Interview mit Dorothee Warlich

Dorothee Warlich, Theatermalerin aus Kiel

AB Vielen Dank, Frau Warlich, dass Sie sich bereit erklärt haben, bei unserer Interviewreihe „Menschen brauchen Bilder“ mit zu machen. Sagen Sie doch am Anfang ein paar Sätze zu Ihrer Person, woher Sie kommen und was Ihre aktuelle Tätigkeit ist. 

DW Ich bin Dorothee Warlich und komme ursprünglich aus dem Rheinland. Ich bin in Köln geboren und bin dort in der Nähe – in Meckenheim – aufgewachsen. Nach meinem Abitur habe ich ein Praktikum im Malsaal bei den Bühnen der Stadt Bonn gemacht und bin so zu meinem Beruf gekommen, der Theatermalerin. Nach einem weiteren einjährigen Praktikum habe ich eine Ausbildung als Bühnen- oder Theatermalerin absolviert und bin dann als Theatermalerin nach Kiel gekommen. Seit mittlerweile 15 Jahren arbeite bei beim Theater Kiel.

AB Was ist das Faszinierende an Ihrem Beruf? 

DW Er fasziniert mich immer mehr und ich merke, dass es genau mein Beruf ist, weil ich schon als Kind gerne Bilder abgemalt habe. Meine Liebe zum Detail ist es anscheinend, aber ganz genau kann ich das nicht beschreiben. Wenn ich ein Bild sehe, kann ich es mir gemalt vorstellen. Das gehört zu meinem Aufgabenfeld. Bilder, die ich in DINA4-Vorlage bekomme, muss ich auf verschiedene Formate vergrößern können. Es kann ein Gemälde sein, eine abstrakte Darstellung von Farbe und Form, oder eine Materialimitation wie Beton, Holz, Marmor, Metall, also jegliche Oberfläche. So haben wir die Möglichkeit, diese großflächig zu gestalten.

AB Man verwendet also kein Holz, wenn man eine Holz-Oberfläche benötigt, sondern man bemalt eine Fläche so, dass sie aussieht wie Holz?

DW In den meisten Fällen ist das so.

AB Können Sie uns noch ein bisschen genauer erklären, wie ein DINA4-Bild ganz groß gezogen und auch perspektivisch richtig wird? Es muss aus allen Ecken des Theaters oder des Opernhauses, egal ob man ganz unten oder ganz oben im Zuschauerraum sitzt, stimmen. Wie bekommt man das hin?

DW Dafür sind nicht wir zuständig. Wir imitieren nur das Bild, das uns der Bühnenbildner gibt. Wir bekommen eine 100% ige Vorlage in DINA3 oder DINA4 und vergrößern diese mit Rastern und dem angegebenen Maßstab. Ein Rasterfeld hat meistens eine Größe von 1 x 1 m. So entstehen für uns die Bilder. Letzten Endes ist der Bühnenbildner dafür zuständig. Er hat das Bild in seinem Kopf und anhand technischer Zeichnungen weiß er, wo die Zuschauer sitzen, also wie die Blickrichtung ist. 

AB Sie vergrößern das Bild, das Sie vom Bühnenbildner erhalten. Welche Möglichkeiten haben Sie noch, das Bild zu beeinflussen?

DW Im Prinzip gar keine. Der Bühnenbildner gibt alles komplett vor. Ich bin für die Umsetzung zuständig. Ich kann mir aber selber aussuchen, wie ich vorgehe und wie ich es umsetze. Die Farben sind meistens sogar nach RAL vorgegeben bzw. wir müssen möglichst zu 100% die Farbigkeit der Vorlage benutzen. Es ist wenig Spielraum, aber jeder bringt natürlich ein bisschen von seinem eigenen Stil ein. Sehen darf man das nicht. Es soll die Hand des Künstlers, also des Bühnenbildners, deutlich werden.

AB Der Bühnenbildner ist der Gestalter und Sie sind die ausführende Hand, der ausführende Kopf und Körper.

DW Ja.

Bild: bereitgestellt durch Dorothee Warlich

AB Wie viele Leute arbeiten an einem Werk parallel und wie organisieren Sie dies?

DW Es gibt Baubesprechungen und dabei wird auf der Bühne abgeschätzt, wie die Arbeitsschritte gestaffelt werden können. Es gibt ein Bühnenbild-Modell, was der Bühnenbildner anfertigt, es gibt technische Zeichnungen und es gibt eine Besprechung darüber, wie es gebaut werden kann. Es sind Schlosser, Tischler, Beleuchter und Tontechniker beteiligt. Die Werkstätten, die für das Künstlerische zuständig sind, umfassen die Schlosser, die Tischler und uns Maler. Die Schlosser und Tischler bauen das Bühnenbild und wir gestalten danach die Oberfläche.

AB Mit wie vielen Malerinnen oder Malern arbeiten Sie parallel? Wie vermeiden Sie, dass Sie sich gegenseitig behindern?

DW Wir sind zwei Maler und Lackierer und vier Theatermaler. Da wir im Jahr um die 40 Stücke haben, bekommt jeder sein Aufgabenfeld. Wir arbeiten auch einmal zu zweit an einer Malerei und da muss man sich absprechen: Wer was macht und wer welche Seite malt, damit es nach einer Handschrift aussieht. Es ist viel Teamarbeit.

AB Gibt es auch Bühnenbilder, die Ihnen gar nicht gefallen? Lesen Sie die Stücke vorher um zu sehen, ob das Bühnenbild zu dem Stück passt oder nicht?  

DW Das maße ich mir gar nicht an. Das Bühnenbild ist ja entstanden in einem Team von Regisseur und Bühnenbildner. Der Intendant ist auch daran beteiligt. Ich gucke mir die Stücke im Nachhinein gerne an. Zur Kultur und zum Arbeiten an einem Werk gehört für mich dazu, mir das Stück anzusehen. Es interessiert mich sehr.

ABEs gibt einen separaten Bühnenbildner, wie Sie sagten. Das ist also ein anderer Beruf als Bühnen-oder Theatermaler.

Ist Ihnen eigentlich manchmal zu viel oder zu wenig Bild auf der Bühne? Auch wenn Sie keinen Einfluss darauf haben: Wie empfinden Sie dies?

DW Es ist minimalistisch geworden auf der Bühne oder scheinbar minimalistisch. Die Arbeit ist die gleiche, weil genauso viele Wände, Stellagen usw. auf der Bühne stehen, aber es ist weniger Malerei dabei. Unser Berufszweig wird immer mehr von Druckmaschinen abgelöst. Da wir so viele Stücke haben, aber wenig Zeit, nutzen wir auch die Drucktechnik. Wir selber drucken nicht, aber wir lassen drucken. Ich finde es schade.

AB Seit wie vielen Jahren bemerken Sie diesen Umbruch oder seit wann wird das deutlich mehr?

DW Das merkt man schon seit 10-15 Jahren, seitdem ich hier in Kiel bin. Tapeten werden schon lange gedruckt. Für uns ist es natürlich weniger Arbeit, aber dafür gibt es andere Aufgaben, die nicht so viel Spaß machen – Anstreichen und Arbeitsflächen vorbereiten.

AB Also das klassische Malen wird weniger?

DW Ja.

AB Wie kompensieren Sie das?

DW Ich male immer wieder privat für mich.

AB Was malen Sie genau?

DW Ich male auch da Vorlagen ab, kann das aber viel freier gestalten. Mein Sohn wollte z. B. einen Panda-Bären gemalt haben. Ich habe mir überlegt, auf welchem Untergrund ich ihn malen könnte. Von einem Theaterstück war ein toller Druck mit Bambus übrig geblieben. Dort hinein konnte ich einen Panda-Bären platzieren und er hat dort wunderbar hinein gepasst. So konnte ich das, was für uns immer mehr zum Handicap wird, doch noch nutzen.

AB Sie haben es also kombiniert. Auf der Bühne wird wahrscheinlich auch beides gemixt.

DW Ja. Wir hatten Fälle, in denen dem Bühnenbildner Drucke nicht gefallen haben und wir die Drucke noch anpassen mussten. Es ist selten, weil die Computerbearbeitung eines Bildes natürlich auch immer weiter voran schreitet und viel einfacher geworden ist.

AB Zu den Bühnenbildern allgemein: Gibt es eines, was Sie ganz besonders begeistert hat oder dessen Anfertigung Ihnen ganz besonders viel Spaß gemacht hat?

DW Abstrakte, räumliche Bilder machen mir viel Spaß. Ich bin mir nicht mehr 100%ig sicher, wie das Stück hieß. „Antar“, glaube ich. Es war eine blaue Bühne, die sehr abstrakt dargestellt wurde. Durch die Position der Wände und Tücher hat es eine unheimliche Tiefe gehabt. Das tiefe, intensive Blau ist mir so im Kopf geblieben.

Gut finde ich es, Wände zu gestalten, bei denen man sich nicht ganz genau an einen Pinselstrich halten muss und wenn ich mit Farben und Formen spielen kann: mit Pinseln erzeugte Zufallsprodukte. Es sind aber gar keine Pinsel mehr bei uns, sondern Bürsten. Wenn also Zufälligkeiten entstehen und wenn der Bühnenbildner auch genau das möchte, freue ich mich.

AB Der Bühnenbildner lässt sich dann also auf die Zufälligkeiten und die besonderen Effekte, die dadurch entstehen, ein?

DW Genau.

AB Das ist aber ganz anders als das, was Sie sonst bevorzugen. Sie sagten ja, Sie malen gerne ab und das ist eng begrenzt.

DW Ja, das stimmt. Das widerspricht sich.

AB Brauchen Sie das eine zum Ausgleich des anderen? Wie ist es, wenn Sie privat malen. Kommt dann beides vor?

DW Ich bin nicht der Kopfmensch, der darüber nachdenkt, sondern ich mache es intuitiv. Oft erzeuge ich als Untergrund ein Farbenspiel und setze etwas Realistisches darauf oder ich habe eine bestimmte Assoziation z. B. zu einem Porträt und gestalte intuitiv den Untergrund. Da ist dann doch etwas Eigenes drin.

AB Es fließt ja sehr viel Energie in ein Bühnenbild. Was passiert, wenn eine Aufführung aus dem Programm genommen wird? Wird das Bühnenbild übermalt oder entsorgt?

DW Ein paar Standard-Bühnenelemente werden immer wieder verwendet, z. B. schwarze Wände. Ein Großteil des Bühnenstücks kommt aber in den Container. Oft sagt man sich: „Es wäre schade, wenn wir es wegwerfen. Vielleicht kann man es noch einmal benutzen.“ Es kommt auf den Fundus an. Wir haben einen großen Fundus mit Requisiten wie Möbeln, Skulpturen und dort stehen mit Sicherheit ein paar Wände, die darauf warten, wieder verwendet zu werden. Es ist natürlich auch eine Kostenfrage, aber meistens entsteht jedes Bühnenbild neu.

AB Sie sprachen eben kurz über Skulpturen. Sie arbeiten aber nur zweidimensional oder gestalten Sie auch Skulpturen?

DW Wir bemalen Skulpturen, die der Theaterplastiker herstellt.

AB Wird mit dem Plastiker besprochen, wie die Skulpturen genau bemalt werden?

DW Der Theaterplastiker ist genauso wie wir nur der Ausführende. Der Bühnenbildner gibt vor, wie die Bemalung aussehen soll, aber der Plastiker bestimmt den Untergrund.

AB Was macht Ihnen mehr Spaß? Wände oder 3D-Bemalung?

DW Ich glaube, die Mischung macht es. Ab und zu mal eine Figur zu bemalen ist auch schön, aber insgesamt mag ich doch das Zweidimensionale lieber.

AB Sie haben eben schon erwähnt, dass Bühnenbilder mehr und mehr auch gedruckt werden. Gibt es auch den Trend, dass Bühnenbilder projiziert werden?

DW Ganz oft. Wir hatten vor kurzem einen Bühnenbildner, der mit einem Comic-Zeichner zusammengearbeitet hat und die beiden haben eine bewegte Geschichte produziert. Die Darsteller wurden dort mit integriert. Das war eine wilde Mischung. Dann hatten wir ein Bühnenbild, bei dem Architektur projiziert wurde, so dass man das Gefühl hatte, man geht in einen großen Saal hinein. Projektion war während der letzten Spielzeiten immer wieder Thema, um uns, also dem Malsaal, vielleicht auch ein bisschen Arbeit abzunehmen. Wir stellen aber auch oft Untergründe her, auf die man projizieren kann.

AB Es wird also immer handwerklicher und weniger künstlerisch?

DW Ja.

AB Können Sie da so mitgehen?

DW Einen Ausgleich brauche ich auf jeden Fall, sei es, dass ich mit meinen Kindern zu Hause viel male und bastele und deren Zimmer gestalte oder für mich oder Freunde male. Man will ja zu Hause auch keinen Stapel Bilder sammeln. Ich plane keine Ausstellung.

AB Die Bilder müssen für Sie also einen praktischen Bezug haben?

DW Ja schon. Der praktische Bezug ist grundlegend für mich. Manchmal muss man auch etwas malen, was einem gefällt. Dann versuche ich meinen Mann zu überreden, das auch mal aufzuhängen.

Malerei: Dorothee Warlich

AB Welchen Bezug haben Sie zu Bildern ganz allgemein?

DW Für mich wäre ein Leben ohne Kunst, ohne Malerei und Gestalten definitiv ganz schrecklich. Es ist für mich wie essen und trinken. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen. Wenn ich mir Ausstellungen angucke, gefällt mir etwas oder mir gefällt es nicht. Es ist ganz schwierig zu bestimmen, was es ist. Ich finde es wichtig, den Künstler, also den Hintergrund zu kennen. Mir fällt es wirklich schwer, das zu beschreiben.

AB Ja, es dreht sich ja eigentlich um die Frage: Was ist Kunst? Das ist wahrscheinlich für jeden anders.

Haben Sie ein Bild von irgendeinem Künstler, das Ihnen im Kopf geblieben ist? Können Sie das Bild beschreiben?

DW Ich finde ja William Turner sehr gut, überhaupt Künstler, die aus ihrer handwerklichen Fertigkeit, aus ihrer Präzision und der Fähigkeit, Dinge präzise nach der Natur zu malen, etwas in die abstrakte Kunst hineinbringen. Das fasziniert mich.

AB Turner hat es ja genau so gemacht. Von ihm gibt es ja sehr naturgetreue Bilder, aber auch weit ins Abstrakte hineinreichende Bilder.

DW Ja, die Bilder sind sehr vielschichtig und sie haben eine große Tiefe. Faszinierend ist es immer, wenn man in einem Bild nicht das sieht, was es abbildet, sondern wenn mehr darin ist als man auf den ersten Blick wahrnimmt. Das mag ich bei anderen Künstlern gerne, aber ich selbst kann das, glaube ich, nicht so gut.

AB Wie kommen Sie darauf?

DW Weil ich gerne fotorealistisch male. Ich liebe die Präzision, also das zu malen, was man sieht.

AB Das ist auch schon eine Art Filter. Jeder hat eine andere Brille auf.

DW Absolut.

Malerei: Dorothee Warlich

AB Wenn Sie an die Bilder von Turner denken oder an andere Bilder, die Sie sehr beeindruckt haben: Was meinen Sie ist es, das so sehr berührt? Was ruft Emotionen hervor?

DW Ich glaube, es ist das, was man tagtäglich sieht, wenn man durch die Straßen geht. Ich glaube Kunst bricht das Ganze auf und bietet noch einmal einen anderen Blickwinkel darauf, auf Gebäude, Menschen, Gegenstände, so dass man es nicht nur so sieht, wie es wirklich ist. Es ist wunderschön, wenn man die Fähigkeit hat, das darzustellen, aber ich bewundere es auch wenn man sich etwas traut, z. B. ein Gesicht nicht in Hauttönen zu malen, sondern einmal ein krasses Gelb oder ein Rot mit hinein zu bringen und das aber so zu kombinieren, dass es trotzdem noch das darstellt, was es ist. Das fasziniert mich und ich möchte irgendwann dahin kommen, dass ich ein bisschen freier arbeiten kann.

AB Welche Rolle sollten Bilder im Hinblick auf die Zukunft unserer Gesellschaft übernehmen? 

DW Das ist auch eine wahnsinnig schwierige Frage.

AB Was wäre denn Ihr Wunsch?

DW Ich würde mir wünschen, dass Bilder die Menschen ein bisschen besser machen, aber das kann ein Bild ja gar nicht. Ein Bild kann jemanden begleiten und kann helfen, Dinge zu kompensieren. Es kommt ja immer darauf an, wer malt und wer betrachtet. Für den Künstler kann ein Bild eine Botschaft sein oder auch nicht. Ich bin nicht der Typ Maler, der eine Botschaft in ein Bild legen möchte oder belehren möchte. Die Gesellschaft an sich könnte sich ein bisschen friedlicher verhalten, nicht so egoistisch, aber meine Kunst drückt das nicht aus oder doch? Ich weiß es nicht. Ich finde Kunst wichtig für die Gesellschaft, um sich kennen zu lernen, und um andere Perspektiven, andere Blickwinkel einzunehmen, der ganzen Welt gegenüber offener zu sein. Es gibt so viele Kunst- und Ausdrucksformen.

AB Sie meinen, dass alle nebeneinander bestehen dürfen?

DW Genau.

AB Wenn man mehr über Sie oder Ihre Arbeit erfahren möchte, gibt es da etwas im Internet?

DW Ich bin nicht bei Facebook. Bei Instagram bin ich, aber mehr privat. Dort poste ich manchmal Bilder, auf die ich sehr stolz bin. Ich habe aber keine Ausstellungen geplant.

AB Wenn man ins Kieler Theater geht, sieht man ja Ihre Bilder.

DW Ja, ich habe sie natürlich nicht alle gemalt, aber ich habe an vielen mit gearbeitet.

AB Frau Warlich, vielen Dank für das spannende Gespräch!