Interview mit Dorothee Warlich

Dorothee Warlich, Theatermalerin aus Kiel

AB Vielen Dank, Frau Warlich, dass Sie sich bereit erklärt haben, bei unserer Interviewreihe „Menschen brauchen Bilder“ mit zu machen. Sagen Sie doch am Anfang ein paar Sätze zu Ihrer Person, woher Sie kommen und was Ihre aktuelle Tätigkeit ist. 

DW Ich bin Dorothee Warlich und komme ursprünglich aus dem Rheinland. Ich bin in Köln geboren und bin dort in der Nähe – in Meckenheim – aufgewachsen. Nach meinem Abitur habe ich ein Praktikum im Malsaal bei den Bühnen der Stadt Bonn gemacht und bin so zu meinem Beruf gekommen, der Theatermalerin. Nach einem weiteren einjährigen Praktikum habe ich eine Ausbildung als Bühnen- oder Theatermalerin absolviert und bin dann als Theatermalerin nach Kiel gekommen. Seit mittlerweile 15 Jahren arbeite bei beim Theater Kiel.

AB Was ist das Faszinierende an Ihrem Beruf? 

DW Er fasziniert mich immer mehr und ich merke, dass es genau mein Beruf ist, weil ich schon als Kind gerne Bilder abgemalt habe. Meine Liebe zum Detail ist es anscheinend, aber ganz genau kann ich das nicht beschreiben. Wenn ich ein Bild sehe, kann ich es mir gemalt vorstellen. Das gehört zu meinem Aufgabenfeld. Bilder, die ich in DINA4-Vorlage bekomme, muss ich auf verschiedene Formate vergrößern können. Es kann ein Gemälde sein, eine abstrakte Darstellung von Farbe und Form, oder eine Materialimitation wie Beton, Holz, Marmor, Metall, also jegliche Oberfläche. So haben wir die Möglichkeit, diese großflächig zu gestalten.

AB Man verwendet also kein Holz, wenn man eine Holz-Oberfläche benötigt, sondern man bemalt eine Fläche so, dass sie aussieht wie Holz?

DW In den meisten Fällen ist das so.

AB Können Sie uns noch ein bisschen genauer erklären, wie ein DINA4-Bild ganz groß gezogen und auch perspektivisch richtig wird? Es muss aus allen Ecken des Theaters oder des Opernhauses, egal ob man ganz unten oder ganz oben im Zuschauerraum sitzt, stimmen. Wie bekommt man das hin?

DW Dafür sind nicht wir zuständig. Wir imitieren nur das Bild, das uns der Bühnenbildner gibt. Wir bekommen eine 100% ige Vorlage in DINA3 oder DINA4 und vergrößern diese mit Rastern und dem angegebenen Maßstab. Ein Rasterfeld hat meistens eine Größe von 1 x 1 m. So entstehen für uns die Bilder. Letzten Endes ist der Bühnenbildner dafür zuständig. Er hat das Bild in seinem Kopf und anhand technischer Zeichnungen weiß er, wo die Zuschauer sitzen, also wie die Blickrichtung ist. 

AB Sie vergrößern das Bild, das Sie vom Bühnenbildner erhalten. Welche Möglichkeiten haben Sie noch, das Bild zu beeinflussen?

DW Im Prinzip gar keine. Der Bühnenbildner gibt alles komplett vor. Ich bin für die Umsetzung zuständig. Ich kann mir aber selber aussuchen, wie ich vorgehe und wie ich es umsetze. Die Farben sind meistens sogar nach RAL vorgegeben bzw. wir müssen möglichst zu 100% die Farbigkeit der Vorlage benutzen. Es ist wenig Spielraum, aber jeder bringt natürlich ein bisschen von seinem eigenen Stil ein. Sehen darf man das nicht. Es soll die Hand des Künstlers, also des Bühnenbildners, deutlich werden.

AB Der Bühnenbildner ist der Gestalter und Sie sind die ausführende Hand, der ausführende Kopf und Körper.

DW Ja.

Bild: bereitgestellt durch Dorothee Warlich

AB Wie viele Leute arbeiten an einem Werk parallel und wie organisieren Sie dies?

DW Es gibt Baubesprechungen und dabei wird auf der Bühne abgeschätzt, wie die Arbeitsschritte gestaffelt werden können. Es gibt ein Bühnenbild-Modell, was der Bühnenbildner anfertigt, es gibt technische Zeichnungen und es gibt eine Besprechung darüber, wie es gebaut werden kann. Es sind Schlosser, Tischler, Beleuchter und Tontechniker beteiligt. Die Werkstätten, die für das Künstlerische zuständig sind, umfassen die Schlosser, die Tischler und uns Maler. Die Schlosser und Tischler bauen das Bühnenbild und wir gestalten danach die Oberfläche.

AB Mit wie vielen Malerinnen oder Malern arbeiten Sie parallel? Wie vermeiden Sie, dass Sie sich gegenseitig behindern?

DW Wir sind zwei Maler und Lackierer und vier Theatermaler. Da wir im Jahr um die 40 Stücke haben, bekommt jeder sein Aufgabenfeld. Wir arbeiten auch einmal zu zweit an einer Malerei und da muss man sich absprechen: Wer was macht und wer welche Seite malt, damit es nach einer Handschrift aussieht. Es ist viel Teamarbeit.

AB Gibt es auch Bühnenbilder, die Ihnen gar nicht gefallen? Lesen Sie die Stücke vorher um zu sehen, ob das Bühnenbild zu dem Stück passt oder nicht?  

DW Das maße ich mir gar nicht an. Das Bühnenbild ist ja entstanden in einem Team von Regisseur und Bühnenbildner. Der Intendant ist auch daran beteiligt. Ich gucke mir die Stücke im Nachhinein gerne an. Zur Kultur und zum Arbeiten an einem Werk gehört für mich dazu, mir das Stück anzusehen. Es interessiert mich sehr.

ABEs gibt einen separaten Bühnenbildner, wie Sie sagten. Das ist also ein anderer Beruf als Bühnen-oder Theatermaler.

Ist Ihnen eigentlich manchmal zu viel oder zu wenig Bild auf der Bühne? Auch wenn Sie keinen Einfluss darauf haben: Wie empfinden Sie dies?

DW Es ist minimalistisch geworden auf der Bühne oder scheinbar minimalistisch. Die Arbeit ist die gleiche, weil genauso viele Wände, Stellagen usw. auf der Bühne stehen, aber es ist weniger Malerei dabei. Unser Berufszweig wird immer mehr von Druckmaschinen abgelöst. Da wir so viele Stücke haben, aber wenig Zeit, nutzen wir auch die Drucktechnik. Wir selber drucken nicht, aber wir lassen drucken. Ich finde es schade.

AB Seit wie vielen Jahren bemerken Sie diesen Umbruch oder seit wann wird das deutlich mehr?

DW Das merkt man schon seit 10-15 Jahren, seitdem ich hier in Kiel bin. Tapeten werden schon lange gedruckt. Für uns ist es natürlich weniger Arbeit, aber dafür gibt es andere Aufgaben, die nicht so viel Spaß machen – Anstreichen und Arbeitsflächen vorbereiten.

AB Also das klassische Malen wird weniger?

DW Ja.

AB Wie kompensieren Sie das?

DW Ich male immer wieder privat für mich.

AB Was malen Sie genau?

DW Ich male auch da Vorlagen ab, kann das aber viel freier gestalten. Mein Sohn wollte z. B. einen Panda-Bären gemalt haben. Ich habe mir überlegt, auf welchem Untergrund ich ihn malen könnte. Von einem Theaterstück war ein toller Druck mit Bambus übrig geblieben. Dort hinein konnte ich einen Panda-Bären platzieren und er hat dort wunderbar hinein gepasst. So konnte ich das, was für uns immer mehr zum Handicap wird, doch noch nutzen.

AB Sie haben es also kombiniert. Auf der Bühne wird wahrscheinlich auch beides gemixt.

DW Ja. Wir hatten Fälle, in denen dem Bühnenbildner Drucke nicht gefallen haben und wir die Drucke noch anpassen mussten. Es ist selten, weil die Computerbearbeitung eines Bildes natürlich auch immer weiter voran schreitet und viel einfacher geworden ist.

AB Zu den Bühnenbildern allgemein: Gibt es eines, was Sie ganz besonders begeistert hat oder dessen Anfertigung Ihnen ganz besonders viel Spaß gemacht hat?

DW Abstrakte, räumliche Bilder machen mir viel Spaß. Ich bin mir nicht mehr 100%ig sicher, wie das Stück hieß. „Antar“, glaube ich. Es war eine blaue Bühne, die sehr abstrakt dargestellt wurde. Durch die Position der Wände und Tücher hat es eine unheimliche Tiefe gehabt. Das tiefe, intensive Blau ist mir so im Kopf geblieben.

Gut finde ich es, Wände zu gestalten, bei denen man sich nicht ganz genau an einen Pinselstrich halten muss und wenn ich mit Farben und Formen spielen kann: mit Pinseln erzeugte Zufallsprodukte. Es sind aber gar keine Pinsel mehr bei uns, sondern Bürsten. Wenn also Zufälligkeiten entstehen und wenn der Bühnenbildner auch genau das möchte, freue ich mich.

AB Der Bühnenbildner lässt sich dann also auf die Zufälligkeiten und die besonderen Effekte, die dadurch entstehen, ein?

DW Genau.

AB Das ist aber ganz anders als das, was Sie sonst bevorzugen. Sie sagten ja, Sie malen gerne ab und das ist eng begrenzt.

DW Ja, das stimmt. Das widerspricht sich.

AB Brauchen Sie das eine zum Ausgleich des anderen? Wie ist es, wenn Sie privat malen. Kommt dann beides vor?

DW Ich bin nicht der Kopfmensch, der darüber nachdenkt, sondern ich mache es intuitiv. Oft erzeuge ich als Untergrund ein Farbenspiel und setze etwas Realistisches darauf oder ich habe eine bestimmte Assoziation z. B. zu einem Porträt und gestalte intuitiv den Untergrund. Da ist dann doch etwas Eigenes drin.

AB Es fließt ja sehr viel Energie in ein Bühnenbild. Was passiert, wenn eine Aufführung aus dem Programm genommen wird? Wird das Bühnenbild übermalt oder entsorgt?

DW Ein paar Standard-Bühnenelemente werden immer wieder verwendet, z. B. schwarze Wände. Ein Großteil des Bühnenstücks kommt aber in den Container. Oft sagt man sich: „Es wäre schade, wenn wir es wegwerfen. Vielleicht kann man es noch einmal benutzen.“ Es kommt auf den Fundus an. Wir haben einen großen Fundus mit Requisiten wie Möbeln, Skulpturen und dort stehen mit Sicherheit ein paar Wände, die darauf warten, wieder verwendet zu werden. Es ist natürlich auch eine Kostenfrage, aber meistens entsteht jedes Bühnenbild neu.

AB Sie sprachen eben kurz über Skulpturen. Sie arbeiten aber nur zweidimensional oder gestalten Sie auch Skulpturen?

DW Wir bemalen Skulpturen, die der Theaterplastiker herstellt.

AB Wird mit dem Plastiker besprochen, wie die Skulpturen genau bemalt werden?

DW Der Theaterplastiker ist genauso wie wir nur der Ausführende. Der Bühnenbildner gibt vor, wie die Bemalung aussehen soll, aber der Plastiker bestimmt den Untergrund.

AB Was macht Ihnen mehr Spaß? Wände oder 3D-Bemalung?

DW Ich glaube, die Mischung macht es. Ab und zu mal eine Figur zu bemalen ist auch schön, aber insgesamt mag ich doch das Zweidimensionale lieber.

AB Sie haben eben schon erwähnt, dass Bühnenbilder mehr und mehr auch gedruckt werden. Gibt es auch den Trend, dass Bühnenbilder projiziert werden?

DW Ganz oft. Wir hatten vor kurzem einen Bühnenbildner, der mit einem Comic-Zeichner zusammengearbeitet hat und die beiden haben eine bewegte Geschichte produziert. Die Darsteller wurden dort mit integriert. Das war eine wilde Mischung. Dann hatten wir ein Bühnenbild, bei dem Architektur projiziert wurde, so dass man das Gefühl hatte, man geht in einen großen Saal hinein. Projektion war während der letzten Spielzeiten immer wieder Thema, um uns, also dem Malsaal, vielleicht auch ein bisschen Arbeit abzunehmen. Wir stellen aber auch oft Untergründe her, auf die man projizieren kann.

AB Es wird also immer handwerklicher und weniger künstlerisch?

DW Ja.

AB Können Sie da so mitgehen?

DW Einen Ausgleich brauche ich auf jeden Fall, sei es, dass ich mit meinen Kindern zu Hause viel male und bastele und deren Zimmer gestalte oder für mich oder Freunde male. Man will ja zu Hause auch keinen Stapel Bilder sammeln. Ich plane keine Ausstellung.

AB Die Bilder müssen für Sie also einen praktischen Bezug haben?

DW Ja schon. Der praktische Bezug ist grundlegend für mich. Manchmal muss man auch etwas malen, was einem gefällt. Dann versuche ich meinen Mann zu überreden, das auch mal aufzuhängen.

Malerei: Dorothee Warlich

AB Welchen Bezug haben Sie zu Bildern ganz allgemein?

DW Für mich wäre ein Leben ohne Kunst, ohne Malerei und Gestalten definitiv ganz schrecklich. Es ist für mich wie essen und trinken. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen. Wenn ich mir Ausstellungen angucke, gefällt mir etwas oder mir gefällt es nicht. Es ist ganz schwierig zu bestimmen, was es ist. Ich finde es wichtig, den Künstler, also den Hintergrund zu kennen. Mir fällt es wirklich schwer, das zu beschreiben.

AB Ja, es dreht sich ja eigentlich um die Frage: Was ist Kunst? Das ist wahrscheinlich für jeden anders.

Haben Sie ein Bild von irgendeinem Künstler, das Ihnen im Kopf geblieben ist? Können Sie das Bild beschreiben?

DW Ich finde ja William Turner sehr gut, überhaupt Künstler, die aus ihrer handwerklichen Fertigkeit, aus ihrer Präzision und der Fähigkeit, Dinge präzise nach der Natur zu malen, etwas in die abstrakte Kunst hineinbringen. Das fasziniert mich.

AB Turner hat es ja genau so gemacht. Von ihm gibt es ja sehr naturgetreue Bilder, aber auch weit ins Abstrakte hineinreichende Bilder.

DW Ja, die Bilder sind sehr vielschichtig und sie haben eine große Tiefe. Faszinierend ist es immer, wenn man in einem Bild nicht das sieht, was es abbildet, sondern wenn mehr darin ist als man auf den ersten Blick wahrnimmt. Das mag ich bei anderen Künstlern gerne, aber ich selbst kann das, glaube ich, nicht so gut.

AB Wie kommen Sie darauf?

DW Weil ich gerne fotorealistisch male. Ich liebe die Präzision, also das zu malen, was man sieht.

AB Das ist auch schon eine Art Filter. Jeder hat eine andere Brille auf.

DW Absolut.

Malerei: Dorothee Warlich

AB Wenn Sie an die Bilder von Turner denken oder an andere Bilder, die Sie sehr beeindruckt haben: Was meinen Sie ist es, das so sehr berührt? Was ruft Emotionen hervor?

DW Ich glaube, es ist das, was man tagtäglich sieht, wenn man durch die Straßen geht. Ich glaube Kunst bricht das Ganze auf und bietet noch einmal einen anderen Blickwinkel darauf, auf Gebäude, Menschen, Gegenstände, so dass man es nicht nur so sieht, wie es wirklich ist. Es ist wunderschön, wenn man die Fähigkeit hat, das darzustellen, aber ich bewundere es auch wenn man sich etwas traut, z. B. ein Gesicht nicht in Hauttönen zu malen, sondern einmal ein krasses Gelb oder ein Rot mit hinein zu bringen und das aber so zu kombinieren, dass es trotzdem noch das darstellt, was es ist. Das fasziniert mich und ich möchte irgendwann dahin kommen, dass ich ein bisschen freier arbeiten kann.

AB Welche Rolle sollten Bilder im Hinblick auf die Zukunft unserer Gesellschaft übernehmen? 

DW Das ist auch eine wahnsinnig schwierige Frage.

AB Was wäre denn Ihr Wunsch?

DW Ich würde mir wünschen, dass Bilder die Menschen ein bisschen besser machen, aber das kann ein Bild ja gar nicht. Ein Bild kann jemanden begleiten und kann helfen, Dinge zu kompensieren. Es kommt ja immer darauf an, wer malt und wer betrachtet. Für den Künstler kann ein Bild eine Botschaft sein oder auch nicht. Ich bin nicht der Typ Maler, der eine Botschaft in ein Bild legen möchte oder belehren möchte. Die Gesellschaft an sich könnte sich ein bisschen friedlicher verhalten, nicht so egoistisch, aber meine Kunst drückt das nicht aus oder doch? Ich weiß es nicht. Ich finde Kunst wichtig für die Gesellschaft, um sich kennen zu lernen, und um andere Perspektiven, andere Blickwinkel einzunehmen, der ganzen Welt gegenüber offener zu sein. Es gibt so viele Kunst- und Ausdrucksformen.

AB Sie meinen, dass alle nebeneinander bestehen dürfen?

DW Genau.

AB Wenn man mehr über Sie oder Ihre Arbeit erfahren möchte, gibt es da etwas im Internet?

DW Ich bin nicht bei Facebook. Bei Instagram bin ich, aber mehr privat. Dort poste ich manchmal Bilder, auf die ich sehr stolz bin. Ich habe aber keine Ausstellungen geplant.

AB Wenn man ins Kieler Theater geht, sieht man ja Ihre Bilder.

DW Ja, ich habe sie natürlich nicht alle gemalt, aber ich habe an vielen mit gearbeitet.

AB Frau Warlich, vielen Dank für das spannende Gespräch!

Interview mit Tom Körber

Tom Körber, Fotograf und Journalist aus Kiel

AB: Tom, vielen Dank dafür, dass Du Dich bereit erklärt hast, an der Interviewreihe „Menschen brauchen Bilder“ teilzunehmen. Erzähle uns zu Beginn etwas zu Dir.

TK: Ich bin 1964 in Berlin geboren und habe dort BWL studiert. 1993/1994 bin ich nach Kiel gekommen und habe eine Ausbildung (Volontariat) zum Journalisten gemacht. Beim Fernsehen habe ich angefangen, mich fürs Fotografieren zu interessieren. Ich hatte Schwarz-Weiß-Bilder aus einem Urlaub in New York in der Redaktion herum liegen lassen. Meine Kollegen haben die Bilder gesehen, fanden sie ganz toll und wollten sie gleich an die Wand hängen. Das hat mich angespornt und ich habe den Kameraleuten Löcher in die Bäuche gefragt: „Welche Kameraeinstellungen soll ich nehmen? Antwort: „Es kommt darauf an.“ Das antworteten sie immer. Ich dachte: Das kann doch nicht sein! Später, als ich viel mehr über Fotografie wusste, war mir klar: Es kommt darauf an.

In der analogen Zeit war das Lernen noch sehr zeit-und kostenintensiv. Jeder Film und jede Entwicklung musste bezahlt werden. Erst nach Tagen, wenn die Filme aus dem Labor kamen, konnte ich sehen, welche Fehler ich gemacht hatte. Beim nächsten Film konnte ich es besser machen. Das kann man nicht mit heute vergleichen. Abdrücken, angucken, ändern. Früher haben wir uns Notizen zu den Einstellungen gemacht. Je mehr Erfahrungswerte dazu kamen, desto weniger Fehler habe ich gemacht. 

Nach dem Volontariat habe ich mich selbstständig gemacht. Habe zeitgleich als Redakteur beim Fernsehen und als Autor und Fotograf für Print-Magazine gearbeitet. Sport und Reise waren meine Themen. Sechs bis acht Monate unterwegs zu sein waren keine Seltenheit. Aber auch hier gab es jede Menge zu entdecken. Wir waren zum Beispiel 1997/1998 die ersten, die auf der Ostsee gesurft (Wellenreiten) sind, da wurden wir noch halbwegs ausgelacht. 1999 war ich der Erste, der Kitesurfen fotografiert und Filme darüber gemacht hat mit dem damals ersten deutschen Kitesurfer Peter Fleischhauer. So gut wie keiner kannte damals Kitesurfen in Deutschland. Wir haben uns auf Sylt verabredet und dann haben wir Aufnahmen für den Playboy, Penthouse und den Tigerenten-Club gemacht. Da es ja noch keine Bilder davon gab, musste ich mich als Fotograf auch erst einmal herantasten. Irgendwann kam ich darauf, dass ich die beste Perspektive im Wasser habe. Also griff ich zum Wassergehäuse und ließ die Kiter über mich rüberspringen.

Damals war ich extrem viel für Windsurfen und Surfen auf der (halben) Welt unterwegs. Wenn ich in Deutschland war, war ich für das Fernsehen in Deutschland unterwegs, für ein Reisemagazin der Deutschen Welle. Nach einer Zeit habe ich gemerkt: Die Arbeit für das Fernsehen macht mir nicht mehr so viel Spaß und so habe ich mich mehr in Richtung Schreiben und Fotografie verlagert. 

AB: Wann und warum hast Du Dich dann entschieden?

TK: Ich habe keine feste Entscheidung getroffen. Es hat sich einfach so ergeben und irgendwann war das Gefühl da. So wie ich heute auch noch entscheide: Ich lasse mich treiben und gucke, wohin es mich bringt und entscheide dann aus dem Bauch heraus. 

AB: Du hast schon über Deine fotografischen Motive gesprochen. Auf Deiner Website schreibst Du, dass Du auch Porträt-Fotografie machst, Architektur ist dabei und Kiel ist ein Thema. Wie sieht es jetzt gerade aus? Welches Thema liegt Dir besonders am Herzen?

TK: Als Reise-Fotograf habe ich gelernt schnell zu arbeiten und mit den Bedingungen, die ich vor Ort habe, die bestmöglichen Ergebnisse herauszuholen. Ich war nie der Fotograf, der acht Wochen auf das richtige Licht warten konnte. 

Sport und Reise sind klassische Themen für den Quereinstieg. Reise-Fotografie bedeutet, dass man Landschaften, Architektur als auch Porträts macht. Spezialgebiete wie Porträt oder Architektur, wie ich sie heute in ausgefeilterer Form mache, waren damit schon vor 20 Jahren Teil meiner Reise-Reportagen. Nun werde ich älter und deshalb habe ich keine Lust mehr, Sachen aufzunehmen, die vor mir wegrennen. Ich stehe lieber zwei Stunden bei -10°C herum und mache zwei schöne Landschaftsaufnahmen und bin der glücklichste Mensch der Welt oder ich feile eine halbe Stunde an einer Architektur-Aufnahme herum. 

Maasholm im Frühjahr, Foto: Tom Körber

AB: Wie ist bei Dir die Mischung zwischen freiem Arbeiten und Auftragsarbeit und in welchem Bereich arbeitest Du lieber?

TK: Als Fotograf sollte man immer eigene Projekte haben, allein schon um den Kopf freizubekommen. Bei mir entsteht der überwiegende Teil frei und wird dann irgendwann in ein Projekt eingebunden. Wenn ich z. B. Landschaftsaufnahmen mache, dann münden 12 davon in den Kiel-Kalender, in Bücher oder landen bei Firmen und in Arztpraxen als Fine Art-Print an der Wand. Ich arbeite nicht nur als Fotograf, sondern auch als Autor und als Art Director. Anfang der 2000er-Jahre habe ich die Chance bekommen, Mitherausgeber eines Magazins zu werden und so bin ich in die Verlagsbranche gerutscht. Den ganzen Entstehungsweg bis zum fertigen Print-Produkt hatte ich bis dahin nie begleitet. Dort habe ich das Segelmagazin „Sailing Journal“ ins Leben gerufen. Später kamen Kundenmagazine dazu, z. B. für Audi und Rolex. Für den Port of Kiel produziere ich zum Beispiel einmal im Jahr ein aufwändiges Magazin plus ein, zwei weitere.

Schon früher habe ich zu meinen Bildern auch die Texte geschrieben bzw. die Bilder zu den Texten gemacht. Als Fotograf war ich oft von der Bildauswahl enttäuscht, in den Texten wurde herum geändert und hinterher sah es nie so aus, wie ich es vor meinem geistigen Auge schon als fertigen Artikel gesehen hatte. Ich habe die Grafiker, die Texte, die Bilder und die Druckerei. Das sind schon einmal vier Stellschrauben, die sich zu einer großen Stellschraube vereinen. So kann ich mit meinen eigenen Bildern, die ich als Fotograf aufnehme, zusammen mit Grafikern Layouts erstellen und lasse das Produkt drucken. Dann wird es auf der Palette an den Kunden ausgeliefert. 

Damit bin ich so was wie eine wollmilchlegende Eiersau. Es war zwar nicht so geplant, aber es hat sich alles über Jahre hinweg entwickelt.

Seit geraumer Zeit sind Bücher dazu gekommen. Ich arbeite relativ eng mit dem Wachholtz Verlag zusammen. Im vergangenen Jahr haben wir ein Buch über die „Fischbar“ gemacht und nun laufen die Arbeiten für das nächste Buch. Es wird ein Buch über Stand-Up Paddling, das im Frühjahr herauskommen wird. Als weiteren festen Auftraggeber habe ich noch den NDR, für den ich das ganze Jahr von Flensburg bis zur Elbe Fotos mache. Ein Traumjob.

AB: Lehnst Du auch Aufträge ab? Und wenn ja, welche? Was ist da ausschlaggebend?

TK: Das habe ich von Anfang an gemacht. Der ausschlaggebende Punkt ist mein Bauchgefühl. Wenn mir das sagt: „Das gibt Probleme“, lehne ich einen Auftrag ab. Das mache ich bis heute so, aber mir passiert so etwas extrem selten. Ich habe innerhalb der vergangenen ca. 20 Jahre jede Rechnung bezahlt bekommen, bis auf den letzten Cent. Sprich: Es gab keinerlei Probleme.

AB: Unsere Interview-Reihe heißt ja „Menschen brauchen Bilder“. Welchen Bezug hast Du zu Bildern ganz allgemein?

TK: Da ich gerne alles in Frage stelle, ist das durchaus ein Punkt, den ich mal hinterfragen könnte. Natürlich habe ich eine Beziehung zu Bildern, sonst wäre ich kein Fotograf. Man kann Bilder allerdings auch totreden. Die einen sagen: „Wenn man über ein Bild reden muss, ist es nicht gut.“ Andere sagen: „Darüber muss man reden. Das ist doch ein Diskurs.“ Das ist ein komplexes Thema und in einer halbwegs kurzen Antwort gar nicht zusammenzufassen. Jeder Mensch, der sich ein Bild anschaut, spürt, ob er es mag oder nicht. Das entscheidet das Unterbewusstsein. Wenn ich dann einen Diskurs starte, versuche ich dann, meine unterbewusste Entscheidung bewusst zu erklären und damit zu rechtfertigen? Ich kann aus dem Bauch heraus sagen, was mich anspricht. Das Motiv würde ich dann für eine Ausstellung aussuchen oder als Kalenderbild nehmen. Ich mache vielleicht 20 bis 25 gute Bilder im Jahr, der Rest landet im Archiv und wird selten wieder gesehen. „Triple A“ Aufnahmen, also die, die ich mir selbst an die Wand hängen würde, sind weniger als zehn. 

AB: Aber was müssen die Bilder haben, damit Du sagen kannst: „Das ist Triple A“?

TK: Auch hier wieder: Bauchgefühl! Egal, ob Landschaften, Porträts oder Wassersport. Zeitlos sollten sie sein. Das heißt, dass das Motiv auch noch nach zehn Jahren an der Wand funktionieren könnte. Ein bisschen hängt das aber auch von meiner jeweiligen Interessenlage ab. Ich habe angefangen, für mich Bilder drucken lassen – ganz klassisch mit Rahmen und Passepartout. Daher befinde ich immer wieder in Auswahlprozessen und merke, wie übergreifend meine Vorlieben sind. Es ist wirklich nicht einfach. Ich kann nur sagen: Das Bild spricht zu mir oder es spricht nicht zu mir. Es kann ein Schwarz-Weiß-Bild sein oder eine blaue Stunde oder eine Nachtaufnahme mit der Milchstraße. Bei mir zu Hause hängt bzw. steht im Grunde alles. 

Foto: Tom Körber

AB: Man versucht ja oft, mit dem Verstand zu erfassen, was die Bilder attraktiv macht.

TK: Ich kann ein Bild nach technischen Aspekten bewerten: Ist eine Führungslinie da? Ist es gedrittelt? Ist es gut geprintet? Aber das ist ja schon wieder ein ganz anderes Thema. Ich bin da zweigeteilt: Einerseits stimme ich der These zu, die besagt, dass ein guter Fotograf sehr gute Aufnahmen machen kann, egal welche Kamera er nutzt. Sprich: Die Augen sind die beste Kamera bzw. sieht der Fotograf das Motiv nicht, nutzt ihm die beste Kamera auch nichts. Andererseits bin ich doch sehr an dem technischen Teil jeder Aufnahme interessiert. Mit anderen Worten: Welche Kamera, was für eine Brennweite bei welcher Blende wurde benutzt? Filter? Ja oder nein? Das mag noch aus der analogen Zeit kommen, in der solche Fakten während meines Lehrprozesses wichtig waren. Heute drückst du die Infotaste, schon hast du alle Daten die du brauchst.  

AB: Es fällt uns allen unheimlich schwer, das in Worte zu kleiden, was einen so gefangen nimmt.

TK: Ich kann zwar versuchen, es über den technischen Weg zu erklären, aber letztlich hängt es immer wieder von jedem einzelnen ab. Der eine mag Blautöne, der andere mag Rottöne lieber, der nächste mag Grüntöne. Dem einen ist es zu nah, der nächste liebt Sonnenuntergänge. Wenn ich die Leute frage, was ihnen an dem Bild gefällt, tun sie sich schwer. Es sind also immer wieder unterbewusste Abläufe. Auch der Augenabstand im Kopf spielt eine Rolle. Deshalb habe ich eine Vorliebe für Panoramen, weil das breite Format dem Augenabstand entgegenkommt und ein harmonisches Sehen unterstützt –  360° Panoramen mal ausgenommen. Die Augen können quasi durch das breite Bild wandern, gerade bei wirklich großen Drucken über zwei Meter. Da geht man im Bild quasi spazieren. Vorausgesetzt, es ist scharf. Die Qualität hat im digitalen Zeitalter deutlich nachgelassen. Einen hochgerechneten, unscharfen Druck bekommt nahezu jeder hin. Aber ein wirklich scharfes Bild in dieser Größe abzuliefern, das schafft kaum jemand.  

AB: Das ist es, was Kunstkritiker immer wieder umtreibt. Man versucht es zu verbalisieren und dabei entstehen ganz obskure Formulierungen und keiner versteht es am Ende. Es ist eine ständige Herausforderung.

TK: Ich glaube, da wird viel „schöngeredet“. Ich sehe mir immer wieder neue junge Fotografie an. Ehrlich gesagt: Das meiste verstehe ich nicht. Weder die Jungen noch „die Mittelalten“ wie Andreas Gursky, Thomas Ruff oder Wolfgang Tillmans verstehe ich auch größtenteils nicht. Muss ich aber auch gar nicht. Ich frage mich nur, was mir eine Aufnahme sagen soll, in der ein Typ an eine Wand pinkelt oder unter einem Stuhl liegt. Beginnt Kunst bei genau dieser Fragestellung? Alle Schüler, die beispielsweise unter den Bechers in Düsseldorf studierten, sind berühmt geworden. Es scheint also nicht unwichtig, bei welchem Professor der einzelne studiert, um später in der Kunst-Szene erfolgreich zu sein. 

Ich würde meine Aufnahmen nicht als Kunst bezeichnen, vielleicht mache ich eher Gebrauchsfotografie oder schöne Landschaftsfotografie, die es ja in Deutschland vor 15 Jahren mit dieser Akzeptanz noch gar nicht gab. Als ich mit analogen Panoramen in Schleswig-Holstein und Kiel anfing, bekam ich meine Anregungen hauptsächlich aus England. Englische Fotografen waren meine Vorbilder. In Deutschland gab es kaum Foto-Lehrbücher darüber. 

AB: Thema in Deinen Büchern war schon häufig Kiel oder Leute, die in Kiel leben. Würdest Du das auch für andere Städte machen? 

TK: Wenn ich nicht in Kiel leben würde, hätte ich die Bücher wahrscheinlich auch nie gemacht. Ich habe mir hier in Kiel meine Selbstständigkeit aufgebaut und bin da auch sehr treu, allerdings enttäuscht von den meisten Netzwerken, in denen jeder nur an sich denkt. Dadurch, dass ich früher sehr viel unterwegs war, habe ich heute keine Lust mehr zu reisen. Am liebsten setze ich mich ins Auto und fahre durch Schleswig-Holstein. 2009 habe ich mein erstes Kiel-Buch herausgebracht. Alles, was ich bis 2007 an Fotos über Kiel gesehen hatte, war schlichtweg eine Katastrophe. Deshalb habe ich mit der Panorama-Kamera versucht, Kiel in einem schönen Licht dazustellen und zu zeigen, dass Kiel sehr wohl schöne Seiten hat. Das hat funktioniert. Heute ist das Netz voll mit Bildern aus Kiel.  

AB: Kiel hat sich ja ziemlich verändert in den vergangenen zehn Jahren. Das hast Du mit Deiner Kamera dokumentiert?

TK: Kiel ist mit der Stadt, in die ich Mitte der 1990er-Jahre kam, nicht zu vergleichen. Damals war Kiel tatsächlich eine graue Stadt am Meer. Es gab keine Straßen-Cafés und auch keine „hippe Szene“. Im Louf oder Fördeblick gab es „draußen nur Kännchen“. Dort saßen dann acht ältere Damen beim Kaffee-Kränzchen. Das meine ich jetzt nicht despektierlich, eher als Zustandsbeschreibung. Heute gibt es in jeder zweiten Straße eine Kaffee-Bar mit selbst gebackenem Kuchen, Fischbrötchen, selbstgebrautem Bier. Das finde ich super. Das Leben hat sich viel mehr nach draußen verlagert. 

AB: Stichwort digitale Bild-Plattformen. Instagram, flickr oder was es da sonst noch gibt: Bist Du da vertreten?

TK: Ja, aber ehrlich gesagt, nehme ich das alles nicht so richtig ernst. 

Während ich in der analogen Zeit keine Lust hatte, im Labor zu stehen und „Ahs“ und „Ohs“ auszustoßen, wenn in den Bädern irgendwelche Bilder auftauchten, habe ich heute auch keine Lust, stundenlang an einem Bild herum zu schrauben.

Ich habe das, was ich analog gelernt habe, in die digitale Welt hinübergenommen und fotografiere heute wie ich es zu analogen Zeiten gemacht habe. Umgekehrt habe ich mich in der digitalen Fotografie mit Farbabgleichen und anderen Details der Bildbearbeitung auseinandergesetzt. Ich habe also aus beiden Welten gelernt und picke mir aus beiden Welten die Rosinen heraus.

Auf Instagram bin ich erst seit einem knappen Jahr zu finden. Auf Facebook länger, aber da mache ich recht wenig. Einmal im Monat kommt mein E-Mail-Newsletter heraus, den versende ich dann auch auf Facebook. Das war’s in der Regel. Ganz selten, dass ich mal was außerhalb der Reihe poste. Das mache ich dann auf Instagram. Aber nun auch nicht jeden Tag. 

Ich überlege gerade, ob ich die digitale Fotografie vermissen würde. Sicherlich nicht, trotz ihrer Vorteile. Ich könnte auch analog überleben, wie alle die analog aufwuchsen. Ich fände es schön, wenn immer noch analog gearbeitet würde. Dann wäre die Respekt-Schwelle für Fotografen höher. Aber darüber nachzudenken ist müßig.

AB: Du hast gesagt, dass Du Deine Bilder nachbearbeitest. Was versuchst Du damit aus den Bildern heraus zu kitzeln?

TK: Es gibt einen Unterschied zwischen Bearbeitung und Manipulation. Ich füge meinen Bildern nichts hinzu, aber nehme manchmal was weg – eine verwischte Möwe, einen Joghurt-Becher oder eine Zigarettenschachtel, die auf dem Boden herumliegt. Das ist – streng genommen – schon Manipulation. In der Anfangszeit der digitalen Fotografie musste ein „M“ im Bild stehen. „M“ für Manipulation, wenn in dem Bild etwas verändert wurde. Leider hat sich das nicht so richtig durchgesetzt. Heute müsste an nahezu jedem Bild ein „M“ stehen. 

Früher habe ich als Fotograf die meiste Arbeit vor dem Bild gemacht: Will ich Schwarz-Weiß oder Farbe? Wenn ja, welche? Es gab Kodak und es gab Fuji. Kodak war wesentlich gelb/grün-stichiger, Fuji war eher blau/grün. Da hat sich die fotografische Menschheit schon in zwei Lager gespalten. Ich gehörte immer zur Fuji-Fraktion. Ich musste mir vorher überlegen, welche Filter ich einsetze, auf welche Partien ich belichten muss, damit ich eine ausgeglichen Belichtung bekomme, dann erst habe ich abgedrückt. Digital ist das andersherum. Fast alle fahren nur noch mit Sonnenstands-Apps los, damit sie zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle sind. Hinterher fummeln sie sich ihre Aufnahme am Computer so hin, wie sie es gerne hätten. Hat mit der Realität in den seltensten Fällen etwas zu tun. Auf das richtige Licht wartet kaum noch jemand. 

Letztlich bearbeite ich meine Bilder so, wie es ein Laborant im analogen Labor auch getan hat: Kontraste und Helligkeit anpassen, nachschärfen, vielleicht die Farbtemperatur ein bisschen anpassen, aber mehr auch nicht. Ein Foto im RAW-Format kommt als unscharfe, flaue Nummer heraus, daher muss ich daran arbeiten.

AB: Warum macht man das dann?

TK: Die Bildqualität ist besser. RAW ist eine unkomprimierte Variante eines digitalen Bildes. Es ist wie das frühere Dia bzw. Negativ. Ein Laborant hat mit dem Negativ beim Belichten durch Abwedeln mit Händen und Schablonen etc. ähnliches gemacht. Fotografen wie Doisneau, Adams oder Capa hatten alle ihre eigenen Laboranten. Also wurde auch damals schon an den Bildern herum geschraubt. Es wurde aus mehreren, eine Aufnahme gemacht. Das war damals nicht anders als heute. 

Manipulation ist aber auch, wenn ich im Bild etwas weglasse bzw. den Ausschnitt verändere. Jeder kennt das Bild aus dem Vietnam-Krieg, auf dem dieses verbrannte Mädchen auf die Kamera zuläuft. Es wurde von dem englischen Fotografen Nick Ut aufgenommen. Der Ausschnitt wurde verändert, denn auf der linken Seite der Aufnahme  stand ein anderer Fotograf, der gerade seinen Film wechselte. Dadurch bekommt das Bild aber eine ganz andere Aussage. Es verliert an Spannung, wenn im Bild ein anderer Fotograf rumsteht und den Film wechselt. Die Bildaussage wurde stark verändert, damit ist es in meinen Augen manipuliert. Damals fiel es nur nicht auf bzw. es hinterfragte auch keiner – zumindest nicht öffentlich. Das ist digital nicht besser geworden. Eher schlimmer. Deshalb hat sogar schon der World Press Foto Award seine Statuten geändert. Nun müssen die Gewinner auch die RAW-Dateien mit einschicken. Ich finde es schlichtweg erbärmlich, dass ich mich bei jeden dritten Bild fragen muss, ob es echt ist oder nicht. Gerade in der Werbung. Der Hintergrund ist aus Frankreich, der Himmel aus Südafrika, das Auto wird im Studio fotografiert. Und das Schlimmste ist, dass man es meistens auch noch sieht. 

AB: Das mündet in meine letzte Frage: Welche Verantwortung hat die Fotografie im Hinblick auf die Zukunft unserer Gesellschaft, wenn man gar nicht mehr unterscheiden kann: Was ist echt, was unecht? Was ist Realität?

TK: Fotografen haben schon immer gelogen. Früher sagte man: Die Bilder lügen, aber Bilder lügen nicht. Der Fotograf, der es aufgenommen hat, lügt. Ich kann Kiel in den schönsten Farben präsentieren oder einen schönen Strand zeigen. Dann drehe ich mich um 180° und stehe genau in der Müllkippe. Was also ist die Realität? Als Fotograf treffe ich die Entscheidung, bestimmte Ausschnitte zu fotografieren und zeige daher immer nur einen Ausschnitt – egal wie breit das Panorama ist. Ich bin nun aber auch kein Kriegsfotograf. Mit ein bisschen Kiel, ein bisschen Selenter See und ein bisschen Paddeln auf der Schwentine bewege ich mich auf relativ ungefährlichem Gebiet. Trotzdem habe ich eine Verantwortung.

AB: Das war ein gutes Schlusswort. Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Mehr Informationen über Tom Körber und seine Arbeit gibt es hier.

Interview mit Viktor

Graffiti von Viktor, das den Namen seines 2017 verstorbenen Freundes KISS81 zeigt

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe. Wir haben im Vorfeld besprochen, dass wir für das Interview Deinen Künstlernamen verwenden. Daher auch gleich die erste Frage: Wer ist Viktor?

Ja, vielen Dank für die Einladung. Ich bin Viktor, bin 42 Jahre alt und lebe ein einem kleinen Ort bei Frankfurt am Main.

Die Interviewreihe steht unter der Überschrift „Menschen brauchen Bilder!“. Was hat Viktor mit Bildern zu tun? Übst du einen Beruf aus, der mit Bildern zu tun hat?

(lacht) Nein, ganz und gar nicht. Ich bin Beamter in einer öffentlichen Behörde, da hat man nun wirklich keinen Umgang mit Bildern. Außer natürlich die Kampagnenposter der Bundesregierung, die bei uns in den Fluren aushängen. Aber Bilder spielen dennoch eine große Rolle in meinem Leben. Wandbilder, um genau zu sein. Seit meiner Jugend interessiere ich mich für Graffiti.

Wie kam es zu diesem Interesse?

In meiner Heimatstadt in Sachsen-Anhalt habe ich in der Vor-Wende-Zeit keine bemalten Wände gekannt. Außer die sozialistischen Arbeiter-und-Bauern-Motive. Nachdem die Mauer gefallen war, bin ich mit meinen Eltern nach Westberlin gereist. Diese Reise war für mich der Beginn meiner Liebe zu Graffiti.

Später als Jugendlicher bin ich oft nach Berlin gefahren und durch die Straßen getingelt. Anfänglich habe ich im Großstadtdschungel förmlich Jagd auf Wandmalereien gemacht. Später kam das Interesse für Architektur dazu und irgendwie hat sich das miteinander verbunden.

Was bedeutet es, wenn du sagst „Jagd gemacht“?

Fotos, Massen an Fotos. Ich bin mit einer kleinen Pocketkamera mit Handaufzug losgezogen und habe Fotos von Bildern gemacht. An einem Tag habe ich gut und gerne vier bis sechs Filme verknippst. Ich war in unserem Ort Dauergast bei Schlecker und habe diese komischen Tüten in die Entwicklung gegeben. Und zuhause habe ich schön säuberlich alles in diese Klappfotoalben einsortiert. Das ist ein richtiger Sammeltrieb gewesen. Sozusagen Jäger und Sammler in Personalunion. (lacht) Außerdem hat es eine Menge Taschengeld gekostet.

Aber dabei ist es nicht geblieben, oder?

Nein, natürlich nicht. Irgendwann wollte man auch solche Bilder machen. Und wie der Zufall so will, war einer meiner Schulfreunde, mit dem ich sowieso die ganze Zeit unterwegs war, im Urlaub in Stralsund gewesen und war dort von dem bekannten Writer (Sprayer) MCM mit dem Spray-Virus infiziert worden. Wir waren so heiß aufs Malen, hatten aber keine Ahnung. Wir haben uns dann in einem Laden für KFZ-Zubehör zwei Dosen Lackfarbe gekauft. Und wir hatten beim Kauf das Gefühl, dass der Verkäufer sofort wusste, was wir vorhatten. (lacht) Ich weiß sogar noch die Farben, Ziegelrot und Moosgrün.

Und dann kam das erste Graffiti?

Naja, sagen wir mal so, wir waren das erste Mal unterwegs. Wir waren ja noch Schüler. Also haben wir uns nachts rausgeschlichen und uns eine Wand gesucht, bei der wir sicher waren, dass uns niemand erwischt. Die Wand war mitten im Wald. Es war eine Autobahn-Unterführung. Trotzdem hatten wir mega Schiss, dass uns jemand entdeckt. Wir haben quasi unser erstes Piece (andere Bezeichnung für ein Graffiti) für Rehe und Füchse gemalt. Auf der anderen Seite war es sehr gut, dass wir so entlegen angefangen haben, denn das was wir gemalt haben, war echt stümperhaft. Wir mussten leider feststellen, dass das Malen gar nicht so easy war wie die Bilder den Anschein machten. Außerdem waren wir total mies ausgestattet. Die Autolackdosen eigneten sich in keiner Weise zum flächenfüllenden Malen. Wir hatten die falschen Caps (Sprühkopf einer Spraydose) und mit zwei Cans (Farbsprühdosen) kommt man auch nicht weit. 

Es hat eine Weile gedauert, bis die ersten Styles entstanden sind. Inzwischen waren wir dann auch in Berlin mal in einem richtigen Graffitiladen und haben uns professionell ausgestattet.

Und wie ging es weiter?

Wir waren angefixt. Mehrmals in der Woche schlichen wir uns raus und haben die Stadt bemalt. Nachts unterwegs und tagsüber in der Schule einschlafgefährdet. 

Kann man in diesem Zusammenhang schon von einer Sucht sprechen?

Auf jeden Fall. Es ist ja auch eine Art Rausch. Tagsüber ist man immer auf der Suche nach neuen Spots, also prominenten Orten, an denen ein Piece richtig gut sichtbar ist. Nachts dann das unbemerkte Anschleichen, das Erklimmen von Dächern, Überklettern von Mauern und Zäunen, da geht der Puls schon mal etwas höher. An der Wand selbst ist man dann so mit Adrenalin angefüllt, dass alles wie elektrisiert ist. Man ist völlig unter Anspannung. Ist das Bild dann fertig und man ist wieder zurück, fällt diese Anspannung von einem ab und es macht sich ein unbeschreibliches Glücksgefühl breit. Das Gefühl kommt dann nochmal wieder, wenn man an seinem Bild an einem späteren Tag wieder vorbeifährt. Also ja, es ist wie ein Rausch und somit kann man auf jeden Fall von einer Sucht sprechen.

Warst du immer allein unterwegs?

Nein, wir waren zu zweit. In unserer Heimatstadt bin ich immer mit dem schon erwähnten Schulfreund unterwegs gewesen. Hin und wieder ist man auch mit anderen losgezogen, aber das waren kurze Aktionen, man könnte sagen „künstlerische One-night-stands“ (lacht). 

Ich dachte immer, Sprayer sind in einer festen Gruppe organisiert.

Anfänglich waren wir keine richtige Posse (Zusammenschluss mehrerer Künstler). Also kein gemeinsamer Name, kein spezifischer Style. Das änderte sich 1997. Mein Schulfreund, mit dem ich inzwischen richtig dick befreundet war, ging im Zuge seines Ausbildungsweges in ein Internat in die Landeshauptstadt. Dort lebte seit einigen Jahren sein Sandkastenfreund, mit dem er immer noch in engem Kontakt stand. Auch er war in der Writer- und Hip Hop-Szene zuhause, und so schlich sich der eine nachts aus dem Internat und der andere aus der elterlichen Bude, um den Menschen Farbe zu schenken. Die beiden gründeten dann eine Posse und so kam es, dass wir von Anfang an in zwei Städten vertreten waren. In der Woche in der Landeshauptstadt und am Wochenende in der Heimatstadt.

Du hast es gerade gesagt: Ausbildung. Wie veränderte der berufliche Werdegang die Beziehung zur Kunst?

(überlegt lange) Ich würde sagen, dass die Veränderung so wie in jeder Beziehung verläuft. Die Intensität verändert sich. Am Anfang ist alles aufregend und man kann gar nicht genug bekommen. Aber mit der Zeit, mit neuen Aufgaben und auch örtlichen Veränderungen ordnen sich die Prioritäten neu. Unsere Leidenschaft bekam einen Platz in unserem Alltag. Wir wurden durch Ausbildung, Studium und später durch Arbeitsplätze räumlich getrennt. Jeder von uns blieb dem Malen treu, zog hin und wieder los, aber die großen Dinger drehten wir nur noch, wenn wir uns trafen. 

Klingt ein wenig bitter.

Leben eben. Wobei ich es gar nicht so schlimm empfinde. Eher im Gegenteil. Wenn wir uns treffen, dann ist das wie eine Reise in die Vergangenheit. Konzentrierter und intensiver. Früher, als wir jeden Abend malen waren, wurden drei bis vier verschiedene, zueinander passende Farben gegriffen und los. Heute planen wir richtig lange und die Bilder sind viel farbenfroher.

Heißt das, ihr drei geht immer noch nachts los?

Unsere Privat- und Arbeitsleben erschweren das. Von meinen Freunden weiß ich, dass sie das aufgrund ihrer Familien und Arbeit sehr selten machen können. Ist ja auch blöd, „Gute Nacht meine lieben Kinder, Papa geht noch ein wenig malen“. Ist irgendwie schwer. Ich selbst bin durch meine Arbeit hin und wieder unterwegs und ob ich nun nachts im Hotel RTL schaue oder eine Wand farblich belebe, da liegt die Antwort für mich auf der Hand. 

Aber als Crew geht ihr nicht mehr malen, oder?

Doch klar. Das ist dann aber nur ein- bis zweimal im Jahr und dann ganz gechillt. Da geht es dann auch eher um uns und darum, gemeinsam was richtig Schönes zu schaffen. Meist nehmen wir dann auch legale Wände oder ziehen an eine Hall of Fame (Orte / Gelände, auf denen Graffiti geduldet werden). Da haben wir Zeit für uns, quatschen über unseren Alltag, die Familien, trinken Bier und gehen dabei unserer Kunst nach. Geht`s besser?

Wie erklärst du es dir, dass Graffiti noch immer einen solchen Platz in eurem Leben einnimmt?

Diese Frage habe ich mir auch schon ein paar Mal gestellt und ich glaube es hängt mit der Zeit zusammen, in der wir groß geworden sind. Als wir auf der Schwelle zum Erwachsenwerden standen, änderte sich auf einmal alles das, was wir bis dahin als Wahrheit erfahren hatten. Das Land in dem wir geboren wurden, hörte auf zu existieren. Es war eine Zeit voller Umbrüche, voller neuer Dinge und von einer Menge Trugbildern. Unsere Helden durften plötzlich keine mehr sein, neue Helden kamen und verschwanden sehr schnell wieder…

Was für Helden waren das, politische?

Nein nicht direkt, dafür waren wir zu jung. Zwar haben wir noch alle ein rotes Halstuch bekommen (Zeichen der Thälmannpioniere in der DDR), doch diese politischen Helden waren zu abstrakt. Was soll man als Elfjähriger auch damit anfangen, wenn man gesagt bekommt: „Lebe dein Leben wie Genosse Lenin!“? Andere lebende Personen, die zu politischen Helden gemacht worden waren, haben wir tatsächlich bewundert. Menschen wie Juri Gagarin, Walentina Tereschkowa oder Sigmund Jähn. Auch im Sport gab es viele Vorbilder. Sie alle wurden nach dem Mauerfall plötzlich als wertlos abgestempelt, sie brachen einfach weg. Die neuen Helden waren jetzt Helmut Kohl, David Hasselhoff oder irgendwelche anderen Popmusiker. Da prasselte soviel auf einmal auf uns ein, dass jeglicher Halt verloren ging. Alles war flüchtig, schrill und unwirklich. Alles was eben noch als unumstößlich galt, war jetzt falsch und durfte nicht mehr sein.

Und genau in dieser Zeit entwickelte sich aus Neugierde, Selbstfindungswillen, ja und vielleicht auch aus Wut dieses Interesse, welches schließlich zu einer Lebensart geworden ist. 

Wut? Wut worauf?

Naja Wut oder Antihaltung, das ist, glaube ich, typisch für Jugendliche in diesem Alter. Es war irgendwie auch ein Protest gegen das System. Ihr hängt unsere Wandbilder ab? Wir malen neue! Ihr baut die Spielplätze unserer Kindheit mit Autohäusern und Einkaufstempeln zu? Wir bemalen sie! So ungefähr haben wir damals gedacht. Es war unsere Art Protest zu üben. Pubertierender Ungehorsam. (lacht)

Machen wir einen Sprung. Wie ist das heute? Aus der Pubertät bist du eindeutig raus, Was ist heute dein Antrieb?

In erster Linie Spaß. Aber auch der Wille etwas zu schaffen. Produktiv zu sein, statt immer nur zu konsumieren. Einen bunten Stolperstein im tristen urbanen Dschungel zu platzieren, das treibt mich an. Ich glaube, dass es allen bildschaffenden Künstlern so geht. Ein Maler dem man eine weiße Leinwand auf die Staffelei stellt, wird irgendwann beginnen sie mit Farbe zu füllen. Ein Fotograf, der sich eine neue Kamera kauft, wird schnellstmöglich Dinge aus seinem Blickwinkel auf den Film bzw. Speicherkarte bringen wollen. Und so bin ich auch. Meine Leinwand ist die Stadt. Leinwände aus Stein, Beton oder Stahl.

Wo findet man denn Bilder von dir?

Eigentlich überall. Es gibt kein Bundesland, in dem ich noch nicht war. Über Deutschland hinaus auch in vielen europäischen Ländern. Da aber tatsächlich nur vereinzelt. Graue Wände, die nach Farbe schreien, gibt es überall.

Apropos Stahl, gehören Züge auch zu deinen Leinwänden?

In unserer Jugend war es tabu, weil viele unserer Eltern bei der Bahn arbeiteten. Den Job der Eltern aufs Spiel zu setzen, das war uns bei allem Leichtsinn dann doch zu heikel. Später habe ich dreimal einen Güterzug bemalt, einfach aus dem Gedanken heraus, der kommt viel weiter rum und wird auch nicht so schnell gecleant. Das fände ich sowieso eine richtig coole Aktion, wenn die Bahn ihre Güterzüge freigeben würde. Kunstwerke auf der Schiene. Bunt statt braun und grau. Und wer weiß, irgendwann wenn die Loren ausgemustert werden, sind sie aufgrund der Entwicklung des Künstlers mehr wert als der Schrottwert. Stell dir mal vor, was irgendwelche verrückten Sammler für einen Güterwagon bezahlen würden, nur weil Banksy eins seiner Bilder darauf gemalt hat.

Du hast gerade von deinen Eltern gesprochen. Du selbst bist auch Vater. Wie würdest du reagieren, wenn eines Deiner Kinder plötzlich mit dem Sprayen beginnt?

Auch diese Frage habe ich schon das eine oder andere Mal im Kopf herumgedreht. Noch ist das weit weg, aber in ein paar Jahren könnte das passieren. Ich glaube, dass ich das direkte Gespräch suchen würde. Wir sprechen sowieso viel miteinander. Mich würde interessieren was sie bewegt, ähnlich wie wir jetzt gerade. 

Hast du keine Angst?

Du meinst wegen „Eltern haften für ihre Kinder“ und so? Doch schon irgendwie. Aber das ist nicht meine größte Angst. Vielmehr ist da die Angst, dass meine Kinder denken, sich oder anderen etwas beweisen zu müssen und Gefahren eingehen oder Situationen falsch einschätzen. Ich denke da an Gleisanlagen, Dachvorsprünge und solche Sachen. Weißt du, das ist wie bei diesen Roofern (Personen, die ungesichert auf Kräne, Hochhäuser oder Masten steigen). Sicherlich ist da auch eine Art Drang nach Freiheit und Nervenkitzel im Spiel, aber die Eltern erleiden tausend Tode sobald ihre Kinder abends das Haus verlassen. Das ist der Gedanke, der mich jetzt schon einige Male mit kalter Hand gepackt hat.

Naja, vielleicht tanzen meine Kinder später lieber Ballett als mit Buchstaben. Wir werden sehen.

Tanzen mit Buchstaben? Wie poetisch.

Das stammt nicht von mir sondern von KISS81, einem Writer, mit dem ich zur Schule gegangen und im gleichen Viertel aufgewachsen bin. Wenn man Graffiti malt, dann muss man das mit vollem Körpereinsatz tun. Die Schwünge der Buchstaben, Linien und Farbübergänge kann man nicht lebendig gestalten, wenn man stocksteif vor der Wand steht und nur den rechten Arm bewegt. Fließende Linien bekommt man nur mit Bewegung hin. Wenn ein Buchstabe größer ist als ich selbst, dann muss ich ihn in der Hocke beginnen und in einer gesamten Bewegung durchziehen. Bei KISS81 war das extrem. Seine Bilder sind riesig und die Linien stecken voller Leben. Das ist besonders beeindruckend, wenn man ihn gekannt hat. Er war nämlich gar nicht groß, deswegen musste er noch viel mehr Körpereinsatz bringen als andere. Leider ist er im vergangenen Jahr verstorben. Seine Bilder und seinen unbändigen Hunger aufs Malen habe ich immer bewundert. 

Gibt es außer ihm noch andere Künstler oder Bilder, die Dich beeindruckt oder geprägt haben?

Graffitikünstler oder andere?

Beides.

Bei Graffiti sind es sicherlich solche Namen wie LOOMIT oder ZOAK, die mich in meinem eigenen Werdegang begleitet und geprägt haben. 

Aber ich mag auch die Bilder von LAKE. Seine Gesichter finde ich wunderschön. Sie sind so lebendig und durch die Art ihrer Zusammensetzung einzigartig. Das erste Mal ist er mir in Barcelona aufgefallen. Was komisch ist, denn in Berlin, wo ich viel öfter bin, gibt es viel mehr von seinen Bildern. 

Bei den, sagen wir mal klassischen Malern, hat mich Diego Rivera immer sehr angesprochen. Vielleicht ja auch, weil er mit seinen Fresken Wände bemalt hat und weil seine Arbeiterbilder mich an meine Kindheit erinnern. Aber da ist noch mehr. Ich finde es beeindruckend, wie er mit so einfachen Linien Stimmungen und Gefühle eingefangen hat. Ich denke da zum Beispiel an „Der Mensch am Scheideweg/Der Mensch kontrolliert das Universum“. Fast wie ein übergroßes Wimmelbild, man entdeckt immer wieder etwas Neues. Mein Lieblingsbild ist allerdings aus seiner Blumenserie: „Die Blumenverkäuferin“. Ich mag die Schlichtheit des Gemäldes. Es ist aufgrund der Blumen wunderschön und doch birgt es eine gewisse Melancholie. Das ist es, was ich an Bildern liebe, schlicht und doch ergreifend.

Das ist doch ein schönes Schlusswort. Viktor, ich danke dir für das spannende und sehr persönliche Interview und wünsche dir und uns allen, dass du noch lange Farbe in unsere Leben bringst.

Interview mit Uta-Maria Torp

Uta-Maria Torp

AB Vielen Dank, dass Sie sich für dieses persönliche Treffen Zeit genommen haben. Wir stellen in unserer Interviewreihe “Menschen brauchen Bilder” Menschen vor, deren Arbeit und Leben mit Bildern zu tun hat, z. B. Maler, Fotografen oder Galeristen. Heute habe ich eine außergewöhnliche Gesprächspartnerin. Vielleicht mögen Sie sich kurz vorstellen und uns verraten, was Ihr Beruf ist.

UT Ich heiße Uta-Maria Torp. Ich bin Schauspielerin und habe einige Jahre an verschiedenen Theatern gespielt. Das Schleswig-Holsteinische Landestheater war das erste und auch in Kiel bin ich aufgetreten.

Ich habe zwei Kinder und das Familienleben war nicht gut mit der Schauspielerei vereinbar, weil sie sehr viel Zeit gekostet hat und mich im Kopf sehr belegt hat. Ich habe versucht etwas zu finden, was meinen Fähigkeiten und meiner Lust mit Sprache zu arbeiten entspricht. So bin ich auf die Sprecherei gekommen. Es ist das, was ich heute hauptsächlich tue. Auch viele andere Schauspieler arbeiten nebenbei oder alternativ als Sprecher.

AB Sie sind Sprecherin für Audiodeskriptionen. Das sind die gesprochenen Texte, die sehbehinderten Menschen bei Filmen die Handlung verständlich machen. Sie geben also Sehbehinderten Hilfestellungen, mit denen sie Bilder im Kopf erschaffen können. Wie muss man sich diese Tätigkeit genau vorstellen?

UT Grundsätzlich ist es eine Dienstleistung für Blinde und Sehbehinderte, damit sie an Kino-Erlebnissen oder Filmabenden teilnehmen können. Das, was man von Filmen hört, reicht zum Verständnis oft nicht aus. Man kann es selbst ausprobieren, indem man sich vor den Fernseher setzt und die Augen schließt. Es fehlen bestimmte Informationen und gerade bei Filmen, in denen nicht viel gesprochen wird, wird es schwierig. 

Bei der Audiodeskription geht es darum, alles was außerhalb der Dialoge und Geräusche stattfindet, also das was der Sehende sieht, dem Blinden als Bild zu erklären. Man beschreibt z. B., wie die Menschen im Film aussehen und wenn man ein Autogeräusch hört, dann erzählt man vielleicht, dass die Menschen im Auto sitzen und eine Landstraße entlang fahren.

AB Sie arbeiten auf Grundlage von Beschreibungen, die Sie von anderen Leuten bekommen, das heißt Sie schreiben die Texte dafür nicht selbst?

UT Nein, aber mittlerweile könnte ich es wohl schon, weil ich es schon sehr, sehr lange mache und auch sehr oft. Der Autor sieht sich den Film an und schreibt ein Manuskript dazu. 

Zumindest bei seriösen Anbietern beurteilt dann eine blinde Person, ob sich der Film aus dem vorgelesenen Text erschließt oder nicht. Mit der blinden Person zusammen wird die Fassung korrigiert und ergänzt. 

Manchmal wird jedoch dabei nicht darauf geachtet, ob das Manuskript realisierbar ist. Vielleicht hat man nur 8 Sekunden Zeit und dann ist es nicht möglich, dass man eine halbe Minute Text dort unterbringt. Dann gibt es noch einen Redakteur, der das Ganze auf Sprachlichkeit untersucht. 

In der Regel ist das die Arbeit, die gemacht wird, bevor ich antrete und der Geschichte meine Stimme gebe. 

Ich habe selbst einmal die Übung gemacht und geprüft, ob der Film für mich über die Audiodeskription bei geschlossenen Augen nachvollziehbar ist. Es ist erstaunlich – auch als Sehender gewinnt man noch einiges dazu: Dinge, die man gesehen hat, aber nicht wirklich aufgenommen oder nicht wirklich bemerkt hat.

AB Sie sind zusammen mit anderen Beteiligten mit dem deutschen Hörfilmpreis ausgezeichnet worden, wie ich gelesen habe. Das ist ein sehr schönes Feedback! 

UT (lachend) 7 mal. 

AB Haben Sie auch schon mal ein persönliches Feedback von einer Person erhalten, die Filme mit Hilfe Ihrer Audiodeskriptionen „gesehen“ hat? Sie sagten, dass zur Erstellung von Beschreibungen blinde oder sehbehinderte Menschen hinzu geholt werden und ihr Feedback in die Beschreibungen einfließt. Trotzdem möchte ich die Frage stellen, ob Sie ein besonderes persönliches Feedback bekommen haben. 

UT Ja, durchaus. Ich habe auch Live-Audiodeskriptionen gemacht, im Kino zur Berlinale zum Beispiel. Auch Theater-Aufführungen wie „Jedermann“ im Berliner Dom habe ich gesprochen. Dort habe ich ein sehr positives Feedback bekommen. 

Durch meine Arbeit kenne ich mittlerweile einige blinde oder sehbehinderte Menschen und auf entsprechenden Events bekomme ich schon etwas zurück.

Ich arbeite sehr viel für die Deutsche Hörfilm GmbH. Das ist eine der ältesten und erfahrensten Firmen in diesem Bereich. Es gab dort einmal einen Workshop mit einer Gruppe von Schülern einer Blindenschule in Berlin. Sie saßen im Vorraum, aßen etwas und unterhielten sich. Ich hatte im Studio gerade eine Aufnahme gemacht und war fertig, traf auf dieses Grüppchen und dann hörte ein Mädchen meinen Namen und flippte plötzlich völlig aus: „Ah nein, die?“ Da habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass meine Stimme doch sehr bekannt ist und für diese Menschen war ich ein kleiner Star. Das ist mir noch nie in meinem Leben passiert. Das war eigenartig, aber auch sehr schön und es hat mich gefreut. 

Bei der Verleihung des Hörfilm-Preises lobte die Jury meine Art des Erzählens. Es geht im Grunde genommen um einen Kommentar, eine relativ sachliche Angelegenheit. Heute wird es gerne erzählerischer oder epischer gemacht. Schauspieler haben nicht den Drang, sich zurück zu nehmen. Sie sind ja dafür da, sich expressiver zu verhalten, aber bei einer Audiodeskription gehört auch eine gewisse Zurücknahme dazu. Natürlich ist es nicht zweckdienlich, so etwas wie Nachrichten zu sprechen. Mittlerweile finde ich einen guten Mittelweg. In Nuancen variiere ich und ich bediene auch den Film, ohne mich aber selbst zu produzieren. Ich spreche sachlich, so dass man zuhören kann und möchte, aber ich muss das nicht zwangsläufig in einem großen Erzählbogen tun. 

AB Sie sprechen auch Hörbücher. 

UT Wenig, leider. Ich würde das sehr, sehr gerne viel häufiger machen, aber so etwas lässt sich besser über Promis verkaufen.

AB Auch dabei geht es darum, Bilder im Kopf des Zuhörers zu generieren. Worin besteht genau der Unterschied zur Audiodeskription?

UT Bei Hörbüchern liest man einfach den Text des Buches. Hörbuch bedeutet eigentlich nur, etwas ohne Zusatzkommentar zu lesen. Hörbücher kaufen wahrscheinlich auch mehr Sehende als Sehbehinderte, wobei es natürlich für Sehbehinderte ein guter Service ist.

AB Ist es in Bezug auf Ihren stimmlichen Part ein Unterschied, ein Hörbuch zu sprechen?

UT Ja, definitiv. Das ist ja wirklich Literatur und es geht um das Erzählen, um den Ausdruck. Da muss man in der Tat interpretieren, färben und alles Mögliche tun, damit die Geschichte entstehen kann. Im Film ist das alles schon da. Wenn man es im Film genauso umsetzen würde wie im Hörbuch, dann wäre das eine Ebene zu viel. Ich habe zum Beispiel einmal einen alten Western als Audiodeskription „gesehen“. John Wayne spielte mit und einige andere. Man hatte einen Sprecher gewählt, der genauso so klang. Besser wäre es gewesen, eine Frau zu nehmen, die sich stimmlich absetzt. Der Sprecher ist ganz und gar mitgegangen und ich habe 10 Minuten gebraucht, um zu verstehen, dass es sich um eine Audiodeskription handelt.

AB Danke, so wurde noch ein bisschen klarer, worin der Unterschied besteht.

Wie bereiten Sie sich auf eine Hörbuch-Aufnahme im Unterschied zur Audiodeskription vor?

UT Natürlich ist die Vorbereitung auf ein Hörbuch eine andere als auf eine Audiodeskription. Beim Buch hat man das Buch und das versucht man zu lesen, zu verstehen und sich zu markieren, was man gestalten kann.

Bei der Audiodeskription habe ich den Film auf meinem Laptop und das Manuskript vor mir. Auf dem Laptop läuft ein Timecode und dieser Timecode ist auch in meinem Text verzeichnet und ich weiß dann, in welcher Sekunde ich lossprechen muss und wie lange ich sprechen darf. Das übe ich zu Hause, indem ich mir den Text laut vorlese und prüfe, ob er hineinpasst oder nicht. Das ist also eine völlig andere Vorbereitung als bei einem Hörbuch.

AB Gibt es ein Projekt oder einen Film, woran Sie ganz besonders gerne zurückdenken? Wenn ja, warum?

UT Ich habe viele schöne Kinofilme gesprochen: „Die Welle“ oder „Das Parfum“ zum Beispiel. Es ist sicher interessanter, einen Kinofilm oder einen Spielfilm zu sprechen als Vorabend-Serien und Krimis oder so etwas. Diese Filme sind zum Teil auch gut und lustig, aber es wiederholt sich dann vieles.

Live-Audiodeskriptionen auf der Berlinale waren sehr schöne Erfahrungen: Neue Filme, die ich vorher nicht kannte, haben immer viel Spaß gemacht.

Was mit der Audiodeskription gar nichts zu tun hat, aber was ich auch sehr gerne mache, ist sozusagen das Negativ davon. Seit einigen Jahren synchronisiere ich Kinderfilme bei der Berlinale live. Alles, was dort gesprochen wird, übersetze ich, weil deutsche Kinder diese Filme sonst nicht verstehen würden. Das ist genau das Gegenstück zur Audiodeskription, in der ich ja alles erkläre, was außerhalb der Dialoge ist. In der Synchronisation dagegen spreche ich die Dialoge.

AB Noch einmal zurück zur Schauspielerei: Sie haben Ihre Schauspieler-Ausbildung in Kiel gemacht. Danach haben Sie auf zahlreichen Bühnen Theater gespielt: Am Schleswig-Holsteinischen Landestheater, wo sie sogar einen Nachwuchsdarsteller-Preis gewonnen haben, am Schauspielhaus Kiel, am Staatstheater Saarbrücken, am Freien Theater Salzburg, am Landestheater Detmold und am Grips-Theater Berlin. Die Frage, was Sie dazu bewogen hat, ausschließlich per Stimme in Erscheinung zu treten, haben Sie eingangs schon beantwortet. Es waren private Gründe.

UT So fing das an, genau. Dann muss man sich eben überlegen, ob man noch einmal wieder einsteigt. Das habe ich ein bisschen verpasst. Ich habe mir die Sprecherei aufgebaut und ich arbeite wirklich sehr gerne mit Sprache. Es ist kein Notnagel, sondern das, was ich gerne tue.

Ich habe die Schauspielerei aber weitergegeben. Mein Sohn ist gerade fertig mit seiner Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München und hat seltsamerweise nächste Woche einen Termin zum Vorsprechen in Kiel.

AB Noch eine allgemeinere Frage: Welche Chancen sehen bei der Darstellung von Bildern in der Sprache im Vergleich zur visuellen Darstellung, zur Malerei zum Beispiel?   

UT Das ist eine schwierige Frage. Ich habe auch für Ausstellungen Audiodeskriptionen gesprochen oder Museums-Audioguides. Auch das ist ein Service für Blinde. Für Sehende ist es auch hilfreich, weil man sonst bestimmte Dinge vielleicht nicht sehen würde oder weil es Aspekte gibt, die man selbst nicht betrachten würde. Inwieweit das einen eigenen sinnlichen Eindruck vermittelt, weiß ich nicht.

Früher habe ich mir bei einem Ausstellungsbesuch nie einen Audio-Guide geben lassen. Ich wollte einen ungefilterten Eindruck haben und meine eigene sinnliche Erfahrung machen. Als ich aber anfing, beruflich Bilder zu beschreiben, habe ich öfter einen Audio-Guide genutzt und das als Bereicherung empfunden, als eine zusätzliche Ebene. Jeder muss sehen, wie er so etwas gerne zu sich nimmt. Ich glaube, es ist hilfreich, wenn etwas wie ein Audio-Guide dazu kommt, aber ersetzen kann es einen visuellen, sinnlichen Eindruck nicht 100 % ig. Für Blinde ist es aber die einzige Chance und dann kommt es darauf an, dass jemand da ist, der das wirklich gut beschreiben kann.

AB Welche Rolle spielt das ausschließlich gehörte Bild aus Ihrer persönlichen Sicht in unserer Gesellschaft?

UT Das ausschließlich gehörte Bild kommt ja nur in der Welt der Sehbehinderten vor. Ich denke, dass es mehr und mehr zu einem automatischen Service werden sollte. Es hat sich da in den letzten Jahren sehr viel ergeben und das ist eine kolossal wichtige Sache. Es gibt sehr viele Menschen, die sehbehindert sind es wird wahrscheinlich immer mehr werden, weil ja auch schon viele Kinder Probleme mit dem Sehen haben. Die Audiodeskription ist eine wunderbare Sache, weil Kunst und Bilder, auch bewegte Bilder die Sinne sehr ansprechen. Das alles auch Leuten zugänglich zu machen, die nicht sehen können, finde ich wunderbar.

AB Ich denke auch, dass das eine ganz wunderbare Arbeit ist. Normalerweise kommt man damit nicht in Kontakt, wenn man keine Sehbehinderung hat.

UT Man kommt damit normalerweise nicht in Kontakt, aber ich treffe immer wieder Leute, die sagen: Audiodeskription ist doch das, wo man den Knopf plötzlich nicht mehr findet, um es auszustellen. Einige Leute finden das ganz schrecklich und andere merken plötzlich, dass das total interessant sein kann. Mein nicht sehbehinderter Lebensgefährte zum Beispiel hört sehr gerne Hörbücher – nachts – um einzuschlafen. Er ist sehr daran gewöhnt, dass ihm etwas erzählt und erklärt wird. Er mag das unheimlich gern und es ist eine Bereicherung für ihn.

AB Wenn man zum Einschlafen Geschichten hört, ist das ja etwas, was man vielleicht aus seiner Kindheit kennt. Das hat etwas ganz Beruhigendes, Intimes und vielleicht etwas Mütterliches.

UT Das wahrscheinlich auch. Wenn man etwas vorgelesen bekommt, entstehen Bilder im Kopf. Gerade, wenn das als Einschlaf-Hilfe gedacht ist, ist das ja eigentlich toll. Bilder fangen an sich so langsam zu verselbstständigen oder kommen dann auf irgendwelche anderen Ebenen. Das ist ja eigentlich eine super Erfahrung.

AB Wäre das etwas, was in unserer Gesellschaft zukünftig eine größere Rolle spielen könnte?

UT Wenn die Menschen sich darauf einlassen, wäre das sicherlich eine interessante Geschichte. Es wäre auch etwas für Schulen. Es wäre schön, wenn es dort Räume gäbe, in denen sich die Schüler zur Beruhigung ein Hörbuch anhören könnten oder in denen ihnen etwas vorgelesen wird, um eine ganz ruhige eigene Welt zu betreten. Das kann ich mir sehr gut vorstellen.

AB Das wäre ein schöner Ausblick. Darüber könnte man einmal nachdenken.

Nun sind wir am Ende des Interviews angelangt. Vielen Dank für das sehr interessante Gespräch. Wenn jemand mehr über Sie wissen möchte, wo kann er oder sie sich informieren?

UT Das ist sozusagen meine Achilles-Ferse. Ich wurde über die Jahre immer wieder als Sprecherin gebucht und das spricht sich herum, aber ich habe einen fast nicht stattfindenden Internet-Auftritt. Wenn Sie mich suchen sollten, Sprechproben hören und mich buchen möchten, dann gibt es neuerdings die Möglichkeit, das über eine Agentur „speaker search“ in Berlin zu tun. Und irgendwann kommt dann auch mal eine Homepage.

AB Vielen Dank, Frau Torp!

Für eine Stimm-Probe von Uta-Maria Torp bitte hier klicken.

Interview mit Regine Haack

Regine Haack: Rom – Blick über den Tiber, Öl auf Leinwand, 120 x 200 cm, 2013

AB Regine, vielen Dank, dass Du Dich bereit erklärt hast, an der Interviewreihe “Menschen brauchen Bilder” teilzunehmen.

Sagst Du zu Beginn einmal kurz ein paar Sätze zu Deiner Person – wer Du bist, woher Du kommst und was Deine aktuelle Tätigkeit ist?

RH Ich bin 1958 in Lüneburg geboren. Weil die Situation zwischen meinen Eltern so schwierig war, habe ich schon als Kleinkind bei meinen Großeltern im Schwarzwald gelebt – ganz frei, entweder im Wald oder bei Bauersleuten dort in einem sehr kleinen Dorf. Meine Großeltern haben mich versorgt, sie waren wunderbar, lieb und nett. 

Ich habe dort eine ganz besondere Beziehung zur Natur entwickelt, wie alles funktioniert oder wie es eigentlich funktionieren sollte. Es gab in der Gegend kleine Bauernhöfe, das Verhältnis zu den Tieren war sehr innig und es war sozusagen eine paradiesische Situation im Dorf. Man traf sich und redete viel. 

Als meine Mutter später in Kiel Fuß gefasst hatte, kam ich zurück zu ihr. In Kiel bin ich zur Schule gegangen, habe dort studiert und bin schließlich Künstlerin geworden. Ich habe auch Kunsterziehung studiert und inzwischen arbeite ich als Künstlerin und als Kunsterzieherin. Ich muss immer sehen, wie ich meine Zeit einteile, weil ich so viel zu tun habe. Die Arbeit als Kunsterzieherin möchte ich reduzieren und wieder mehr malen. Meine Bilder sind für mich sehr, sehr wichtig.

AB Du sagtest, Du arbeitest als Kunsterzieherin. Wie Du mir einmal erzählt hast, unterrichtest Du auch Geographie. Wie sind die Fächer Kunst und Geographie für Dich miteinander verknüpft?

RH Ich habe ein besonderes Verhältnis zur Natur und zur Erde. Das ist für mich ein großes inneres Anliegen, so dass es zum Beruf geworden ist und ich gebe das gerne an jüngere Generationen weiter. Der Umgang mit Dingen hat immer mit der Natur zu tun, auch wenn man es nicht immer direkt sieht. Alles hat seinen Ursprung in Rohstoffen und wir leben hier alle zusammen auf diesem Planeten. Es wird nur gelingen, wenn wir auf unseren Planeten achten.

AB Zurück zur Schule, an der Du arbeitest: Es handelt sich dabei um ein staatliches Gymnasium. Welche Rolle spielt der Kunstunterricht an dieser staatlichen Schule?

RH Es ist eine kleine Schule und dort läuft der Kunstunterricht als normales Nebenfach durch alle Klassen und weil in der Oberstufe kein ästhetisches Profil angeboten werden kann, läuft Kunst auch in der Oberstufe als Nebenfach. Man kann sein mündliches Abitur darin machen, aber es ist kein Hauptfach und deshalb ist ein schriftliches Abitur darin nicht möglich.

AB Welchen Spielraum hast Du in der Unterrichtsgestaltung im Fach Kunst?

RH Es gibt Lehrpläne und darin steht, welche Bereiche abgedeckt werden sollen. Wir haben schulintern ein Curriculum entwickelt, worin wir uns mit den Kollegen darauf geeinigt haben, was wir in welcher Klassenstufe anbieten. 

Ich versuche immer wieder, neue Ideen hineinzubringen, weil ich auch selbst nicht dauernd dasselbe machen will. Von der Technik her wiederholt es sich, aber vom Thema her variiere ich immer wieder ein bisschen. Insofern habe ich einige Freiheiten.

AB Welchen persönlichen Auftrag möchtest Du als Kunstlehrerin erfüllen?

RH Ich möchte gerne, dass die Schüler handwerkliche Fertigkeiten erwerben, dass sie visuell und von ihrer Phantasie her weitere Ideen entwickeln können und dass sie die Welt aus ihrer Sicht wahrnehmen, erkennen, wiedergeben und einordnen können. Sie sollten Kunst zu Zeiten und Stilen in Bezug setzen können und auch zu ihrem Leben, so dass es für sie nicht nur einen praktischen, sondern auch einen erkenntnistheoretischen Wert hat.

AB Unsere Interviewreihe heißt “Menschen brauchen Bilder“. Welchen Bezug hast Du selbst zu Bildern ganz allgemein?

RH Ich gehe nach wie vor durch Ausstellungen und schaue mir viele Bilder an. Berufsbedingt muss ich viele Bilder durchsehen und auswählen und weil ich das schon so viele Jahre mache, habe ich ein spezielles optisches Gedächtnis. 

Wenn ich durch eine Ausstellung gehe und ganz viele Zitate sehe, frage ich ich mich: Welches Bild ist denn jetzt gemeint und wie hat er oder sie es verändert? Das bringt mir Spaß, aber wenn ich selbst Bilder male und neue Bilder entwickeln will, bin ich darauf angewiesen, dass ich von innen her eine neue Idee bekomme: Wie soll das Bild werden, das neue Bild? Da ist manchmal auch hinderlich, zu viel zu wissen. Es ist gut, eine gewisse meditative Leere herzustellen.

AB Gibt es ein Bild, das Dich in Deinem Leben sehr stark beeindruckt oder gar beeinflusst hat und wenn ja, welches war dies? Gibt es ein Bild, was quer schießt, in Deine meditative Leere hinein?

RH In verschiedenen Phasen war immer ein bestimmter Künstler wichtig für mich. Heutzutage entwickelt sich wieder etwas Neues. Es ist nicht ein Bild. 

Als ich anfing zu malen und zu Weihnachten einen Malkasten bekam, liebte ich die alten Meister wie Rembrandt. Ich fand es ganz toll, wie sie malten. In späteren Zeiten, im Studium fand ich David Hockney ganz toll. Und danach Cézanne – er ist ja auch die Grundlage für die Moderne. 

Als ich in Rom lebte, merkte ich, dass ich einen großen Abstand zur ganzen westlichen Kunst und zu dem bekam, was hier gelehrt wird. Ich betrat ganz andere ästhetische Bereiche, weil mich – ich lebte dort im Millennium – viele afrikanische Dinge umgaben, auch im Alltag. Das war für mich alles ganz anders. 

Auch die Antike war völlig präsent. Danach ging ich zurück nach Süddeutschland und es war alles von der Optik her anders – viele farbliche Reduzierungen – Holz, Braun. 

Als ich wieder im Norden war, musste ich alles erst sortieren. Ich dachte, es liegt wie in Schichten über den Jahrtausenden – hinter uns und vor uns und deshalb musste ich Schichtenbilder malen. Jetzt langsam sortiert sich wieder etwas neu und ich kann noch nicht genau sagen, was das ist.

AB Als Künstlerin erzeugst Du ja selbst immer wieder Bilder. Was treibt Dich dabei an?

RH Wenn ich nicht male, kann ich schon eine ganze Weile zufrieden sein, besonders wenn ich tolle Sachen mache, die mir viel Spaß bringen, im Urlaub zum Beispiel. Ich habe aber immer das innere Gefühl, dass dort irgendwelche Spannungen sind, irgendetwas stimmt nicht. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Das ist wie essen müssen oder trinken müssen. Es sind ganz normale Grundbedürfnisse und so muss ich auf einmal malen. Ich muss etwas zum Ausdruck bringen. Ich muss etwas malen. 

Manchmal habe ich das Bild vorher innerlich vor Augen und denke – ja, das ist das Bild – oder es entwickelt sich oder ich habe gar keine Idee und dann suche ich und suche ich. 

Ich mache viele Fotos und dann habe ich plötzlich das eine Bild, von dem ich denke, dass es das widerspiegelt, was ich meine – ein Gefühl, eine Erinnerung, eine Atmosphäre von einer Situation und ich denke: Das würde es jetzt bringen. Dann bin ich wieder zufrieden und ich denke: super! – obwohl das Malen manchmal auch anstrengend sein kann. Wenn das Bild dann fertig ist, ist ein Zustand wieder hergestellt, in dem ich denke: Genau das gehört zum Sinn meines Lebens.

AB Warum hast Du Dich für Malerei und Zeichnung als künstlerische Ausdrucksmittel entschieden?

RH Als ich jung war, hatte ich ungefähr 20 Ideen, was ich alles machen könnte und habe herum probiert: Mode studiert, Fotografie, gelebt wie verrückt, getöpfert. 

Ich bin Christ geworden und dann bekam ich irgendwie den Eindruck, dass für mich das Zeichnen und Malen und vielleicht noch eine andere Sache sehr wichtig sind. Diese Beschränkung ist eine Klarheit und ich verzettele mich dann auch nicht. So fing ich an Zeichnungen zu machen. Ich war sehr damit eins. Ganz richtig war das, das merkte ich. 

Ich habe das aber nicht fortgesetzt, sondern fing an zu malen. Da fühlte ich mich noch nicht ganz eins mit mir. Zwar war das Bild schon gut, aber es war nie so 100 % ig wie beim Zeichnen. Es läuft aber langsam immer mehr in die richtige Richtung, so wie beim Zeichnen, und ich denke, ich könnte auch das Zeichnen fortsetzen und dann malen und zeichnen. Es ist so, als würde ich sprechen oder ein anderer würde tanzen oder ein Dritter würde ein Buch schreiben. Es ist ganz meine Sprache. So war das mit dem Zeichnen. Da fließt direkt das, was ich meine, durch den Stift auf das Papier. Mit der Malerei entwickelt es sich immer mehr dahin. Es ist aber ein viel längerer Prozess bei mir mit der Malerei.

AB Welche Verantwortung siehst Du im Zeitalter von Instagram und Digitalkonsum auf Seiten der Kunst – im Hinblick auf die Zukunft der Gesellschaft?

RH Ich finde es ganz schön, dass jetzt viele Bilder, Objekte, Kunstwerke, alles mögliche digital verfügbar ist und dass man es sich ansehen kann, überall, und jedermann kann es. Es ist nicht mehr einer bestimmten geschlossenen Gesellschaft vorbehalten und es muss nicht mehr durch Material vor Ort sein. Jeder kann sehen, in welchem Museum sich ein Kunstwerk befindet, von welchem Künstler es stammt und wie es aussieht. Das Original ist womöglich eine Million Euro wert und liegt bei irgend jemandem im Safe oder darf nur hinter Glas präsentiert werden. Trotzdem kann man es sehen. Das finde ich super!

AB Hat die Digitalisierung in Deinen Augen den Umgang mit Bildern und die Wirkung von Bildern verändert?

RH Auf jeden Fall. Wir leben ja im Zeitalter der Bilder. Ich glaube, wir können es uns gar nicht mehr vorstellen, wie es früher war, als das gesprochene Wort ganz wertvoll war und dass das, was Leute erzählt haben, wirklich wichtig war. 

Wir haben zwar immer noch die Zeitung und wir lesen auch darin, aber es ist schnell ein Wegwerf-Produkt. Deshalb sind auch viele Bilder ein Wegwerf-Produkt.

Wonach richtet sich ein heutiger Mensch? Wo sind die Maßstäbe? Ich glaube, da verändert sich der Mensch gar nicht. Jeder Mensch kann nur ein begrenztes Maß an Dingen aufnehmen, verarbeiten und auch sein Leben damit gestalten. Wo soll ich hingehen, welche Werte finde ich, wie gehe ich damit um? Obwohl alles so voll ist und es so vieles gibt, bleibt es dabei: Jeder kann sein Leben nur einmal leben – nach meiner Meinung – und dieses Leben auch gut gestalten. Dazu gehört alles, nicht nur Bilder. Alles erleben und auch füllen, miteinander, mit Freude und es kommt auch Trauer vor, alles mögliche. Man hat die ganze Bandbreite, jeder in seinem kleinen Bereich. Das ist dann wieder überschaubar.

AB Damit hast Du schon meine nächste Frage beantwortet. Diese Frage zielt auf die Kurzlebigkeit unserer Informationen ab und was diese Entwicklung mit den Menschen macht. Hast Du noch weitere Punkte zu ergänzen?

RH Ich merke, dass das sehr zerfasert, dass sehr viel ablenkt und dass man sich auch ablenken lässt. Es bedarf noch mehr Konzentration zu sagen: Moment mal, was wollte ich denn hier genau machen? Das mache ich dann auch, obwohl da noch so viele andere Angebote sind, Ablenkungen oder Möglichkeiten oder Ideen oder Leute.

Dabei zu bleiben ist eine neue Herausforderung, bei der Sache zu bleiben, mit der man angefangen hat und sich darauf zu konzentrieren, sich einzuschätzen: Wie viele Dinge kann ich nebenbei machen? Wo bleibt die Ruhe? Wo kommt auch mal die Leere vor? Wo ist der Tag, an dem ich reflektiere und alles einmal sacken lasse? Das ist heutzutage noch wichtiger.

AB Wie lange arbeitest Du durchschnittlich an einem Bild, z. B. an einem Öl-Gemälde? Warum hast Du diesen aufwändigen Weg der Bild-Herstellung gewählt?

RH Das frage ich mich auch. Ich glaube, es kommt von der Zeichnung her. Meine Zeichnungen sind sehr aufwändig. Sie sind sehr genau und sehr realistisch, obwohl der Bildgegenstand ein Symbol sein soll.

So fing auch meine Malerei an. Ich fing in derselben Art, wie meine Zeichnungen sind, an zu malen. Ich habe aber auch ganz locker gemalt, schnelle Bilder, und dann habe ich mich wieder auf Dinge konzentriert, die sehr genau sind wie gezeichnete Blätter und Blüten usw.. Es war eine Kombination aus Zeichnung und Malerei. 

Später habe ich wieder diese fotorealistischen Bilder gemacht und jetzt im Moment male ich Bilder, die aus dem Inneren entstehen. Sie sind sehr schnell gemalt, etwas freier. Vielleicht habe ich beides in mir. Das eine ist, sehr hin zu gucken und die Sachen so zu erforschen wie ein kleiner Forscher und die anderen Sache ist ganz locker und – zack, zack – hin gehauen. Voller Freude. Das ist etwas Erlebtes. Da verkrampft man sich nicht, das ist beim Malen ganz locker. Diese Bilder entstehen auf eine ganz andere Art, es ist eine andere Sprache.

AB Welche Wirkung haben Deine Bilder auf die Betrachter? Welche Rückmeldungen bekommst Du dazu?

RH Ich habe mich schon früh bei Galerien beworben und sie haben gesagt: Oh, das ist ja gar nicht ein Stil. Das können wir nicht vertreten. Wir können nur etwas Wiedererkennbares an den Markt bringen.

Ich habe aber gedacht: Ich passe meine Bilder nicht an den Markt an, sondern ich male, wie es zu mir passt und ich male das, was da kommt. Vor anderthalb Jahren habe ich in einer Ausstellung etwas kombiniert, was offiziell nicht zusammenpasst: meine Stadtplan-Bilder – das sind Bilder, die im Prinzip abstrakt sind und einen Stadtplan in Malerei umsetzen – und Ansichten von Städten, die zum Teil fotorealistisch sind oder auch ein bisschen freier. Dann merkte ich mit einem Mal: Oh, die ganze Arbeit passt sehr gut zusammen. Diese Arbeiten korrespondieren direkt miteinander. 

Da ich ja Geographie studiert habe, ist das auch etwas von mir. Man kann die Erde einmal sehen wie ein Wissenschaftler, der alles untersucht, nach Clustern usw. und man kann sie aber auch direkt erleben. Jeden Tag vor Ort, wenn ich vor die Tür trete oder aus dem Fenster gucke. Es ist alles erlebbar, wir leben darin und deshalb sind diese zwei Ebenen da. Ich kann etwas aus der Nahsicht sehen, ich kann mir nur eine Mauer angucken oder so etwas – also Mikrokosmos, ich kann Straßenzüge ansehen, Situationen in der Stadt, im Umfeld oder auf dem Land oder ich kann ganz berauschende Erlebnisse haben und kann diese auch wild malen. Von daher sehe ich in meinen Bildern einen Zusammenhang und wenn ein anderer diese nicht sieht, ist es vielleicht ein Problem von ihm.

AB Okay, Du malst also die Bilder in erster Linie für Dich selbst.

RH Nein, ich glaube, ich male sie, weil ich zeichnen und malen soll und weil es mir letztendlich auch besser geht. Wenn ich denke: Das Leben könnte auch einfacher sein, ich könnte einfach nur arbeiten und mich dann vergnügen, mein Privatleben haben und das nicht tun, dann fehlt für mich etwas. Das geht nicht. Ich muss das Zeichnen und Malen machen. Es ist eine Art Auftrag. Das ist etwas, was ich machen muss.

AB Was muss Deiner Meinung nach ein Bild haben, um Emotionen hervorzurufen? Was ist das in Deinen Bildern?

RH Das ist etwas, was beim anderen zum Schwingen kommt und der andere, der Betrachter, hat ja sein eigenes Leben und seine eigenen Erlebnisse. Jeder hat andere Dinge, die ihn ansprechen. 

Da ich viele Bilder male, in denen Städte, Landschaften, Stillleben, Mauern oder Natur vorkommen, spricht das Leute an, die sich in diesem Gebiet zu Hause fühlen. Ich habe es auch in Ausstellungen mit Kollegen bemerkt: Es gibt Bilder, die voller Menschen sind und sich mit Menschen und Beziehungen auseinander setzen. Diese Bilder sprechen eher Betrachter an, die in solchen Berufen unterwegs sind, die viel mit Menschen zu tun haben, und deswegen haben diese Kollegen von mir ganz andere Kunden als ich. Jeder Kunde ist ja auch ganz anders, jeder Betrachter auch. Deshalb habe ich oft Architekten als Kunden gehabt oder Landschaftsgärtner, also Menschen, die sich von diesen Dingen angesprochen fühlen.

AB Noch eine abschließende Frage: Wenn Du einen Wunsch an die Kunst und die durch sie entstehenden Bilder hättest, welcher – im Hinblick auf die Zukunft der Gesellschaft – wäre es?

RH Ich würde mir wünschen, dass man das Ganze nicht nur chronologisch einsortiert im Sinne von: Das war einmal modern und ist jetzt nicht mehr modern und deswegen können wir heute nur noch so und so arbeiten. 

Ich würde mir wünschen, dass immer mehr Akzeptanz entsteht zwischen den verschiedenen Künsten und Kulturen, dass alles nebeneinander bestehen kann, dass jedes seine Existenzberechtigung hat und dass wir herunterkommen von unserem westlichen Kulturbetrieb, in dem es sehr viel nach Geld geht. Ich wünsche mir, dass man mehr in diese Ebene hineinkommt: Jede Kunst hat ihren Zweck und erfüllt eine Aufgabe für die Mitmenschen. 

Ich selbst bin ja auf ganz vielen Gebieten in der Kunst auch Konsument und kann mir aussuchen, was mir gefällt oder was mich anspricht und ich hoffe, dass dies immer mehr akzeptiert wird. Ich gehe manchmal ins Museum und sehe: Hier wollen sie wieder eine bestimmte Person sponsern. Das hat keinen Zweck bei mir. Dann kann ich auch gleich wieder hinausgehen.

AB Das war ein schönes Schlusswort – der Wunsch nach gegenseitiger Akzeptanz zwischen den Künsten und Kulturen – weil es eine sehr breite Gültigkeit hat. Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Auf www.reginehaack.de gibt es weitere Informationen über Regine Haack und ihre Kunst.

Max Cole

“Mir gefällt es, die Dinge so weit zu treiben, bis sie beinahe scheitern. Auf einem Seil zu balancieren, das ganz nah am Boden angebracht ist, ist nicht besonders interessant. Die Dinge müssen an einen Punkt gebracht werden, an dem die Situation prekär wird. Der Umstand, dass man ab und zu scheitert, bewahrt einem die Demut. Ich zerstöre Bilder, die gescheitert sind. Wie man feststellt, ob ein Bild gelungen ist? Es hat eine Spannung, die nicht vollständig gelöst ist.

Es ist kein rein intellektuelles Ereignis, sondern ein körperlich fühlbares. Für mich ist Kunst nur dann interessant, wenn sie über diese Qualität verfügt, egal ob es sich um ein reduziertes, modernistisches Werk handelt oder um eines, das sich mit erkennbaren Dingen beschäftigt. Für mich existieren Inhalte nicht. Nicht der Gegenstand und nicht die Technik haucht einem Kunstwerk Leben ein, sondern seine authentische Qualität, und die kann der Künstler nur erreichen, wenn er intuitiv vorgeht. Für mich liegt darin die Spiritualität einer Arbeit. Es ist diese Essenz, die darüber entscheidet, ob ein Werk lebt oder nicht…”

Eröffnungsrede, 01.06.2013

Bilder, die man mit sich trägt. Diese Bilder müssen wohl das Ergebnis meiner Lebensgeschichte sein. Sie sind Ausdruck der Erlebnisse, die mich berührt haben und in mir versunken sind. Einige ganz tief, ganz dunkel und vage umrissen, andere bunt und präsent, klar und nahe der Oberfläche, nur ein paar Zentimeter weit im Unbewussten. Ein wehmütiges Gefühl begleitet ihre Wiederkehr – diese Zeiten sind vorbei – das Leben geht weiter.

“I really like how people contain their time, in their faces”, sagte Elizabeth Peyton in einem Interview.

Die Bilder sind mein Schatz in einer Truhe, die sich unerwartet öffnen kann. War es ein Film aus Kindheitstagen, waren es Begegnungen mit Sandkastenfreunden, das wiedergefundene Album mit Familienfotos, das Aussortieren lange abgelegter Kleider? Der tägliche Weg zur Arbeit durch die Stadt, vorbei an wenig bemerkenswerten grauen und vernachlässigten Straßenhäusern. Warum brennt er sich in das Hirn ein wie ein visueller Ohrwurm, so dass ein Bild daraus wird, das ich malen muss. Wer weiß es so genau, wie alle bewussten Erinnerungen und eher wolkenhaften Erscheinungen zusammenwirken und zu diesen Bildern führen?

Plötzlich sind die Bilder einfach da und machen sich breit. Wer kennt das nicht? Eine Gelegenheit, sich die Bilder vorzunehmen, sie fest zu malen, zu hinterfragen, farblich, kompositorisch, mit flüchtiger oder kräftiger Pinselführung, mit Wut, Angst oder Freude neu zu füllen und haltbar zu machen und ins Bewusstsein zu holen, für mich selbst und den Betrachter als Schlüssel zu eigenen Bildern. Welche Bilder entstehen dabei? Sind es ähnliche wie die gemalten? Bilder, die man mit sich trägt. (Text: Astrid Blohme)

Einführungsrede zur Ausstellung “GEGENÜBER”

13.01.2017, Einführungsrede von Monika Cordes-Stein

Wer ist mein Gegenüber? Bevor ich zu den Bildern von Astrid Claus komme, muss ich dazu etwas Interessantes erzählen, was ich in der Zeitung (SZ, Dez.16 ) gelesen habe:

„Psychologen von der Universität Yale berichten im ‚Journal of Personality and Social Psychologie‘, dass die meisten Menschen glauben, sie selbst beobachteten Personen in ihrer Umgebung intensiver als Andere das tun; und zudem zeigen sich die meisten überzeugt, dass sie selbst geringes Interesse hervorrufen.“ Also sie glauben, nur sie beobachten die Anderen, werden aber nicht so beobachtet. Das geht mir genauso, ich beobachte gern Menschen im Café, in der Bahn, im Park. Und es stimmt auch: Ich fühle mich dabei wesentlich weniger beobachtet als ich das an den Anderen  zu betreiben meine. Das Interesse ist also groß und es ist gegenseitig.

Und vielleicht zeigen die Bilder genau dieses Interesse, dieses Bedürfnis nach dem Anderen. Sie zeigen dieses Schauen, die intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Sie machen die große Sehnsucht deutlich, die wir zum Gegenüber haben. Aber sie zeigen nicht nur, sie fragen auch.

Die Ausstellung vom Gegenüber ist wirklich so eine Art Befragung. Auf den Bildern sind Personen dargestellt. Oder sind es flüchtige Eindrücke von Personen? Menschen, wie im Vorübergehen, oft ungenau gesehen, zwar bemerkt aber gar nicht richtig hingeguckt, schon weitergegangen. Sind es Fotos, vielleicht alte Fotos, wer war das noch mal? Ich? Sah  ich so aus?  Oder der? An wen erinnert er mich? Andere Menschen, Eltern, Verwandte, es können Schnappschüsse gewesen sein. Nie eingeklebte Fotos. Man weiß es nicht mehr so richtig.

Manche sind Bilder von Stars, die Doors – allerdings ohne Jim Morrison; die Stones, alte Helden aus grauer Vorzeit, die sich so präsentiert haben, damals. Manches wirkt wie blanke Pose. Zur Schau gestellte Unnahbarkeiten in Anzug oder Topdress, öffentlichkeitswirksam und doch eher bloß wie eine Hülle abgebildet.  Das verstärkt noch einmal die Frage: Was zeigt sich mir? Wer ist mein Gegenüber?  Die Art der Malweise stellt noch mehr Fragen. Kaum ein Gesichtszug ist klar dargestellt. Es drückt sich keine Stimmung aus. Diffus alles. Gekonnt verwischt, manchmal so etwas wie eine Überbelichtung über den Gesichtern, eine Art von Schleier über dem Antlitz, ein Grau, oder eine Dunkelheit.

Und doch immer Personen. Interessanterweise kommt hier nicht das befriedigende Gefühl auf, etwas an den Dargestellten entdeckt zu haben, sich ein Bild gemacht zu haben. Wie wenn ich mir zum Beispiel  im Café  etwas Interessantes über Irgendjemand dort ausgedacht habe. Fast das gegenteilige Gefühl beschleicht mich hier. Es wirkt eher wie die Darstellung der Unmöglichkeit, sich ein Bild zu machen vom Anderen. Als wäre hier einerseits das Bedürfnis nach dem Anderen, andererseits die Unnahbarkeit an den Anderen dargestellt.

Nietzsche schreibt in seinen Fragmenten dazu: „Mit aller Kenntnis anderer Menschen, kommt man nicht aus sich hinaus, sondern immer mehr in sich hinein.“ Sprich‘, man kommt weniger zum Anderen, sondern mehr zu sich, wenn man sich mit dem Anderen beschäftigt.  – In dem fantastischen Film von I.Bergmann aus dem Jahr 1976, „Von Angesicht zu Angesicht“  lässt Bergman den Schauspieler Erland Josephson zu Liv Uhlmann sagen: „Ich wünschte, jemand oder etwas berührte mich so, dass ich wirklich werde. … Wieder und wieder sage ich es mir: ‚Lass mich wirklich werden.“  D.h. ich spüre mich, weil der Andere mich wahrnimmt. Auch deshalb suche ich den Anderen. Das Geschenk, das Menschen sich gegenseitig machen, ist das sie sich selbst besser verstehen im Auge des Anderen. Dann kann ich mich spüren.

Die Bilder hier gehen sorgfältig mit dem Gegenüber um. Mit der vagen Sicherheit, dass ein Kennen behutsam überprüft werden muss. Und die fast zärtliche Annäherung an den Anderen, das vorsichtige Tasten nach seiner Kontur in diesen Bildern, drückt vielleicht aus, wie schwer es ist, dem Anderen gerecht zu werden, und wie viele Fragen sich am Anderen stellen: Was ist Pose? – etwa die Athleten im Schwimmbad? Was ist Business? – das stonend face der rockstars? Was ist Inszenierung? – vielleicht die anmutigen Kinder auf der Wiese? Was ist der Einzelne in einer Masse? – synchronisiert, wie das Bild drüben ganz oben heißt? Welche Rolle spielt die Puppe mit dem roten Kleid? Wo wird es echt, unverstellt, vielleicht gerade da, wo das junge Mädchen im Liegestuhl sein Gesicht verdeckt mit einer Haarsträhne? Es sind genau diese Fragen, die den Betrachter auf sich zurückwerfen, die ihn aber lebendig werden lassen am Gegenüber.

Der Betrachter weckt den Reiz, der von der Person im Bild ausgeht, und dabei erlebt er sich und sein Erleben. Die duftige, rätselhafte Ungenauigkeit der Bilder weckt Neugier. Die Ungenauigkeit spielt mit dem Schimmer, spielt mit der eigenen Erlebnisbereitschaft, mit dem eigenen Bild des Anderen, mit der ewig spannenden Frage:  Wer ist mein Gegenüber?    Text: Monika Cordes-Stein

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