nur da stehen. Deswegen habe ich zu dieser Herausforderung „hallo!“ gesagt. „Okay, ich bin bereit. Ich mache etwas, ich spreche“. Vielleicht schlecht, aber trotzdem spreche ich und ich vermittle. Zum Beispiel meine Mutter meint: „Ach Kunst! Ich habe nicht Kunst studiert und ich verstehe das nicht.“

S Dann ist der Dialog ja schon gestorben. So geht es ja nicht.

Y Wir haben sehr oft gehört: „Ich habe nicht studiert!“ Dann denke ich: Warum? Wie schade! Jeder kann etwas zeichnen, wenn er einen Stift in der Hand hat. Schreiben ist auch eine Art zu zeichnen. Jeder kann das. Und als Kind hat jeder mal ein Kaninchen oder ein kleines Figürchen gemalt. Warum sagt man in der Erwachsenenwelt: „Ich habe nicht studiert, sorry. Aus der Diskussion bin ich raus!“? Das finde ich sehr, sehr schade. Die Herausforderung ist kleiner geworden, denn ich habe gesehen, dass es notwendig ist, dieses Problem aufzulösen. Deshalb habe ich mir gesagt: „Okay, dann spreche ich“. Das ist jetzt meine Aufgabe. Ich habe Kunst studiert und ich glaube, ich bin dafür da – als Vermittlerin.

S Für mich ist das genauso interessant, wie Ying-Chih erzählt hat. Wir haben am Anfang einfach Lust gehabt, Ausstellungen zu organisieren. Nun nach ein paar Monaten haben wir gemerkt, dass wir auch Vermittler sind zwischen Betrachtern und Kunst, zwischen Künstlern und Betrachtern und in der Beziehung zwischen den Künstlern mit uns als Galeristinnen. Wir müssen mit allem klar kommen und alles bedenken. Wir müssen überlegen, wie Kunst auszuwählen ist. Es gibt junge Künstler, die sich unterschätzen und es gibt auch junge Künstler, die sich überschätzen. 

Wir müssen der Mittelpunkt sein und dem Betrachter erzählen können, warum wir unsere Kunst gut finden. Wir diskutieren sehr gerne mit den Leuten und fragen sie, ob sie die gezeigte Kunst mögen und ob sie sie verstehen. Wir fragen, ob die ausgewählten Künstler gut zusammen passen oder nicht. Wir bieten einen Dialog, an den man sich normalerweise nicht herantraut. Eine bekannte Kuratorin hat uns ein Buch empfohlen, das „Kunst hassen“ heißt. Man kann Kunst kritisieren. Man kann sagen: „Das finde ich nicht gut!“, aber dann bietet man einen Zugang an, indem man darüber redet. Es ist gar kein Problem, Kunst zu kritisieren.

Es kommen auch Leute zu uns, die sagen: “Eure Wand ist ja gar nicht gestrichen, Katastrophe! Das ist ja gar nicht fertig.“ Dann können wir auch darüber reden, warum wir das so machen.

Y Was ist die Definition von „unfertig“? Wir sind froh, wenn Leute zur Diskussion kommen. Momentan lernen wir etwas und wir bieten auch etwas an. Es ist ein Hin und Her. Es ist nicht so, dass wir nur etwas anbieten. Es ist ein Austausch. Wenn wir einmal keine Lösung haben, haben wir noch unsere Professoren und alle möglichen Leute, die diese Situationen mit uns auflösen können. Wenn wir ein Problem haben, fragen wir andere Leute. Wie sagt man? Input – Output.

AB Habt Ihr ein Beispiel für solch ein Problem? 

S Wir haben uns z. B. gefragt, welchen Charakter unsere Galerie haben soll und ob wir einen besonderen Charakter haben müssen. Das haben wir mit Kuratoren diskutiert.

Y Wir müssen Erfahrungen sammeln, wie man Ausstellungen organisiert. Deshalb fahren wir nach Berlin, nach Hamburg, überall hin und gucken Ausstellungen an. Das ist unsere „Nahrung“. Wir können unsere Künstler nicht auslosen. Wir müssen uns schon zu 80% sicher sein, dass es eine Chemie gibt zwischen den ausgewählten Künstlern, ob sie technisch zusammenpassen und ob es ein gemeinsames Thema gibt. Das Geschäftliche muss auch stimmen und das Vertrauen muss da sein. Es gibt also viele Probleme zu lösen, aber wir sind froh darüber, denn aus Problemen lernt man. Wenn es wie im Paradies wäre, wäre es irgendwann langweilig.

S Egal, was Du machst – ob Du Galerist oder Künstler bist: Du hast immer Fragen in Deinem Leben, aber das ist kein Problem. Du kannst Dir immer eine Beratung holen, in vernünftigem Ton nachfragen. Du musst aber darüber nachdenken, was Du gerade brauchst. Du musst die Kerndinge heraussuchen und genau dafür eine Lösung finden.

Y Momentan passt es auch nicht mehr, dass man nur eine Identität hat. Z. B. bin ich Künstlerin + (crossover) Galeristin. Shi Shi ist auch Künstlerin + (crossover) Galeristin.

AB Danach wollte ich Euch fragen: Inwieweit seid Ihr jetzt noch parallel künstlerisch tätig? Shi Shi, Du studierst noch und deshalb ist es klar, dass Du noch künstlerisch arbeitest, aber Ying-Chih, wie machst Du das?

Y Irgendwie. Wir müssen Zeit dafür finden. Es ist schwierig. Jeder Tag hat nur 24 Stunden. Ein Zeitplan ist sehr wichtig. Wir arbeiten sehr gut zusammen. Wir haben unsere Aufgaben geteilt. Shi Shi macht eher gestalterische Dinge und ich baue gerne Ausstellungen auf. Ich habe Kunst studiert und kann gut mit meinen Händen arbeiten. Das bedeutet nicht, dass Shi Shi das nicht kann, aber ich spiele beim Aufbauen die Hauptrolle und Shi Shi beim Design. Wir stimmen uns dabei ab. 

Momentan habe ich drei Jobs: Ich bin Galeristin, ich arbeite in der Gastronomie und ich gebe zwei Kurse an der VHS. Momentan habe ich das sehr gut organisiert. Man darf nur nicht in diesem Moment an etwas anderes denken. Wenn ich an der VHS arbeite, dann konzentriere ich mich nur auf den VHS-Job. Ich denke nicht: „Oh, ich habe noch sehr viele Aufgaben in der Galerie zu erledigen.“ Das irritiert nur. Wenn Du in einer Situation bist, dann sei in dieser Rolle perfekt. Dann kriegt man bessere Ergebnisse.

S Man muss sich von anderen Dingen dann trennen können.

Vor ein paar Monaten, als die Galerie noch im Aufbau war, konnten wir uns an nichts orientieren. Damals haben wir sehr viel Zeit in die Galerie investiert und seitdem die Galerie in Fahrt ist, wissen wir, wann wir Zeit für andere Dinge haben und können das mit unseren Partnern abstimmen. Diese Struktur mussten wir erst aufbauen. So können wir auch unsere Kraft besser einteilen. Man hat nur eine bestimmte Menge an Kraft.

AB Zu Eurem Galerie-Konzept habt Ihr schon einiges gesagt. Möchtet Ihr dazu noch etwas ergänzen?

S Wir haben am Anfang gesagt: „Zusammen schaffen wir mehr.“ Unser Konzept ist, dass wir immer mindestens zwei Künstler einladen. Crossover – größtenteils aus unterschiedlichen Fachrichtungen und es müssen auch nicht alle aus der Bildenden Kunst sein. Es kann z. B. auch ein Musiker dabei sein. Das Konzept ist offen für alles. Es ist wichtig, unseren Raum zu bespielen, miteinander und mit dem Raum in einen Dialog zu treten. Es sollen nicht nur Bilder an die Wand gehängt werden, sondern es soll eine raumbezogene Arbeit entstehen. Die Künstler sollen miteinander diskutieren und eine gute Atmosphäre aufbauen. Dann versteht man, warum die Künstler zusammen arbeiten. Z. B. hat Doro* in der aktuellen Ausstellung – so empfinden wir es als Betrachter – sehr viel Gefühl erzeugt und Jisu* erzählt ganz viel über Gefühle von unterschiedlichen Menschen.

Y Das eine ist sichtbar, das andere unsichtbar. Beides hat mit Empfindlichkeit, Gefährlichkeit zu tun. Bei Jisu ist es mehr die Situation, die man fühlen kann, in der man aber nicht denkt. Bei Doro ist es sichtbar, dass man sehr nah an einer Gefahr dran ist. Eines ist mehr innerlich, das andere mehr außen. Das ist das kollektive oder gemeinsame Thema und aus diesem Thema heraus haben wir die beiden ausgesucht.

Dorothee Brübach & Jisu Jeong: Touchable / Untouchable, Medienkunst und Keramik-Installation, Cube+ Gallery, Foto: Esteban Perez

S Wir machen nicht nur Ausstellungen mit unseren Künstlern, sondern wir bleiben auch danach in Kontakt. Wir stellen nicht nur Künstler aus Kiel aus und wir bitten die Künstler, die hier waren, zu uns zurück, um in unserem Raum zu diskutieren. 

Eine Künstlerin, die wir eingeladen hatten, hat ein Stipendium in L. A. bekommen und bevor wir das wussten, hatten wir mit ihr darüber gesprochen, ein Heft über Kunst mit ihr heraus zu bringen. So kommt der Ball immer mehr und mehr ins Rollen. Wir bringen die Künstler nach den Ausstellungen wieder in dieser Art zur gemeinsamen Arbeit zusammen. Wir versuchen, jedes Jahr ein bis zwei Kunst-Hefte mit Künstlern zu machen.  

Unsere Website und die Kunst-Hefte werden von einem Design-Studio (White Title Studio, www.white-title.de) aus Kiel gemacht. Es sind ehemalige Muthesius-Absolventen. Das ist unser Raum – wir versuchen, sie alle wieder zurück zu ziehen, aber wir stellen nicht nur Kieler Künstler oder Kieler Kunst aus. Wir sind international, weil wir beide auch keine Kielerinnen sind. So ist unser Profil und wir wissen, dass wir mehr Künstler aus anderen Ländern einladen könnten, wenn wir ein höheres Budget hätten, z. B. für Künstler aus Asien. Das ist unser großes Ziel und wir sind auf dem Weg dahin.

S Man kann das Stück für Stück erreichen.

Unsere zehnte Ausstellung hieß „Somehow it happened“** mit einer Keramikerin und einer Illustratorin. Die Betrachter treffen sich auch in diesem Moment. Manche sind für Illustration hin gegangen, manche für Keramik. In diesem Moment müssen sie beides zusammen betrachten. Vielleicht mag jemand, der sonst nur Illustration anschaut, gar keine Keramik ansehen und vielleicht mag jemand, der sonst nur Keramik anschaut, keine Illustration ansehen. 

Y In diesem Moment sind sie aber ein bisschen dazu gezwungen. Wir bauen mit Absicht solch eine Atmosphäre auf. Die Leute sind mittendrin und in diesem Gefühl. Das ist unser Konzept.

S Zu unserem Konzept gehört auch unser kleiner Shop. Darin haben wir die Arbeiten von Muthesius-Studenten und -Absolventen gesammelt. Wir bieten dafür eine Plattform. Z. B. gibt es Postkarten, also nicht so hochpreisige Arbeiten. Jeder kann diese Arbeiten kaufen. Solche alltagsfreundlichen Arbeiten nehmen wir auch mit zur Kieler Woche, z. B. Hefte mit Illustrationen, so dass man keine Angst davor hat, weil es vielleicht zu hochwertig ist. Leute, die so etwas kaufen, kommen auch in unseren Shop und werden dann durch den Galerieraum gehen und schauen sich nebenbei Kunst an. Dadurch locken wir mehr Leute an, die dann auch unsere Ausstellungen besuchen. 

Y Der Shop ist für Studierende oder Künstler. Es ist ein fester Ort, an dem sie eigene Sachen verkaufen oder präsentieren können. Die Muthesius-Kunsthochschule hat nur drei Tage im Jahr für eine Ausstellung geöffnet („Einblick-Ausblick“). Unser Shop ist ein Ort, an dem die Studierenden außerdem versuchen können etwas zu präsentieren und zu verkaufen. Im Moment, in dem etwas verkauft worden ist, ist der Käufer froh darüber, eine schöne Sache bekommen zu haben und die Studierenden freuen sich auch: „Ja, heute wollte jemand meine Arbeit haben und ich habe ein bisschen mehr Taschengeld“ .

S Ich diskutiere mit den Studierenden, was im Markt funktioniert und helfe ihnen, sich ein bisschen daran zu orientieren. Meistens geht es gar nicht um das Motiv. Einige Künstler geben aber z. B. zerknickte Plakate auf schlechtem Papier ab. Dann sage ich: „Du musst das auf gutem Papier drucken, damit die Leute Deiner Arbeit respektvoll begegnen. Du hast so viel daran gearbeitet.“ Ich gebe den Studenten Tips, wie sie ihre Arbeiten besser präsentieren können – auf welchem Papier sie drucken sollten und welches Material sie zum Verpacken nehmen sollten, damit die Leute wissen, dass sie Kunst und nicht einfach eine „Wurscht“ gekauft haben.

Y Wenn Du Deine Sachen nicht selbst respektierst, wer soll sie dann respektieren? Wir spielen also auch eine Erziehungsrolle.

AB Nun zum Thema Geld. Von irgendetwas muss man als Künstler und auch als Galerist ja leben. Wie geht die Rechnung für Euch auf?

Y Momentan werden wir von der Muthesius-Kunsthochschule im Rahmen eines Förderprojektes unterstützt. Wir werden demnächst zur Stadt gehen, um eine weitere Förderung zu bekommen. Wir müssen es aber auch selber mit finanzieren. Ich glaube, wir können das nur durch Kunstverkauf schaffen, über die Galerie. 

AB Wer ist denn Eure Zielgruppe? An wen verkauft Ihr hauptsächlich oder was wünscht Ihr Euch da?

S Ich wünsche mir, dass Sammler zu uns kommen. Das müssen wir Stück für Stück aufbauen und wir müssen unsere Künstler aufbauen, auch über unsere Website. Unter dem Namen des Künstlers kann man die Arbeiten anschauen. Die Sammler können uns darüber kontaktieren und Arbeiten direkt ansehen. Wir bieten einen Termin dafür an und dann können wir zusammen diskutieren. So würden wir es gerne in der Zukunft sehen.

AB Ihr nehmt Eure Künstler dann also unter Vertrag?

S Wir haben bisher keine festen Kooperationen, aber es gibt immer einen Vertrag zur rechtlichen Absicherung. Es war von Anfang an so, dass es Verträge mit den Ausstellern gab und die Kunst ist auch versichert. Wir möchten professionell sein.

Y Es gibt überall Sammler, aber wie können wir die Sammler dazu bringen, bei uns Kunst zu kaufen? Das ist unsere Hausaufgabe. Ich habe von Dozenten und anderen Leuten gehört, dass es in Kiel Sammler gibt, die Kunst kaufen, aber nicht in Kiel. Vielleicht kaufen sie Kunst auf Messen, z. B. in Hamburg.

S Zumindest haben wir das gehört. Genau wissen wir das nicht.

Y Wir wissen es nicht, aber bisher sind nicht so viele Sammler zu uns gekommen. Wie schaffen wir es, dass mehr Sammler bei uns Kunst kaufen? Wir müssen erreichen, dass Sammler, Kieler Sammler ein Vertrauen zu uns aufbauen. Das passiert nicht einfach so, sondern in respektvoller Art. Es ist eine Form von künstlerischer Arbeit.  

S Kann ich etwas ergänzen? Ich habe vergessen, etwas zu unserem Konzept zu erzählen. Wir stellen nur Absolventen aus, die sich entschieden haben, weiter als Künstler zu arbeiten, die sich auf die Welt vorbereiten und den Kampf weiter machen wollen, sich überall bewerben und weiter entwickeln.

Y Egal, ob die künstlerischen Arbeiten zu Hause an die Wand gehängt oder weiter verkauft werden. Diese Arbeiten werden vielleicht nachher hochwertig und ihr Preis wird steigen. Das ist momentan unser Fokus. 

S Wir wollen damit auch die Künstler weiter bringen. Gerade wenn sie so schwer kämpfen, suchen wir mehr Chancen für sie, kontaktieren noch mehr Leute. Wir kennen diese und jene und schaffen die Verbindung. Wir bauen also Kreise auf. Die Künstler unterstützen uns auch.

Y Wir lernen viel, weil wir immer mindestens zwei verschiedene Leute einladen. Wir fragen uns, warum sich ein Künstler gerade mit einem bestimmten Material so beschäftigt und was der Vorteil des Materials ist. Ich lerne alles und ich bin sehr froh darüber.

S Genau, wie ist der Klang von Keramik?

Y Was wir jetzt machen, ist einfach nur ein Vorteil.

AB Aber wonach sucht Ihr wirklich die Künstler aus, die bei Euch ausstellen? Crossover und ein gemeinsames Thema – das habt Ihr schon gesagt. Auf welche Qualitäten kommt es Euch sonst noch an? Müssen es immer Muthesius-Absolventen sein?

S Nein. Es sind immer mindestens zwei Künstler. Idealerweise hat einer einen Muthesius-Hintergrund und der andere nicht. Am wichtigsten ist uns aber ein interessantes Crossover, denn wir sind ja selbst Muthesianer. Also ist das schon einmal da.

Y Ich gucke mir gerne Webseiten von Künstlern an. Über das Internet kann man die Tür öffnen. Wenn ich großes Interesse an dem Künstler habe, diskutiere ich mit Shi Shi darüber und frage beim Künstler nach. Wir sind nur eine kleine Galerie, aber das bedeutet nicht, dass wir in einer kleinen Stadt leben. Viele Künstler sagen „Kiel ist zu klein für uns“. Wir sind aber nicht klein, denn wir laden Leute aus aller Welt ein. Es hat nichts mit dem Ort zu tun.

S Genau das wollte ich sagen. Wenn wir die Künstler, die Kiel verlassen haben, zurückbringen wollen, heißt das nicht, dass sie zurück kommen sollen, um hier zu wohnen. Es heißt nur, dass wir sie für eine Ausstellung zurückholen und dann mit ihnen weiter in Verbindung bleiben wollen. Der Ort ist dabei gar nicht wichtig, sondern das Herz. Darüber soll die Connection bestehen bleiben.

AB Also hat es gar nichts mit Kiel zu tun? Kiel liegt am Meer. Ihr sagt, der Ort spielt keine Rolle. Hättet Ihr denselben Enthusiasmus oder dieselbe Motivation, wenn ihr mitten in Deutschland, z. B. in Bonn arbeiten würdet?

Y Wir leben hier in Kiel und ich möchte auch nicht nach Berlin umziehen, obwohl ich zwei Jahre da gewohnt habe. Ich komme aus einer Hafenstadt und Kiel ist für mich wie eine zweite Heimat. Ich möchte auf jeden Fall hier wohnen und hier bleiben. Viele Leute fragen mich: „Warum soll ich in Kiel ausstellen?“ Unsere Galerie liegt zwar in Kiel, aber das bedeutet nicht, dass wir klein oder abgelegen sind. Wir sind international. 

Wir haben aber Künstler getroffen, die nicht gerne in Kiel ausstellen, weil sie sagen, dass Kiel keine große Stadt ist. „Was ist das in meinem künstlerischen Werdegang, wenn ich einmal 2019 in Kiel ausgestellt habe. Was bedeutet das?“ Das finde ich nicht gut.

S Kiel ist besonders, weil es am Meer liegt und weil es sehr viel Natur drumherum gibt. Für uns ist das sehr wichtig, weil wir dann ein bisschen natürlicher bleiben. Wir sind locker hier, weil wir hier nicht einen Riesen-Kampf haben mit anderen Galerien. Das finde ich schön in Kiel. Das Meer ist ein sehr wichtiges Element. Wir gehen am Meer spazieren, wenn wir Stress haben. 

Ich kann nicht genau sagen, was den Unterschied macht. Neulich waren wir für längere Zeit in Berlin und haben viele Ausstellungen angeschaut. Wir vermissen Kiel dann auch. Wir müssen hier nur ein kleines Stückchen gehen und dann sind wir in der Natur. Wenn wir die Künstler hierher einladen, sagen sie: “Oh, Kiel ist so eine schöne Stadt und ich möchte ganz gerne hier wohnen.“ Das bedeutet uns sehr viel und auch, dass wir in der Atmosphäre, die wir gerade aufbauen, bleiben. Wir bauen hier für uns alle in Kiel etwas auf. 

Ich glaube, diese Stadt hat uns diese Motivation gegeben. Ich kann es nicht genau sagen. Wir müssen die Galerie noch ganz stark aufbauen. Wir waren in Berlin zum Gallery Weekend, haben andere Galeristen getroffen und sie gefragt: „Wie lange macht Ihr das schon? Ist das immer noch ein schwieriger Kampf“? Man muss ganz viel reisen, immer Messen besuchen, mit allen sprechen und in den Dialog gehen können. 

Ich habe zu allen Arbeiten in unserer Galerie eine richtige Verbindung und ich verstehe mich mit allen Künstlern, die bei uns ausgestellt haben. Ich kann zu jeder Arbeit und jedem Künstler etwas erzählen, weil es so ist wie mit Freunden. Die Beziehung zwischen uns und den Betrachtern ist wie in einem Freundeskreis. Der Künstler ist solch ein Mensch und deshalb macht er diese Bilder. Das bringt uns ein bisschen näher. Wir bringen die Künstler weiter und bilden uns dabei selbst aus. 

Beim Gallery Weekend haben wir viel gelernt und gemerkt, dass es noch ein langer Weg für uns ist. Man baut das nicht in einem Jahr auf. Viele Künstler fragen: “Wie läuft es bei Euch? Verkauft Ihr schon was?“ Es geht nicht in einem Jahr. Mindestens fünf Jahre müssen wir einplanen. Dann müssen wir auch entscheiden, ob wir das ein Leben lang machen wollen. Das ist in allen Jobs so, glaube ich.

AB Es geht ja um Emotionalität, wenn Ihr sagt, dass Euch etwas anspricht. Könnt Ihr genau sagen, was die Kunst haben muss, damit sie bei Euch landen kann?

S Kunst ist dann gut, wenn wir davor stehen bleiben. Wir schauen lange darauf und fragen uns, ob sie uns zum Nachdenken anregt. Gibt uns die Kunst etwas? Dann diskutieren wir darüber, ob uns diese Kunst bewegt. Es ist egal, welches Material benutzt worden ist und wie hübsch es aussieht. Auch etwas sehr Verrücktes lockt uns an. Finden wir in dem Thema einen Sinn? Es ist ganz locker. Wir können ganz viel darüber sprechen, welche Kunst uns gerade anzieht, aber die Reihenfolge ist immer so wie ich beschrieben habe.

AB Seid Ihr Euch da immer einig oder sind es unterschiedliche Dinge, die Euch anziehen?

S Mal so, mal so. Wir müssen uns schon gegenseitig überzeugen können. Deswegen ist es auch nicht einseitig.

AB Wenn Ihr einen Wunsch haben könntet an die Kieler Kunst-Welt oder die Kunst-Welt in Schleswig-Holstein, welcher Wunsch wäre das?

S Ich finde, es muss sich mehr bewegen. Es sollte sich ein Kulturkreis bilden, nicht nur aus eigenen Sachen, sondern es sollte sich etwas verbinden.

AB Was muss sich da verbinden?

S Wir waren am Projekt „Snowball“ beteiligt. Kuratoren waren Jihea An und Detlef Schlagheck. Sie haben mehrere Off-spaces und Galerien gefragt, ob sie dabei sein wollen. So etwas machen wir auch gerne mit, nicht nur eigene Projekte. Die Kieler Ateliertage, die Museumsnacht, so etwas finde ich sehr gut, weil sich da etwas verbindet und man nicht nur Einzelkämpfer ist. So bilden sich Kulturkreise.

Y Nur drei bekannte Projekte im Jahr: Sommerateliers, Ateliertage und Museumsnacht, aber in Berlin passiert jedes Wochenende etwas.

S Ich wünsche mir auch, dass man darüber diskutieren kann, auch auf Social media-Plattformen. Nicht nur, dass man sagt: „Ich finde es gut“, sondern: „Ich finde es gut, weil…, ich finde es schlecht, weil…“ Und es sollen alle mitspielen können.

Y Ich erwarte auch, dass mehr Zuschauer zu solchen Diskussionen kommen. Im Kunstraum B (https://kunstraum-b.de) gibt es gerade viele Aktionen und man kann mit Künstlern in den Diskurs gehen.

AB Mein Eindruck hier in Kiel ist, dass es hier mindestens zwei Töpfe oder Schichten gibt, die klassischen, meistens älteren Künstler und die Muthesianer, und es gibt nur wenige Verbindungspunkte dazwischen.

Y Es sind zwei Generationen.

AB Aber warum spielt das Alter eine Rolle? Ich finde das schade. Mein Gefühl ist, dass sich beide ein bisschen voneinander abkapseln. Vielleicht fehlt ein Forum, in dem beide zusammenkommen können. Habt Ihr eine Idee, wie man das besser mischen kann? Vielleicht muss man das auch gar nicht, aber so kommen doch spannende Diskussionen zustande.

S Wir denken auch so. Unsere Kommilitonen sagen auch: “Oh, da kommen immer dieselben Leute“. Deshalb ist das Mischen schon sehr wichtig. Wir fangen ja gerade an, unterschiedliche Medien zu mischen. Wir wollen ja auch nicht nur die Leute einladen, die wir kennen, sondern auch ganz andere. Beide machen dann etwas zusammen.

Y Ich beschäftige mich wirklich damit, weil ich noch an der VHS arbeite. Da verteile ich unsere Flyer ganz oft. Die Kursteilnehmer waren auch bei unserer Galerie-Eröffnung oder bei Ausstellungs-Eröffnungen. Meistens sind sie ganz schüchtern. In der VHS ist überwiegend die ältere Generation. Ich bin so eine neue Junge da, aber ich werde unsere Flyer weiter verteilen und es gibt Leute darunter, die Lust haben zu uns zu kommen. Das habe ich schon geschafft. Ich glaube, sie haben nur keinen Zugang, keine Möglichkeit. Sie wussten einfach nicht davon. 

S Sie sind nicht „nicht anlockbar“. Deswegen gehen wir auf die Kieler Woche. Dort treffen wir Leute, die sich normalerweise keine Kunst ansehen.

Y Kieler Woche ist nicht nur Wurst essen und Bier trinken. Es gibt auch Kunst  zu sehen. Damals hatten wir große Angst. Schaffen wir das? Es war einfach ein Versuch.

S Da konnten wir sogar ein Tiefdruck-Original verkaufen. Es kam auch eine Keramik-Sammlerin, und sie hatte nicht gedacht, dass wir auf der Kieler Woche sind.

Y Letztes Mal haben wir es sehr gut getroffen. Die Leute wussten nicht, dass wir einen Stand haben. Alle Leute trinken Bier und essen Wurst, egal, welchen Titel sie haben.

S Beim Essen sind alle gleich und dort treffen wir mehr Leute, auch Leute, die Kunst kaufen. Wir können nicht abschätzen, wo wir sein müssen. Wir gehen einfach überall hin.

Wir haben ja im September 2018 eröffnet und es kamen Leute, die uns auf der Kieler Woche besucht hatten. 

Auf der Kieler Woche schließen wir unseren Stand abends eigentlich um 21 Uhr, aber wir mussten immer länger arbeiten, weil die Leute nach dem Essen noch um 23 Uhr zu uns kamen, um Kunst anzuschauen.

Y Nach Wurst und Bier ein bisschen Kunst.

S Es ist eine Herausforderung für uns. Man muss mit den Leuten reden können. Wr müssen mit unseren Worten einen Zugang schaffen.

AB Wo findet man Euch, wenn man mehr über Euch erfahren möchte?

https://www.gallery-cubeplus.com

https://www.facebook.com/Gallery-Cubeplus-2164293423848851/

https://www.instagram.com/gallery_cubeplus/?hl=de

Gallery Cube+, Knooper Weg 104, 24105 Kiel

Öffnungszeiten: Do bis So, 13 bis 20 Uhr

AB Ich danke Euch für das sehr offene und interessante Interview!

Anmerkungen:

*Dorothee Brübach & Jisu Jeong: Touchable / Untouchable, Medienkunst und Keramik-Installation, Cube+ Gallery, 06. Juni bis 29. Juni 2019

**Stefanie Röhnisch und Songei Lee, Illustration und Keramik, Cube+ Gallery, 28. März bis 13. April 2019

„Künstler“ = Künstler (m/w/d)

Interview mit My Olsson

Foto: Christin Sylvander

AB My, ich freue mich, dass Du an der Interview-Reihe „Menschen brauchen Bilder“ teilnimmst.

MO Erzähle mir zuerst kurz, was Du machst.

AB Das ist eine längere Geschichte. Ich bin von Haus aus Apothekerin, aber habe meine pharmazeutische Tätigkeit letztes Jahr beendet, um mich als Coach selbstständig zu machen. Da ich auch Künstlerin bin, habe ich versucht, beides miteinander zu kombinieren und so ist „Coaching mit Bildern“ entstanden. Ich habe mich dabei auf hochsensible (HSP) und introvertierte Menschen spezialisiert. HSPs haben häufig eine Affinität zu ästhetischen Dingen, Kunst, Musik, Literatur. Diese Eigenschaft nutze ich im Coaching, indem ich Bilder als Vehikel für Impulse aus dem Unterbewussten einsetze.

Um das gesamte Potential zu ergründen, das in Bildern steckt, habe ich die Interview-Serie initiiert. Fotographen, Galeristen und Künstler wie Du – also Menschen, die in irgendeiner Weise mit Bildern zu tun haben, wurden dazu eingeladen. Mich interessiert die persönliche Sichtweise auf das Thema. 

MO Okay, nun weiß ich bescheid.

AB My, nun bist Du an der Reihe. Erzählst Du mir ein bisschen über Deine Geschichte, wie Du mit Bildern arbeitest, wie Du dahin gekommen bist, wo Du jetzt bist und wo Du lebst?

MO Ich male schon mein ganzes Leben lang. Ich bin aus Sri Lanka nach Schweden gekommen und bin von meinen schwedischen Eltern adoptiert worden, als ich drei Monate alt war.

Meine Eltern konnten mir nicht beibringen, wie man zeichnet oder malt, aber sie haben mich immer unterstützt und haben mir das Gefühl gegeben, dass ich mit Zeichnen und Malen den richtigen Weg eingeschlagen habe. 

Mit 15 Jahren hatte ich meine erste Ausstellung in der Schule und ich habe mit meinen Bildern einen Preis gewonnen. Von meinen Bildern wurden Postkarten gedruckt und an Tausende von Menschen verteilt. Ich glaube, das war der Start. 

Seitdem ich 17 bin habe ich regelmäßig ausgestellt und irgendwann musste ich mich entscheiden: Soll ich weiterhin zu 100 % als Künstlerin arbeiten oder soll ich irgendetwas studieren? Ich habe erst einmal viel gelesen und habe verschiedene Ausbildungen ausprobiert, auch ein Psychologie-Studium. Ich bin sehr an digitalen Medien interessiert und deshalb habe ich ein Master-Studium in dieser Fachrichtung abgeschlossen. Aber ich hatte noch immer das Verlangen in mir zu malen, nicht nur digital. So habe ich 2005 damit begonnen, meine Karriere als Künstlerin aufzubauen.

Ich habe mir einen Namen für meine Website überlegt. Ich heiße „My“ und deshalb heißt meine Seite mydesign.se. Ich habe hin und wieder gemalt und immer mehr Menschen mochten meine Website und das, was ich tat.

12 Jahre lang habe ich für eine Bank in Schweden im Marketing gearbeitet. Es ging um digitales Marketing und das war für mich sehr inspirierend. Es war aber keine Arbeit mit dem Bleistift oder Buntstift.

Ich habe zu 100 % in der Bank gearbeitet und in meiner Freizeit und an den Wochenenden habe ich gemalt. Heute arbeite ich zu 70 % in einer anderen Firma als Art Director und als ein User Interface Designer und der Rest fühlt sich auch wie 70 % an. Es ist also 50 : 50 und ich stelle so oft aus wie es mir möglich ist.

AB Du hast damit eigentlich schon zwei von meinen nächsten Fragen beantwortet. Ich habe Deine Bilder auf Deiner Website angesehen und ich mag sie, weil man so vieles in ihnen entdecken kann. Wie bringst Du die Arbeit mit Deinen Händen, also die klassische künstlerische Arbeit und die digitale Technik zusammen? Brauchst Du beides gleichermaßen oder wäre es eine Perspektive für Dich, nur mit Deinen Händen künstlerisch zu arbeiten?

MO Das wäre ein Traum. Ich habe aber nicht den Mut zu springen. Zwei Tage pro Woche arbeite ich im Büro und einen Tag zu Hause. Ich kann selbst entscheiden, wann ich anwesend sein will und das ist eine perfekte Lösung für mich. Es ist gut zu wissen, dass ich am Ende des Monats mein festes Gehalt bekomme. Ich habe ja immer noch die Fähigkeit, eine gute Graphik-Designerin zu sein und ich liebe die digitale Welt auch sehr. Wer weiß, vielleicht kann ich beides irgendwann zu einer Einheit werden lassen. Momentan ist es gut, in beiden Welten zu leben.

Wenn man die digitale Welt nutzen möchte, muss man sicher stellen, dass man immer auf dem neuesten Stand der Entwicklung ist. Außerdem bekomme ich aus der digitalen Welt auch Inspirationen für meine künstlerische Arbeit. Viele Menschen sagen beim Betrachten meiner Bilder „Ich kann sehen, dass Du eine Graphik-Designerin bist“, wahrscheinlich, weil ich sehr detailliert arbeite. Ich kombiniere also die runde Welt mit der eckigen.

AB Lass uns einmal Deine nicht-digitalen Bilder betrachten. Ich habe eine Menge wiederkehrender Symbole darin gesehen – Totenköpfe, Vögel, Blumen, Zahnräder. Erklärst Du mir das ein bisschen? Was hat Dich dazu angeregt?

MO Es steckt immer eine tiefere Bedeutung dahinter. Jeder kann selbst entscheiden, was er darin sehen will. Ich versuche aber, einen roten Faden in meinen Bildern zu erzeugen. Ich weiß, was ich den Menschen mit meinen Bildern erzählen möchte, aber jeder Betrachter sieht die tiefere Bedeutung auf seine persönliche Weise. Die Kombination der Symbole ist dabei auch sehr relevant.

In 70 % meiner Bilder taucht das Symbol der Welt irgendwo auf – versteckt oder ganz klar sichtbar. Ich habe einen Gummi-Stempel dafür benutzt. Drei Anläufe habe ich gebraucht, um ihn zu schnitzen, denn immer hatte ich Neuseeland vergessen. Ich wollte aber, dass alle Länder dieser Welt zu sehen sind.

AB Ich konnte nicht herausfinden, wie groß Deine Bilder sind.

MO Von ganz klein bis 1,50 x 2,00 m.

AB Also deckst Du ein großes Spektrum ab.

MO Ja, aber am häufigsten nehme ich eine mittlere Größe, die gut zu händeln ist.

AB Nun zu Deiner Website. Dort habe ich entdeckt, dass Du auch Drucke Deiner Bilder verkaufst. Ist das richtig?

MO Ja, das stimmt. Von einigen Bildern habe ich eine Klein-Edition herausgebracht.

AB Machst Du das nur aus kommerziellen Gründen oder steckt noch etwas anderes dahinter?

MO Als Künstler brauchst Du einfach ein gewisses Einkommen, damit es weitergeht. Das ist der Grund, warum ich es tue.

AB Ja, das verstehe ich und es ist eine gute Idee, weil Du ein Bild auf diese Weise ganz vielen Menschen geben kannst.

MO Vor kurzem habe ich mein Angebot verändert. Vorher gab es von einem Bild mehrere Hundert Fine Art Prints, aber ein Galerist gab mir den Tip, nur 10 bis 25 Drucke anfertigen zu lassen. Nun male ich mehr Bilder, aber lasse nur wenige Exemplare pro Bild drucken.

AB Hast Du schon einmal digitale und manuell erzeugte Elemente in einem Bild kombiniert?

MO Ich habe das früher öfter gemacht, Malerei in Kombination mit Digitalem, aber nun ist es so, dass meine digitale Arbeit aus meinem Kopf kommt und nicht aus dem Computer und so erscheint sie dann auf dem Papier oder der Leinwand.

AB Die Interview-Serie heißt „Menschen brauchen Bilder“. Wie ist Deine Beziehung zu Bildern generell?

MO Ich sehe mich gerne in den digitalen Medien um, sehe mir dort Bilder an, um mich inspirieren zu lassen. Außerdem reise ich ganz viel und so oft ich kann. Deshalb taucht die Welt in vielen meiner Bilder auf. Wir brauchen mehr Verbindungen zwischen den Ländern dieser Erde. Das Reisen, das Kennenlernen verschiedener Kulturen erzeugt Demut in uns und eröffnet uns neue Lebens-Perspektiven.

AB Deine Bilder sind eine Sammlung von persönlichen Eindrücken von dieser Welt. Fasst es das zusammen, was Du gesagt hast?

MO Ich male manchmal ganz normale Objekte, die jeder gewohnt ist zu sehen. Ich zeige Dir hier ein Beispiel, an dem ich gerade arbeite. (My hält ein Bild mit einem großen bunten Hasen in die Kamera.)

AB Womit hast Du hier gemalt? Mit Aquarellfarben oder mit Acrylfarben?

MO Ich habe Aquarellfarben, Bleistift, Tinte und Acrylfarbe verwendet. Gemalt habe ich es auf schwerem Papier (300 g/qm).

Du hast es wohl schon gesehen: Ich mag kräftige Farben. Ich nehme auch Schwarz und Weiß, aber ich mag es, wie Farben unser Gefühl beeinflussen. Wenn wir nach Hause kommen oder wohin auch immer, sollten wir dort mit guten Gefühlen bombardiert werden anstelle mit dunklen oder traurigen Dingen, denn ich versuche, auf der positiven Seite des Lebens zu leben. Wir müssen die Momente finden, in denen Freude zu uns kommen kann. Es ist wichtig für uns und unsere Gefühle.

AB Ich vermute, dass Du immer in der Stimmung für leuchtende Farben bist. Deine Bluse ist auch sehr bunt.

Wie geht es Dir, wenn Du nicht künstlerisch arbeiten kannst, weil Du vielleicht Verpflichtungen hast?

MO Oh, ich brauche die künstlerische Arbeit. Manchmal musst Du aber auch trainieren, um Dich gesund zu halten, aber das ist wahrscheinlich nicht das, was Du gemeint hast.

Es kann frustrierend sein, wenn ich meine Gefühle nicht auf der Leinwand ausdrücken kann. Das ist es wohl. Die Malerei ist eine Art Ausdruck von Dir selbst. Das ist es, was Malerei einzigartig macht. Ein Leben ohne Malerei – das wäre wirklich traurig.

Ich habe einmal Basketball gespielt. Dabei bin ich gestürzt und habe meine Hand verletzt und dann ist mit bewusst geworden, wie wichtig meine Hände sind.

AB Was denkst Du über die Rolle der Kunst in unserer Welt, nicht nur in Deiner eigenen, sondern auch generell?

MO Ich glaube fest daran, dass Bilder etwas in uns wachsen lassen. Überall, wo wir hinschauen, meinen wir, etwas von uns selbst zu entdecken. Manchmal können wir bei den Bildern, die uns umgeben, entscheiden, was wir darin sehen wollen und was wir nicht sehen wollen. Ganz generell, glaube ich, dass der Trend zu farbenfroheren Bildern geht. Die Menschen wollen glücklich sein. Wer möchte das nicht? 

AB „Glücklich“ ist das Stichwort. Was meinst Du, muss ein Bild haben, um den Betrachter emotional zu berühren?

MO Wenn jemand Erinnerungen an etwas hat, sobald sie/er ein Bild betrachtet, das sie /ihn anspricht, dann werden Emotionen ausgelöst. Das ist der Grund, warum Menschen Bilder kaufen. Sie denken, sie haben etwas gemeinsam mit dem Bild oder etwas in dem Bild hat eine Bedeutung für sie. Es ist wie sich zu verlieben, wenn man ein Bild ansieht.

AB Ist es für Dich ok, wenn jemand Deine Kunst kauft, ohne davon emotional berührt zu werden?

MO Ja, denn es wird dann andere Menschen geben, die das Bild irgendwo betrachten.

AB Ist das bei Graphik-Design-Arbeiten ähnlich, z. B. bei Logos? Denkst Du, dass da die gleichen Elemente notwendig sind, um Menschen anzusprechen?

MO Es ist sehr wichtig, dass Du mit Deinem Ausdruck den Nerv der Leute triffst – in Abhängigkeit vom Kunden, seiner Arbeit und seiner Umgebung. Du musst das große Ganze verstehen, um sicher zu sein, welche Farben und Elemente in einem Logo z. B. enthalten sein sollten. Es muss etwas Interessantes sein, das in Erinnerung bleibt. Es muss besonders und einzigartig sein.

AB Ok, wahrscheinlich gibt es ein umfangreiches Interview mit dem Kunden, bevor Du mit der Gestaltung beginnen kannst. Du hast bestimmt eine Liste mit Fragen, die Du immer stellst, um bis zum Kern der Person oder Firma vorzudringen?

MO Das ist das Fundament. Wenn das nicht gut ist, wird auch das Ergebnis nicht gut sein.

AB Da sehe ich den Link zu Deinem Psychologie-Studium, von dem Du zu Beginn erzählt hast.

MO Es ist eine Kombination aus digitaler Arbeit, Psychologie und Kunst. Ich mag es, wenn ich die Menschen mit meiner Kunst erreiche und hören kann, was sie fühlen, wenn sie meine Arbeiten betrachten. Sie erzählen mir viele unterschiedliche Geschichten und am Ende hat alles mit ihnen selbst zu tun.

AB Das war meine letzte Frage. Hast Du noch etwas, was Du uns gerne mitgeben möchtest?

MO Ich möchte in die Welt hinaustragen, dass wir mehr Freude brauchen und mehr aufheiternde, farbenfrohe Bilder.

AB Sagst Du uns noch, wo wir mehr über Dich erfahren können? Im Internet oder woanders.

MO Ich bin einige Male von Zeitungen interviewt worden und ich habe über Ostern eine Ausstellung in Südschweden gehabt. Eine größere Ausstellung mit 60 Bildern von mir wird es den ganzen September hindurch in Stockholm in der „Galleri Anigo“ geben (www.anigo.se).

Hier bin ich im Internet vertreten:

Website www.mydesign.se
Facebook www.facebook.com/mynirmaleedesign

Instagram @mydesignmy

Letztes Jahr fand das „Euro Pride“-Festival in Schweden statt. „Pride“ wird jährlich in der Hauptstadt gefeiert. „Euro Pride“ wird jedes Jahr in einer anderen Stadt veranstaltet. Es ist ein riesiges Event und ich wurde gefragt, ob ich als Künstlerin teilnehme. Es hat eine große Bedeutung für mich, dort eines meiner Bilder zu präsentieren. Es heißt „Celebrating Love“ und zeigt zwei Weingläser, die sich zu einem Herz zusammensetzen. In den Gläsern ist das Universum zu sehen. Ich wollte eine Kombination von Universum, Wein und Liebe haben. 

My Olsson, „Celebrating love“, 43 x 34 cm (ohne Rahmen)

Eine Kleinigkeit habe ich vergessen zu erzählen, als wir über Symbole gesprochen haben. In meinen Bildern gibt es üblicherweise Zahlen und das Alphabet, herumfliegende Buchstaben. Die Leute fragen mich „warum?“ . Die Buchstaben fliegen umher, aber letzten Endes bilden sie Sätze. Sätze, die wir uns sagen. Ich denke, es ist sehr wichtig, wie wir dieses tun. Sätze sind das Fundament unserer Kommunikation und ohne gute Kommunikation können wir keine Liebe untereinander finden. Für mich sind die Buchstaben ein Symbol für die Bedeutsamkeit guter Kommunikation.

AB Danke, My, das war ein schönes finales Statement. Ich danke Dir sehr für Deine Zeit und dieses großartige Interview.

Als kleines Extra und als Alternative zum klassischen Lebenslauf, wie man ihn in Bewerbungsmappen liest, gibt es My’s Lebenslauf hier noch einmal komprimiert als Bild:

Archiv

Svenja Wetzstein (Foto: Olaf Abrät)

Svenja Wetzenstein, Malerin aus Achim bei Bremen und gebürtige Kielerin, vermutet, dass sie das Endliche schon als Kind so fasziniert hat, dass es in ihren Bildern immer wiederkehrt.

INTERVIEW

Susanne Renner
(Foto: Astrid Blohme)

Susanne Renner, Diplom-Künstlerin aus Leipzig, beschreibt, wie sie feinsinnig ihren inneren Bildern folgt und ihnen einen für sie passenden äußeren Ausdruck verleiht.

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Ruth Bleakley-Thiessen (Foto: privat)

Ruth Bleakley-Thiessen ist Coach, Autorin und Künstlerin. Was Fahrradschläuche und Damenstrumpfhosen mit Veränderung – insbesondere weiblicher Veränderung – zu tun haben, erschließt sich im Interview.

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Almut Behl
(Foto: Astrid Blohme)

Für Almut Behl ist die Allgegenwart von Bildern vieles: innere Vorstellung zwischen Fantasie, Verarbeitung, Traum oder Konzept genauso wie äußerer Ausdruck zwischen konkreter Abbildung und abstraktem Bedeutungsträger.  Als freie Journalistin und Texterin baut sie natürlich auf die Bildgewalt der Sprache, unter anderem Kontext ihrer Kunst-Einführungen. 

INTERVIEW

Antonia Lindenberg in einer Jean-Michel Basquiat-Ausstellung

In diesem Interview geht es um eine Druck-Technik, die unter der Anleitung von Antonia Lindenberg auch von Kindern ganz leicht umgesetzt werden kann. Antonia betreibt mit einer Kollegin zusammen die Kieler Siebdruck-Werkstatt „Links im Hof“ im Grasweg.

 

INTERVIEW

Shi Shi und Ying-Chih Chen (Foto: Esteban Perez)

Shi Shi und Ying-Chih Chen, Galeristinnen der Cube+ Gallery in Kiel, erzählen Euch im Interview, wie Kunst den Blick auf die Welt erweitern kann. Dafür muss man übrigens nicht Kunst studiert haben oder Teil der „Kunstszene“ sein. Es geht nur darum, neugierig und offen zu sein.

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„Menschen brauchen Bilder“? „Vor allen Dingen Farben“, meint My Olsson, Graphik-Designerin und Malerin aus Stockholm. Neben der vordergründigen Farbigkeit laden My`s Bilder dazu ein, sich einen ganz persönlichen Reim darauf zu machen.

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Der Vorhang geht auf: Die Theatermalerin Dorothee Warlich erzählt uns, wie die Bühnenbilder im Kieler Opernhaus entstehen, wie aus „ganz klein“ „ganz groß“ wird und wo es trotz enger Vorgaben noch kleine Abenteuer gibt.

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Tom Körber

Wir leben im Zeitalter von Instagram, Facebook, flickr und anderen digitalen Plattformen, auf denen ein Foto das andere jagt. Daneben lebt noch immer oder gerade deswegen die Fotografie zum Anfassen und für mehr als nur einen Augenblick – als Fine Art Print, in Bild-Bänden, Magazinen, Kalendern. Warum das so ist? Ideen und Antworten dazu gibt es hier in meinem Interview mit Tom Körber, Kieler Fotograf und Journalist. 

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Viktor war hier …

“Einen bunten Stolperstein im tristen urbanen Dschungel zu platzieren, das treibt mich an. Meine Leinwand ist die Stadt. Leinwände aus Stein, Beton oder Stahl.”


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Uta-Maria Torp

“Man kommt damit normalerweise nicht in Kontakt, aber ich treffe immer wieder Leute, die sagen: Audiodeskription ist doch das, wo man den Knopf plötzlich nicht mehr findet, um es auszustellen. Einige Leute finden das ganz schrecklich und andere merken plötzlich, dass das total interessant sein kann.”

Ein Interview mit Uta-Maria Torp, Hörfilm – und Hörbuch-Sprecherin aus Berlin, über Bilder aus Stimme und Text.

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Regine Haack

“Wenn das Bild dann fertig ist, ist ein Zustand wieder hergestellt, in dem ich denke: Genau das gehört zum Sinn meines Lebens.”

Ein Interview mit Regine Haack, Künstlerin und Lehrerin aus Kiel, über den Hunger nach Bildern – als Malerin und Konsumentin.

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Martina und Thomas Weihrich sehen Veränderung am Horizont, für sich persönlich und unseren gesamten Planeten. Jeder ist Teil davon und durch das Anstoßen eigener, innerer Prozesse werden auch äußere Veränderungen möglich. Wie das geht und wo sie sehr gute Voraussetzungen dafür sehen, erzählen die beiden hier.

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