Interview mit Almut Behl

Almut Behl (Foto: Astrid Blohme)

As Vielen Dank, dass Du Dich bereit erklärt hast, an der Interviewreihe “Menschen brauchen Bilder” teilzunehmen. Sagst Du zu Beginn ein paar Sätze zu Dir, wer Du bist, woher Du kommst und was Deine aktuelle Tätigkeit ist?

Al Ich bin freie Journalistin und Texterin, komme aus dem Verlagswesen und habe ein Studium der Kunstgeschichte, Literatur- und  Theaterwissenschaften 1987 abgebrochen, habe meinen Weg auf Umwegen gemacht und bin immer mit Kunst in Verbindung gewesen, weil mein Vater bildender Künstler ist. Bilder sind für mich so wie das Blut in den Adern, möchte ich sagen. Das ist einfach immer da gewesen.

As Wie siehst Du Deine Rolle in Bezug auf Bilder?

Al Erst einmal ohne Rolle – Bilder sind für mich unglaublich wichtig, weil ich glaube, sobald der Mensch bewusst wird in seinem Leben, aber auch jeden Tag beim Aufwachen, fängt er schon an, Bilder anzugucken, die Wahrnehmung anzuknipsen. Mir geht es so, dass ich die Bilder der Nacht erst einmal sortiere, weil ich sehr viel träume. Ich habe damit meist bis mittags zu tun, diese Bilder zu verarbeiten. Mit dem Aufstehen gehe ich wieder in die Realität und in mein Leben und nun glaube ich, spreche ich für alle Menschen: Der Mensch hat eine Vorstellung, eine Vorstellung von seinem Leben, wie er es leben möchte. Diese Vorstellung findet im Kopf statt und da sind Bilder vorhanden. Jeder kreative Mensch oder wer es möchte kann selbst Bilder produzieren und man ist eigentlich ständig im Abgleich mit den inneren Bildern und der Außenwelt und den äußeren Bildern, die man selbst in die Welt bringt. Es ist egal, welche Erscheinungsform das hat, welche künstlerische Form, ob es bildende Kunst ist mit Fotografie, mit Bildhauerei oder Malerei und Zeichnung. Ich selber komme aus der Zeichnung und Graphik, weil ich das von Haus aus quasi inhaliert habe, sprich: Striche, Punkte, Licht und Schatten, eher die Umrisszeichnung als die Farbflächen in der Malerei. Mich interessiert alles, was Menschen machen und durch meinen Beruf bin ich dann, wenn Du jetzt auf die Rolle kommst, in der Situation gewesen auch Menschen zu ihren Bildern zu befragen, aber auch Bilder und alles, was Menschen machen, zu „bewerten“. Ich würde die Bühne als Bild dazuzählen, weil ich mich sehr für Theater interessiere oder – wenn man ein Bindeglied zwischen Kunst und Theater schaffen will – für Performance. Ich mache da keine Trennung zwischen den Genres. Für mich ist es auch schon eine Performance, wenn jemand über die Straße läuft. Ich gehe einfach als beobachtender Mensch durch die Gegend und ich würde unbedingt sagen „Menschen brauchen Bilder“. Das ist für mich ganz wichtig und ich glaube, das geht anderen auch so.

As Du hast die anderen Erscheinungsformen von Bildern ja schon ein bisschen in Deinen Worten berührt. Es gibt Bilder, die akustisch, musikalisch, literarisch, im Theater erzeugt werden können. Welche Form des Ausdrucks ist für Dich am intensivsten?

Al Wenn Du nach meiner persönlichen Herangehensweise fragst, ist das natürlich die Sprache. Da ist es so, dass ich diese umfangreichen Erscheinungsformen erst einmal in Sprache packe. Das heißt, ich gehe von einer Art Übersetzungstätigkeit aus. Ich sehe etwas und erzähle es dann anderen Leuten. Dabei ist das Spannende, dass ich nicht die Kunsthistorikerin bin, die vor einem Bild steht und es erklärt oder eine Führung macht, sondern ich wende mich, wenn ich journalistisch tätig bin, an einen Leser, der erst einmal nichts Genaueres sieht und ich führe den Lesenden dahin, in die innere Bildwelt einzutauchen, indem ich ihm Worte gebe und vorschlage und versuche, das Bild, was ich hatte, vor ihm aufscheinen zu lassen. Mein Anspruch als Journalistin ist, wenn ich eine Kritik über eine kulturelle Veranstaltung schreibe, dass ich den Menschen auf der Bühne gerecht werden will, indem ich referiere, was diese dort gemacht haben, so dass sie sagen können: „Ja genau, das habe ich dort gemacht“ und dann aber auch dem Publikum diene, indem ich sage: „Ist es das, was Ihr gesehen habt? Ich schlage Euch übrigens auch folgende Sicht vor: …“ Ich hatte oft das Glück, dass mir gesagt wurde: „Ja, stimmt. So war das. Ich habe es (die Veranstaltung vor Ort) auch so empfunden.“ Das heißt, dass meine Sprache in den Menschen dann vielleicht Bilder hervorgerufen hat oder auch die Erinnerung an das Ereignis – mit dem sie einverstanden sind. Das empfinde ich natürlich als sehr befriedigend und das ist für mich eine Art der Verbindung mit Menschen, die sehr stark ist. Ich habe auch, wenn ich lese, vor allem, wenn ich Bücher lese, das Gefühl, dass man mit Literatur oder mit Sprache eine Isolation oder Einsamkeit überwinden kann. Diese Bild“gewalt“ – Gewalt als mächtige kreative Kraft – finde ich faszinierend.

As Bilder aus Bildern sozusagen.

Gehen wir zurück zu den visuellen Eindrücken. Du trittst doch manchmal als Laudatorin bei Ausstellungseröffnungen auf. Wie näherst Du Dich dabei dem Künstler und dem Werk?

Al Erst einmal habe ich das Werk kennengelernt oder einen Ausschnitt davon. Also ich habe eine Ausdrucksform von jemandem gesehen und dann die dazugehörige Schöpferin oder den Schöpfer der Sache. Dabei ist für mich unabdingbar, dass mich die Bilder ansprechen, unabhängig von der Person. Dann ist es ja sehr schnell so, dass man den Menschen dazu kennen lernt, weil es sich im journalistischen Rahmen um Pressekonferenzen oder einen Pressetermin handelt oder weil irgendeine Form des Kennenlernens arrangiert wird. Wenn man sich sympathisch ist – das ist ja nicht unbedingt der Fall – gibt es vielleicht von der Person den Wunsch, mich für eine Rede anzusprechen. Das geschieht meistens dadurch, dass diese Person mich schon ein bisschen kennt oder meine Ausdrucksweise. Dann ist es für mich klar, dass ich erst mal in die Biographie der Person eintauche. Für manche ist das ein „no go“, aber für mich ist die persönliche Erlebnis- und Erfahrungswelt untrennbar von der Kunst. Warum macht jemand die Kunst, die er macht? Das kann man für meine Begriffe überhaupt nicht trennen. Wer das behauptet, lügt, glaube ich, weil sich das Unterbewusstsein da eine Bahn bricht. Ich finde es legitim, die Biographie einzubeziehen. Das tue ich auch. Ich sage dann nicht „er oder sie malt so, weil…“, aber, so habe ich es gerade erlebt, ich spüre manchmal etwas, was die Künstlerin nicht gewusst hat. In einem Fall ging es um eine Übermalung mit Weiß in ihren Bildern und tatsächlich ist diese Frau in einer Mühle großgeworden. Ihre frühe Kindheit hat mehlbestäubt stattgefunden und die Affinität zu Weiß war für mich so klar. Eine Diffusität hat sie im Nachhinein hergestellt, als die Bilder schon fertig waren. Sie hat die Bilder mit etwas Weiß überzogen. Davon war ich sehr berührt und ich hatte das Gefühl, sie möchte sich in einen Zustand zurückversetzen, der ihr ein gutes Gefühl gibt. Es ging nicht um den perfekten Ausdruck. Es war mein Gefühl – und dabei habe ich sehr auf meine Intuition gebaut – dass sie damit etwas Positives verbindet und als ich sie dann darauf ansprach, ob es mit ihrer Müller-Historie etwas zu tun haben kann, hat sie gesagt: „Ja, das kann sein. Das ist interessant.“ Dann hat sie mir die ganze Geschichte erzählt, wie zu Hause die Spuren durch diese Mehlschicht führten. Das war ihr Vater, der zum Mittagessen gekommen und zurückgegangen war. Diese Bestäubung sozusagen durch das Mehl hat in ihrer Wahrnehmung bildnerisch eine Rolle gespielt. Ich habe das nicht breit getreten, aber es war ein Aspekt ihrer Kunst, den ich spannend fand und so etwas möchte ich ungern übersehen.

Das Erzählen von sich selbst ist quasi die Rekapitulation dieser Biographie. Ich frage nach Techniken und nach der Herangehensweise und schon habe ich Impulse und Handlungsmotive, die sich im Bildnerischen ausdrücken. Damit meine ich gar nicht mal Bildmotive im Sinne eines Sujets, sondern einen Impuls, etwas zu tun. Sehr oft gibt es bei Menschen einen unterbewussten Zugang zur Kunst – da bin ich absolut bei der Psychologie – und es gibt auch sehr oft Themen, die den Schaffenden selbst nicht klar sind, die sich dann aber im Gespräch herausstellen. Das finde ich wunderschön – und das klingt jetzt ein bisschen pathetisch – man arbeitet mit der Sprache archäologisch, bildhauerisch oder wie auch immer, man arbeitet mit der Sprache gemeinsam im Gespräch künstlerisch. Das ist sehr befriedigend.

As Nebenbei gesagt: Das ist mein Coaching-Prinzip, was Du da gerade beschreibst.

Du hast erzählt, dass Leute Dich manchmal um eine Laudatio bitten. Es kann ja dabei passieren, dass Du denkst: „schwierig“. Was machst Du dann?

Al Ich bin ein ehrlicher Mensch und würde der Person sagen: „Ich glaube, ich kann damit nichts anfangen.“ Für mich ist es aber eine Herausforderung, denn ich müsste ja eine Begründung mitliefern. Schon bin ich dann bei meinem Motto, sich auf alles einzulassen und zu fragen: „Was treibt diese Person denn an, es so zu machen?“ Es geht ja nicht um Geschmack. Darum darf es eigentlich gar nicht gehen. Wenn ich gefragt werde, ist es tatsächlich so, dass ich mich als Dienstleistern sehe, die sagt: “Ich gehe jetzt mit meinen journalistischen Mitteln an diese Frage heran und ich bekomme eine Gegenleistung dafür, es wird honoriert und das ist meine Arbeit.“ Dennoch gibt es Dinge, die man ästhetisch oder handwerklich nicht gut findet oder sogar verurteilt und sagt: “Dahinter kann ich nicht stehen. Ich finde es nicht richtig, so zu arbeiten“. Und nun kommt wieder die Macht der Sprache ins Spiel: Ich habe es in einem Fall einer Rezension sehr blumig umschrieben. Ich habe im Grunde eine Art Geheimsprache angewendet und habe der Künstlerin nichts Schlechtes getan, aber wer ein bisschen Subtext versteht und zwischen den Zeilen lesen kann, hat gemerkt: „Hm, wir sind uns im Klaren, dass das jetzt nicht die Weltkunst -oder documenta-reifen Geschichten hier sind.“ Vielleicht sogar haarsträubender Mist. Natürlich macht es mehr Spaß, wenn ich die Sachen gut finde. Dennoch gibt es immer Überraschungen. Selbst wenn ich jemanden im Vorwege sehr, sehr gut finde und denke, ich habe verstanden, worum es da geht oder ich habe es durchdrungen – nein, nein, nein, dann gibt es immer noch ganz viele andere Aspekte und die haben mich sehr oft schon eines Besseren belehrt. Ohne Gespräch geht es nicht. 

Du hast eben angedeutet, ich würde Sachen sehen und hoffen, darüber sprechen zu können. Ja, aber es ist auch so, dass ich tatsächlich Leute anspreche und sage: “Deine Sachen finde ich so gut. Kann ich darüber mal reden?“ Meistens ergibt sich dann daraus etwas, weil die Leute natürlich auch ganz begeistert sind, wenn man sie mag und damit halte ich dann auch nicht hinter`m Berg.

As Die Interviewreihe heißt ja „Menschen brauchen Bilder“. Deshalb ganz global: Welchen Bezug hast Du zu Bildern? Du hast am Anfang schon einiges dazu gesagt. Möchtest Du noch etwas ergänzen?

Al „Menschen brauchen Bilder“ unbedingt. Es ist ganz banal: Wenn ich noch einmal auf den Begriff „Vorstellung“ komme: Vorstellung im Sinne von „ein Konzept im Kopf haben“, dann hat es mir in meinem Leben oft geholfen, eine Vorstellung zu haben und sich dann an die Verwirklichung davon zu machen – in der Lebensplanung sich irgendetwas vorzustellen und es dann quasi abzuschreiten, es auszuführen, das hat mir immer Sicherheit gegeben und ich habe trotzdem gewusst: Es ist eine Falle, weil die sogenannte Realität ja immer anders ist als die Vorstellung und ich bin sehr oft an diesen Polen gescheitert. Ich habe in meiner Biographie gemerkt, dass ich derart meiner Vorstellung verhaftet bin, dass ich die Realität als einen ärgerlichen Kompromiss verstanden habe. Damit kommt auch ein spiritueller Gedanke mit hinein. Es kann ja nicht sein, dass man die Realität als Kompromiss abtut, denn wir müssen in der Realität klarkommen. Für mich ist die Vorstellung etwas über mir Schwebendes, was mich am Laufen hält. Ohne Vorstellung, sprich Phantasie könnte ich mich nicht bewegen, weil ich sehr oft mit der Realität, den Gegebenheiten jetzt hier vor Ort, in meiner Stadt oder in meinem Kontext nicht einverstanden bin, weil ich mich in persönlichen Zwangssituationen durch Lebensumstände befinde – und da gibt es wahrscheinlich genug Menschen, denen es ähnlich geht. Daraus kann ich nur mit meiner Phantasie ausbrechen oder kann es überhaupt nur mit Hilfe der Phantasie durchhalten. Dadurch sind Bilder immer wieder Vorstellungen im Kopf, meine Phantasie, Wünsche, Konzepte, Träume, wie auch immer – eine innere Welt, die mir hilft, die reale äußere Welt irgendwie zu kompensieren.

As Es bleiben dann also Diskrepanzen erhalten und es wird nicht alles zu einer Mittelmäßigkeit vermischt, sondern Du benutzt Deine Vorstellung, um Dich von der Realität zu erholen?

Al Ja, auch. Es ist schwer nachzuvollziehen, weil es eigentlich schon fast eine philosophische Frage ist, wie wir in der Welt stehen und wie wir wahrnehmen. Innenleben und Außenleben sind bestimmt niemals kongruent. Ich drücke es gerne philosophisch aus: Wenn man sein Leben in einer Begrenztheit versteht, dann sind das Denken, die Vorstellung und die Bilder natürlich immer eine Grenzenlosigkeit. Das bedeutet immer, dass man Grenzen sprengt, dass man aus etwas herausgeht und innerhalb dieser Vorstellung eine andere Welt betritt. Diese Welt kann man darstellen und verbildlichen. Nichts anderes macht man ja, wenn man Kunst macht: Etwas Inneres nach außen bringen oder etwas Vorgestelltes. „Ich stelle es mir vor“ heißt auch: „Ich stelle es vor mich“ und schon wird es dann eine Realität, wie ein Gegenüber. Das ist dann auch ein Dialog mit der Kunst, mit dem Bild, aber es ist auch mit der Welt und mit den anderen Menschen, die das wiederum betrachten.

Das klingt vielleicht abgehoben. Es sind alles Überlegungen für mich, die aus Erfahrungen resultieren. Es klingt so, als sei ich ein sehr theoretischer Mensch. Aber wenn ich gefragt werde, kommen mir diese Gedanken und ich bin sehr dankbar für diese Fragen. Überhaupt bin ich sehr gern im Dialog.

Ich habe mich einmal bewusst gegen eine theoretische Herangehensweise entschieden, als ich ein Studium abgebrochen habe, weil ich gemerkt habe, dass für mich das Tun und die Kommunikation mit Menschen wichtiger sind. Ich habe Buchhandel gelernt und bin dann über das Verlagswesen hinten herum durch die Küchentür in den Journalismus gerutscht. Der Oberbegriff bei mir ist immer „Kommunikation“. Die findet unmittelbar statt und ich möchte nicht in eine Theorie abgleiten. Ich muss jetzt einmal diese Gelegenheit wahrnehmen, um etwas zu kritisieren, was mir schon lange auf dem Herzen liegt: Ich finde es sehr schade, wie oft zum Beispiel öffentliche Diskussionen daran scheitern, dass zu viel Theorie im Raum ist. Das nimmt manchmal groteske und kabarettistische Züge an, etwa bei Lesungen. Zu viel Theorie und eine Ehrfurcht vor Theorie, die es dem Publikum schwer macht, noch weitere Fragen an die Autoren zu stellen, weil hochintellektuelle Vorredner verbrannte Erde hinterlassen und jede banale oder weniger theoretische Frage aus dem Publikum im Keim ersticken. Das finde ich sehr schade. In den 1970er Jahren – das habe ich als Kind schon im Fernsehen und im Radio miterlebt und in Live-Diskussionen, in die ich als Kind mitgeschleppt wurde – wurde heftig diskutiert und debattiert und sich über Dinge auseinander gesetzt. Ich finde es ganz schrecklich, dass dieser Diskurs heute nicht mehr in der Öffentlichkeit stattfindet oder nur im akademischen Kontext unter bestimmten und dann schon wieder unter hoch intellektuellen Vorzeichen oder eben im Internet unter sehr niederschwelligen Aspekten (Shitstorm etc.), die dann daraus resultieren können. Wir sollten viel mehr und noch ganz anders ins Gespräch kommen, viel unbefangener.

As Danke Dir. Ein guter Impuls, dort weiter zu machen.

Ein kleiner Schwenk: Gibt es eine künstlerische Arbeit, einen Künstler, der Dir besonders aufgefallen ist und von dem Du sagen würdest: „Er beeindruckt mich sehr und er hat mein Leben verändert“? 

Al Als Kind bin ich schon sehr früh über herumliegende Bücher, Kataloge und Zeitschriften und Ausstellungen, in denen ich mit meinen Eltern war, mit Kunst in Kontakt gekommen. Ein Referat über Picasso in der Schule machte mir klar – auch weil mein Vater es immer betont hat – wie wichtig er ist. Er hat eine wahnsinnige Rolle gespielt. Ich habe seine Biographie von Françoise Gilot gelesen und ihn dann auch als Person faszinierend gefunden. Das was der Kubismus in der Kunstgeschichte war, ist für mich persönlich extrem wichtig, weil ich plötzlich eine neue Form der Aufsplitterung im Bild gesehen habe. Damals war ich vielleicht 8, 9, oder 10 Jahre alt. Ich weiß es nicht mehr. Beim Referat war ich dann in der Pubertät. Picasso war eine wesentliche Figur und das kann man nicht leugnen. Ich könnte endlos viele Leute aufzählen, die ich auch faszinierend finde. Einschneidend im 20. Jahrhundert ist Picasso, weil er graphisch, malerisch und skulptural so viel bewegt hat und ebenso viel in der Anschauung und in der Wahrnehmung. Und dann natürlich auch Joseph Beuys. 

Für mich ist auch das Thema „Bruch“ ganz wichtig, nicht das Aalglatte. Das Aufsplittern in verschiedene Facetten ist für mich in jeder Kunstform eine spannende Sache. 

Natürlich finde ich persönlich auch sehr viele Frauen spannend – Rebecca Horn, Marlene Dumas, Miriam Cahn, Corinne Wasmuht, Louise Bourgeois oder Marina Abramovic. Es gibt eine Arbeit von Kiki Smith, die mich seinerzeit ziemlich umgehauen hat. Das war 1993 in der Ausstellung „Post Human“ in den Hamburger Deichtorhallen.  Die lebensgroße Skulptur einer nackten Frau auf allen Vieren, die einen meterlangen Kotstrang hinter sich herzieht. Sofern man unterstellt, dass sie vorwärts kriecht. Diese Arbeit heißt „Tale“  wie Sage oder Geschichte“und das ist interessanterweise phonetisch gleichlautend mit „Tail“, also Schwanz. Ich weiß noch, wie angewidert die Leute waren. So eine Arbeit könnte man heute glaube ich gar nicht mehr ausstellen in der aktuellen Zensurdebatte, auch wenn sie eine wachsfigurenhafte Fake-Anmutung hatte. Aufschrei der Feministinnen usw. Es gab natürlich auch pornographische Assoziationen. Ich habe gedacht: „Nein, das stimmt alles gar nicht.“ Ich sehe hier die Conditio humana in Person einer Frau, die etwas hinterlässt, was man allgemein als Abfall und „Bä Bä“ sieht. Dass die „Kacke“ hier einmal bildlich und quasi als Skulptur dargestellt wird, finde ich auf der philosophischen Ebene spannend. Wir als kriechende Wesen, wir Menschen, die ja ein Bewusstsein haben, aufrecht gehen und der „Homo sapiens“ sind, werden hier wieder tierisch dargestellt, nur als ein Organismus, der Ausscheidung hinter sich lässt. Wir sind das, ganz klar, aber sind auch der aufrechte Mensch, der kreativ eine Ausscheidung – eine Äußerung – ausstößt oder hinterlässt und diese Spuren wollen wir sehen und das andere wollen wir nicht sehen. Indem Kiki Smith den Betrachter gezwungen hat, hier in Lebensgröße 1:1 diese Frau so zu sehen, hat sie uns in eine Unmittelbarkeit gezwungen, die jeden mit sich selbst, mit seiner Innen- und Außenwahrnehmung konfrontiert. Und unbedingt auch zur Abstraktion auffordert, finde ich. Das sollte jede Kunst tun. 

Interessanterweise sind die Leute meistens von den banalsten Dingen in der Kunst geschockt. Aber die größte Kraft hat nun mal auch die Konfrontation mit sich selbst, siehe auch Marina Abramovics großartige Performance „The Artist is Present“ von 2010 oder die Faust-Performance von Anne Imhof auf der Biennale Venedig 2017. 

Und Kiki Smiths „Tale? Sie zwingt uns, unsere Wahrnehmung zu überprüfen. Wie nehme ich eine nackte Frau in einer gebeugten Haltung wahr? Wem da nicht schräge Assoziationen kommen, der lügt, meiner Meinung nach. Sie zwingt uns zur Konfrontation. Aber auch zu abstrahieren und zu sagen: „Hier ist der bloße, der nackte Mensch.“ Sie zwingt uns keine Venus, sondern die „Scheiße“ als Tatsache, aber auch als „Ausdruck“, als Hinterlassenschaft, als Form und als Kontinuum, biologische Sysiphos-Arie und was nicht alles wahrzunehmen. Im Grunde ist das der Fluss des Lebens aus Werden und Vergehen. Dass Menschen nicht nur ihrem Körper ausgeliefert sind und auch denkend etwas mehr als Mist hinterlassen wollen, dürfte klar sein. 

Mein Verständnis von Kunst ist, ein Publikum zum Nachdenken und zur Abstraktion zu bringen – formal und im Denken. Es geht nicht darum, die schöne Form oder den Ausdruck von etwas nur zu bewundern. Das ist zumindest mein Ansatz und davon würde ich als Pädagogentochter Leute gerne überzeugen wollen: „Schaltet Euer Gehirn ein, denkt über Eure Wahrnehmung nach!“. Geht ihr nicht auf den Leim. Geht erst in Euch und dann von Euch weg. Nur wenn man über die Wahrnehmung nachdenkt, denkt man über sich selbst nach, wie man in der Welt steht, wie man in die Welt guckt und wie andere auf Dich gucken. Das bringt einen wieder in dieses Menschsein und Sich-als-Mensch-in-der-Welt-behaupten und -entfalten, -mitteilen und dann auch teilen. Das ist ein menschliches Grundbedürfnis und die Digitalisierung macht da ja einiges möglich, nicht immer im Positiven. Es geht schon auch um Begreifen, sinnlich, aber auch intellektuell. 

As Du setzt Dich ganz intensiv mit künstlerischer Arbeit auseinander. Siehst Du Deine Arbeit an sich auch als Kunst an?

Al Das ist auch eine Frage, die mich sehr freut. Ja. Schon. Gerade in letzter Zeit habe ich darüber nachgedacht, weil ich froh und dankbar bin, dass ich angefangen habe, Kunsteinführungen zu halten. Ich wurde ursprünglich einmal vor ca. 10 oder 15 Jahren von der Kieler Gruppe „Kunst und Streben“ zu einer ihrer Aktionen gefragt. Dann hat sich lange nichts getan, weil ich viel mit journalistischem Schreiben zu tun hatte. Jüngst hat sich auch über die Gruppe „Kunst und Streben“ einmal über die „Hollywood-Schaukel“ und zwei Jahre später im Brunswiker Pavillon über eine große Plastikflaschen-Installation in Form eines Sportbootes, dem legendären Riva-Boot, für mich die Gelegenheit ergeben, eine Rede zu halten, die so eingeschlagen ist, dass ich gemerkt habe: Das ist hier nicht irgendein Vortrag, sondern die Leute waren sehr begeistert vom Inhalt, aber auch von der Art, mit der ich es vorgetragen habe. Mir ist es lieber, ein bisschen in die „Slam-Ecke“ zu gehen als in die steife Kunsthistoriker-Vortrags-Ecke, weil das sehr oft sehr langweilig ist. Gähn, wo ist der Sekt, der O-Saft und wo sind die Brezeln? Ich finde, man sollte auch als Rednerin eine Form frei wählen, im Dienst der Sache handeln und keine alberne Show machen, aber ein bisschen Humor kann nicht schaden. Das finde ich gut. 

Almut Behl vor “Hollywoodschaukel” (2014, Kunst und Streben), Foto: Jörg Meyer
Almut Behl am “Rivaboot” (2016, Kunst und Streben), Foto: privat

As Gucken wir nun auf die Kieler Kunstwelt. Gibt es da etwas, was Du vermisst oder wo man etwas tun könnte?

Al Oh ja, man kann immer etwas tun. Alle Institutionen und off-spaces machen gute Arbeit. Aber dass irgendwas Menschen allein deshalb nach Kiel lockt, ist wohl eher die Ausnahme. Ich finde es sehr schade, dass Kiel kein internationale Künstlerhaus hat, in dem Künstlerinnen/Künstler wohnen und arbeiten können. Das Atelierhaus im Anschar-Park ist prima. Der Ursprungsgedanke war ja, Kunst-Absolventen hier in Kiel zu halten. Das gelingt aber nur auf Zeit, mit Atelier-Stipendien. 

Ich bin neulich im traumhaften Hainbad in Bamberg geschwommen und wenn man sich dort in der Regnitz mit dem Strom treiben lässt, dann bewegt man sich automatisch auf die Villa Concordia zu. Das von Nora Gomringer geleitete Künstlerhaus lädt internationale und bereits etablierte Künstler für bis zu einem Jahr dort ein. Was soll man sagen? Die Bayern haben einfach mehr Geld. Es wäre natürlich ein Traum, wenn Kiel eine derart noble Institution hätte und Kiel auch namentlich und überregional dafür bekannt wäre. Im Land gibt es einiges, aber eher in kleinen Orten und einer Abgeschiedenheit wie die Wassermühle Trittau. Es gibt das Nordkolleg Rendsburg für Seminare und Projekte, aber für eine Landeshauptstadt Kiel wäre es ein Sahne-Tüpfelchen, wenn es ein renommiertes Künstlerhaus mit Residenzmöglichkeit gäbe. Literarisch sind wir ganz gut aufgestellt hier, musikalisch auch bis auf die sehr bedauerliche Streichung der Mittel für Neue Musik in Form des Vereins „Chiffren“. Aber auch für freie Theater sollte es mehr (Gestaltungs- und Proben-)Raum geben, wenn ich zum Beispiel an eine hervorragende Kieler Gruppe wie das „Schads-Ensemble“ mit ihrem Maskentheater auf den Spuren der Berliner Familie Flöz denke. 

As Danke Almut für Deine spannenden Antworten. Wenn man mehr über Dich und Deine Arbeit wissen möchte, wo kann man Dich z. B. im Internet finden?

Al Wenn es um die bloße Kontaktaufnahme geht, bin ich notgedrungen bei Facebook, allerdings eher auf privater Ebene. Ich habe aber angefangen zu bloggen. Der Blog heißt „Kopfzeichen Blog“ und ruht aktuell ein wenig. Ich habe lange mit dem Namen gerungen. Mittlerweile stehe ich nicht mehr ganz dahinter. Mit „Kopfzeichen“ verbinde ich das zustimmende Nicken. Die Assoziation mit Klopfzeichen liegt nahe, also dem Ruf aus dem Verborgenen. Aber eher augenzwinkernd verschwörerisch als aus einer Gefangenschaft um Hilfe rufend. Kopfzeichen ohne „l“ ist ein Begriff aus der Musik. Bei kopfzeichenblog.wordpress.com kann man Beiträge lesen, die schon ein bisschen älter sind. Es ist für mich aufgrund einer persönlichen Umbruchsituation aktuell nicht möglich, viel Neues dort zu posten, aber was nicht ist, kann ja wieder werden. 

(Anm.: Künstler = Künstler m/w/d)