Interview mit My Olsson

Foto: Christin Sylvander

AB My, ich freue mich, dass Du an der Interview-Reihe „Menschen brauchen Bilder“ teilnimmst.

MO Erzähle mir zuerst kurz, was Du machst.

AB Das ist eine längere Geschichte. Ich bin von Haus aus Apothekerin, aber habe meine pharmazeutische Tätigkeit letztes Jahr beendet, um mich als Coach selbstständig zu machen. Da ich auch Künstlerin bin, habe ich versucht, beides miteinander zu kombinieren und so ist „Coaching mit Bildern“ entstanden. Ich habe mich dabei auf hochsensible (HSP) und introvertierte Menschen spezialisiert. HSPs haben häufig eine Affinität zu ästhetischen Dingen, Kunst, Musik, Literatur. Diese Eigenschaft nutze ich im Coaching, indem ich Bilder als Vehikel für Impulse aus dem Unterbewussten einsetze.

Um das gesamte Potential zu ergründen, das in Bildern steckt, habe ich die Interview-Serie initiiert. Fotographen, Galeristen und Künstler wie Du – also Menschen, die in irgendeiner Weise mit Bildern zu tun haben, wurden dazu eingeladen. Mich interessiert die persönliche Sichtweise auf das Thema. 

MO Okay, nun weiß ich bescheid.

AB My, nun bist Du an der Reihe. Erzählst Du mir ein bisschen über Deine Geschichte, wie Du mit Bildern arbeitest, wie Du dahin gekommen bist, wo Du jetzt bist und wo Du lebst?

MO Ich male schon mein ganzes Leben lang. Ich bin aus Sri Lanka nach Schweden gekommen und bin von meinen schwedischen Eltern adoptiert worden, als ich drei Monate alt war.

Meine Eltern konnten mir nicht beibringen, wie man zeichnet oder malt, aber sie haben mich immer unterstützt und haben mir das Gefühl gegeben, dass ich mit Zeichnen und Malen den richtigen Weg eingeschlagen habe. 

Mit 15 Jahren hatte ich meine erste Ausstellung in der Schule und ich habe mit meinen Bildern einen Preis gewonnen. Von meinen Bildern wurden Postkarten gedruckt und an Tausende von Menschen verteilt. Ich glaube, das war der Start. 

Seitdem ich 17 bin habe ich regelmäßig ausgestellt und irgendwann musste ich mich entscheiden: Soll ich weiterhin zu 100 % als Künstlerin arbeiten oder soll ich irgendetwas studieren? Ich habe erst einmal viel gelesen und habe verschiedene Ausbildungen ausprobiert, auch ein Psychologie-Studium. Ich bin sehr an digitalen Medien interessiert und deshalb habe ich ein Master-Studium in dieser Fachrichtung abgeschlossen. Aber ich hatte noch immer das Verlangen in mir zu malen, nicht nur digital. So habe ich 2005 damit begonnen, meine Karriere als Künstlerin aufzubauen.

Ich habe mir einen Namen für meine Website überlegt. Ich heiße „My“ und deshalb heißt meine Seite mydesign.se. Ich habe hin und wieder gemalt und immer mehr Menschen mochten meine Website und das, was ich tat.

12 Jahre lang habe ich für eine Bank in Schweden im Marketing gearbeitet. Es ging um digitales Marketing und das war für mich sehr inspirierend. Es war aber keine Arbeit mit dem Bleistift oder Buntstift.

Ich habe zu 100 % in der Bank gearbeitet und in meiner Freizeit und an den Wochenenden habe ich gemalt. Heute arbeite ich zu 70 % in einer anderen Firma als Art Director und als ein User Interface Designer und der Rest fühlt sich auch wie 70 % an. Es ist also 50 : 50 und ich stelle so oft aus wie es mir möglich ist.

AB Du hast damit eigentlich schon zwei von meinen nächsten Fragen beantwortet. Ich habe Deine Bilder auf Deiner Website angesehen und ich mag sie, weil man so vieles in ihnen entdecken kann. Wie bringst Du die Arbeit mit Deinen Händen, also die klassische künstlerische Arbeit und die digitale Technik zusammen? Brauchst Du beides gleichermaßen oder wäre es eine Perspektive für Dich, nur mit Deinen Händen künstlerisch zu arbeiten?

MO Das wäre ein Traum. Ich habe aber nicht den Mut zu springen. Zwei Tage pro Woche arbeite ich im Büro und einen Tag zu Hause. Ich kann selbst entscheiden, wann ich anwesend sein will und das ist eine perfekte Lösung für mich. Es ist gut zu wissen, dass ich am Ende des Monats mein festes Gehalt bekomme. Ich habe ja immer noch die Fähigkeit, eine gute Graphik-Designerin zu sein und ich liebe die digitale Welt auch sehr. Wer weiß, vielleicht kann ich beides irgendwann zu einer Einheit werden lassen. Momentan ist es gut, in beiden Welten zu leben.

Wenn man die digitale Welt nutzen möchte, muss man sicher stellen, dass man immer auf dem neuesten Stand der Entwicklung ist. Außerdem bekomme ich aus der digitalen Welt auch Inspirationen für meine künstlerische Arbeit. Viele Menschen sagen beim Betrachten meiner Bilder „Ich kann sehen, dass Du eine Graphik-Designerin bist“, wahrscheinlich, weil ich sehr detailliert arbeite. Ich kombiniere also die runde Welt mit der eckigen.

AB Lass uns einmal Deine nicht-digitalen Bilder betrachten. Ich habe eine Menge wiederkehrender Symbole darin gesehen – Totenköpfe, Vögel, Blumen, Zahnräder. Erklärst Du mir das ein bisschen? Was hat Dich dazu angeregt?

MO Es steckt immer eine tiefere Bedeutung dahinter. Jeder kann selbst entscheiden, was er darin sehen will. Ich versuche aber, einen roten Faden in meinen Bildern zu erzeugen. Ich weiß, was ich den Menschen mit meinen Bildern erzählen möchte, aber jeder Betrachter sieht die tiefere Bedeutung auf seine persönliche Weise. Die Kombination der Symbole ist dabei auch sehr relevant.

In 70 % meiner Bilder taucht das Symbol der Welt irgendwo auf – versteckt oder ganz klar sichtbar. Ich habe einen Gummi-Stempel dafür benutzt. Drei Anläufe habe ich gebraucht, um ihn zu schnitzen, denn immer hatte ich Neuseeland vergessen. Ich wollte aber, dass alle Länder dieser Welt zu sehen sind.

AB Ich konnte nicht herausfinden, wie groß Deine Bilder sind.

MO Von ganz klein bis 1,50 x 2,00 m.

AB Also deckst Du ein großes Spektrum ab.

MO Ja, aber am häufigsten nehme ich eine mittlere Größe, die gut zu händeln ist.

AB Nun zu Deiner Website. Dort habe ich entdeckt, dass Du auch Drucke Deiner Bilder verkaufst. Ist das richtig?

MO Ja, das stimmt. Von einigen Bildern habe ich eine Klein-Edition herausgebracht.

AB Machst Du das nur aus kommerziellen Gründen oder steckt noch etwas anderes dahinter?

MO Als Künstler brauchst Du einfach ein gewisses Einkommen, damit es weitergeht. Das ist der Grund, warum ich es tue.

AB Ja, das verstehe ich und es ist eine gute Idee, weil Du ein Bild auf diese Weise ganz vielen Menschen geben kannst.

MO Vor kurzem habe ich mein Angebot verändert. Vorher gab es von einem Bild mehrere Hundert Fine Art Prints, aber ein Galerist gab mir den Tip, nur 10 bis 25 Drucke anfertigen zu lassen. Nun male ich mehr Bilder, aber lasse nur wenige Exemplare pro Bild drucken.

AB Hast Du schon einmal digitale und manuell erzeugte Elemente in einem Bild kombiniert?

MO Ich habe das früher öfter gemacht, Malerei in Kombination mit Digitalem, aber nun ist es so, dass meine digitale Arbeit aus meinem Kopf kommt und nicht aus dem Computer und so erscheint sie dann auf dem Papier oder der Leinwand.

AB Die Interview-Serie heißt „Menschen brauchen Bilder“. Wie ist Deine Beziehung zu Bildern generell?

MO Ich sehe mich gerne in den digitalen Medien um, sehe mir dort Bilder an, um mich inspirieren zu lassen. Außerdem reise ich ganz viel und so oft ich kann. Deshalb taucht die Welt in vielen meiner Bilder auf. Wir brauchen mehr Verbindungen zwischen den Ländern dieser Erde. Das Reisen, das Kennenlernen verschiedener Kulturen erzeugt Demut in uns und eröffnet uns neue Lebens-Perspektiven.

AB Deine Bilder sind eine Sammlung von persönlichen Eindrücken von dieser Welt. Fasst es das zusammen, was Du gesagt hast?

MO Ich male manchmal ganz normale Objekte, die jeder gewohnt ist zu sehen. Ich zeige Dir hier ein Beispiel, an dem ich gerade arbeite. (My hält ein Bild mit einem großen bunten Hasen in die Kamera.)

AB Womit hast Du hier gemalt? Mit Aquarellfarben oder mit Acrylfarben?

MO Ich habe Aquarellfarben, Bleistift, Tinte und Acrylfarbe verwendet. Gemalt habe ich es auf schwerem Papier (300 g/qm).

Du hast es wohl schon gesehen: Ich mag kräftige Farben. Ich nehme auch Schwarz und Weiß, aber ich mag es, wie Farben unser Gefühl beeinflussen. Wenn wir nach Hause kommen oder wohin auch immer, sollten wir dort mit guten Gefühlen bombardiert werden anstelle mit dunklen oder traurigen Dingen, denn ich versuche, auf der positiven Seite des Lebens zu leben. Wir müssen die Momente finden, in denen Freude zu uns kommen kann. Es ist wichtig für uns und unsere Gefühle.

AB Ich vermute, dass Du immer in der Stimmung für leuchtende Farben bist. Deine Bluse ist auch sehr bunt.

Wie geht es Dir, wenn Du nicht künstlerisch arbeiten kannst, weil Du vielleicht Verpflichtungen hast?

MO Oh, ich brauche die künstlerische Arbeit. Manchmal musst Du aber auch trainieren, um Dich gesund zu halten, aber das ist wahrscheinlich nicht das, was Du gemeint hast.

Es kann frustrierend sein, wenn ich meine Gefühle nicht auf der Leinwand ausdrücken kann. Das ist es wohl. Die Malerei ist eine Art Ausdruck von Dir selbst. Das ist es, was Malerei einzigartig macht. Ein Leben ohne Malerei – das wäre wirklich traurig.

Ich habe einmal Basketball gespielt. Dabei bin ich gestürzt und habe meine Hand verletzt und dann ist mit bewusst geworden, wie wichtig meine Hände sind.

AB Was denkst Du über die Rolle der Kunst in unserer Welt, nicht nur in Deiner eigenen, sondern auch generell?

MO Ich glaube fest daran, dass Bilder etwas in uns wachsen lassen. Überall, wo wir hinschauen, meinen wir, etwas von uns selbst zu entdecken. Manchmal können wir bei den Bildern, die uns umgeben, entscheiden, was wir darin sehen wollen und was wir nicht sehen wollen. Ganz generell, glaube ich, dass der Trend zu farbenfroheren Bildern geht. Die Menschen wollen glücklich sein. Wer möchte das nicht? 

AB „Glücklich“ ist das Stichwort. Was meinst Du, muss ein Bild haben, um den Betrachter emotional zu berühren?

MO Wenn jemand Erinnerungen an etwas hat, sobald sie/er ein Bild betrachtet, das sie /ihn anspricht, dann werden Emotionen ausgelöst. Das ist der Grund, warum Menschen Bilder kaufen. Sie denken, sie haben etwas gemeinsam mit dem Bild oder etwas in dem Bild hat eine Bedeutung für sie. Es ist wie sich zu verlieben, wenn man ein Bild ansieht.

AB Ist es für Dich ok, wenn jemand Deine Kunst kauft, ohne davon emotional berührt zu werden?

MO Ja, denn es wird dann andere Menschen geben, die das Bild irgendwo betrachten.

AB Ist das bei Graphik-Design-Arbeiten ähnlich, z. B. bei Logos? Denkst Du, dass da die gleichen Elemente notwendig sind, um Menschen anzusprechen?

MO Es ist sehr wichtig, dass Du mit Deinem Ausdruck den Nerv der Leute triffst – in Abhängigkeit vom Kunden, seiner Arbeit und seiner Umgebung. Du musst das große Ganze verstehen, um sicher zu sein, welche Farben und Elemente in einem Logo z. B. enthalten sein sollten. Es muss etwas Interessantes sein, das in Erinnerung bleibt. Es muss besonders und einzigartig sein.

AB Ok, wahrscheinlich gibt es ein umfangreiches Interview mit dem Kunden, bevor Du mit der Gestaltung beginnen kannst. Du hast bestimmt eine Liste mit Fragen, die Du immer stellst, um bis zum Kern der Person oder Firma vorzudringen?

MO Das ist das Fundament. Wenn das nicht gut ist, wird auch das Ergebnis nicht gut sein.

AB Da sehe ich den Link zu Deinem Psychologie-Studium, von dem Du zu Beginn erzählt hast.

MO Es ist eine Kombination aus digitaler Arbeit, Psychologie und Kunst. Ich mag es, wenn ich die Menschen mit meiner Kunst erreiche und hören kann, was sie fühlen, wenn sie meine Arbeiten betrachten. Sie erzählen mir viele unterschiedliche Geschichten und am Ende hat alles mit ihnen selbst zu tun.

AB Das war meine letzte Frage. Hast Du noch etwas, was Du uns gerne mitgeben möchtest?

MO Ich möchte in die Welt hinaustragen, dass wir mehr Freude brauchen und mehr aufheiternde, farbenfrohe Bilder.

AB Sagst Du uns noch, wo wir mehr über Dich erfahren können? Im Internet oder woanders.

MO Ich bin einige Male von Zeitungen interviewt worden und ich habe über Ostern eine Ausstellung in Südschweden gehabt. Eine größere Ausstellung mit 60 Bildern von mir wird es den ganzen September hindurch in Stockholm in der „Galleri Anigo“ geben (www.anigo.se).

Hier bin ich im Internet vertreten:

Website www.mydesign.se
Facebook www.facebook.com/mynirmaleedesign

Instagram @mydesignmy

Letztes Jahr fand das „Euro Pride“-Festival in Schweden statt. „Pride“ wird jährlich in der Hauptstadt gefeiert. „Euro Pride“ wird jedes Jahr in einer anderen Stadt veranstaltet. Es ist ein riesiges Event und ich wurde gefragt, ob ich als Künstlerin teilnehme. Es hat eine große Bedeutung für mich, dort eines meiner Bilder zu präsentieren. Es heißt „Celebrating Love“ und zeigt zwei Weingläser, die sich zu einem Herz zusammensetzen. In den Gläsern ist das Universum zu sehen. Ich wollte eine Kombination von Universum, Wein und Liebe haben. 

My Olsson, „Celebrating love“, 43 x 34 cm (ohne Rahmen)

Eine Kleinigkeit habe ich vergessen zu erzählen, als wir über Symbole gesprochen haben. In meinen Bildern gibt es üblicherweise Zahlen und das Alphabet, herumfliegende Buchstaben. Die Leute fragen mich „warum?“ . Die Buchstaben fliegen umher, aber letzten Endes bilden sie Sätze. Sätze, die wir uns sagen. Ich denke, es ist sehr wichtig, wie wir dieses tun. Sätze sind das Fundament unserer Kommunikation und ohne gute Kommunikation können wir keine Liebe untereinander finden. Für mich sind die Buchstaben ein Symbol für die Bedeutsamkeit guter Kommunikation.

AB Danke, My, das war ein schönes finales Statement. Ich danke Dir sehr für Deine Zeit und dieses großartige Interview.

Als kleines Extra und als Alternative zum klassischen Lebenslauf, wie man ihn in Bewerbungsmappen liest, gibt es My’s Lebenslauf hier noch einmal komprimiert als Bild: