Interview mit Shi Shi und Ying-Chih Chen, Cube+ Gallery

Shi Shi und Ying-Chih Chen, Foto: Esteban Perez

AB Vielen Dank, dass Ihr Euch bereit erklärt habt, an der Interviewreihe “Menschen brauchen Bilder” teilzunehmen. Könnt Ihr zu Beginn ein paar Sätze zu Euch sagen, wer Ihr seid, woher Ihr kommt und was Eure aktuelle Tätigkeit ist?

Y Ich heiße Ying-Chih und ich komme aus Taiwan. Ich habe hier in Kiel an der Muthesius-Kunsthochschule Freie Kunst studiert. Im April 2018 habe ich das Studium mit einem Master abgeschlossen. Danach habe ich mich dazu entschlossen, zusammen mit Shi Shi eine Galerie auf zu machen. Wir haben gemerkt, dass viele Leute Kiel nach dem Studium verlassen, vielleicht weil hier ein Ort fehlt, an dem man sich als Künstler präsentieren kann. Deshalb haben wir einen gut erreichbaren Galerie-Raum an einer Straße in der Nähe einer Kreuzung gemietet. Kunst soll nicht in einem Raum verschwinden, sondern gut sichtbar sein, wenn man vorbei läuft. Oder man öffnet in 2-3 Sekunden die Tür und dann hat man die Kunst vor Augen. So ist das ganz einfach.

Um Kunst kennen zu lernen, muss man keine besondere Ausbildung haben. Kunst ist einfach Alltag.

S Ich bin Shi Shi und ich komme aus China. Ich habe auch an der Muthesius-Kunsthochschule studiert und studiere dort immer noch Illustration. Vor 10 Monaten habe ich mit Ying-Chih zusammen die Galerie eröffnet. Wie Ying-Chih gesagt hat, kann man bei uns Kunst in einer Schaufenster-Situation sehen. Man kann hinein kommen und man kann die Kunst auch betrachten, wenn wir geschlossen haben. Wenn Du Angst hast, entscheidest Du selbst, ob Du durch die Scheibe schaust oder herein kommst. Wir haben oft Leute, egal welchen Alters gesehen, wie sie unter ihrer Hand hindurch neugierig durch die Scheibe geguckt haben. Auch wenn sie zu schüchtern sind, herein zu kommen – es ist egal. Hauptsache, sie interessieren sich für Kunst und sind neugierig, auch wenn sie sagen, dass sie von Kunst keine Ahnung haben.

Foto: Esteban Perez

Letztes Jahr hatten wir einen Stand im Schlossgarten auf der Kieler Woche. Für den Stand haben wir Bilder von befreundeten Künstlern ausgesucht. Wir hatten damals noch keine Galerie.

Viele Leute kamen an unseren Stand, auch aus anderen Ländern. Sie hatten auf der Kieler Woche überhaupt keine Bildende Kunst erwartet. Wir wurden gefragt, wo man uns in Kiel finden kann. So kamen wir auf die Idee, uns einen festen Ort für junge Kunst, eine Galerie zu suchen. Es sollte eine Galerie für die Kunst sein, die wir gut finden und es sollte ein Raum sein, bei dem man keine Angst hat, ihn zu betreten. 

Wir erklären den Besuchern gerne die ausgestellte Kunst und unser Konzept.

Y Ja, wir diskutieren gerne mit den Leuten. Wir lassen die Leute nicht einfach herein und sagen: „Sie kommen zurecht, nicht?“ und verschwinden dann wieder. Wir fragen, ob wir die Besucher begleiten dürfen. Wir erklären gerne, warum wir die gezeigten Künstler ausgesucht und miteinander kombiniert haben und was das Thema der Arbeiten ist.

Die Leute haben oft Angst vor Kunst. Sie brauchen einen Eingang, über den sie in die Kunst eintreten können. Wir sind Türöffner, diese Verbindung.

AB Damit habt Ihr schon ausgedrückt, was Euch an der Galeristinnen-Tätigkeit fasziniert. Möchtet Ihr dazu noch etwas ergänzen?

Y Ich spreche nicht so gerne. Ich bin eher ein stiller Mensch und ich drücke meine Meinung nicht so gerne aus. Außerdem ist Deutsch nicht unsere Muttersprache und das macht es noch eine Stufe schwieriger. Ich mag aber Herausforderungen. Galeristin zu sein ist eine Vermittlungstechnik, die auch ohne Sprache funktionieren muss. Ohne uns bekommt aber nicht jeder Zuschauer Zugang. Ich möchte nicht einfach nur da stehen. Deswegen habe ich zu dieser Herausforderung „hallo!“ gesagt. „Okay, ich bin bereit. Ich mache etwas, ich spreche“. Vielleicht schlecht, aber trotzdem spreche ich und ich vermittle. Zum Beispiel meine Mutter meint: „Ach Kunst! Ich habe nicht Kunst studiert und ich verstehe das nicht.“

S Dann ist der Dialog ja schon gestorben. So geht es ja nicht.

Y Wir haben sehr oft gehört: „Ich habe nicht studiert!“ Dann denke ich: Warum? Wie schade! Jeder kann etwas zeichnen, wenn er einen Stift in der Hand hat. Schreiben ist auch eine Art zu zeichnen. Jeder kann das. Und als Kind hat jeder mal ein Kaninchen oder ein kleines Figürchen gemalt. Warum sagt man in der Erwachsenenwelt: „Ich habe nicht studiert, sorry. Aus der Diskussion bin ich raus!“? Das finde ich sehr, sehr schade. Die Herausforderung ist kleiner geworden, denn ich habe gesehen, dass es notwendig ist, dieses Problem aufzulösen. Deshalb habe ich mir gesagt: „Okay, dann spreche ich“. Das ist jetzt meine Aufgabe. Ich habe Kunst studiert und ich glaube, ich bin dafür da – als Vermittlerin.

S Für mich ist das genauso interessant, wie Ying-Chih erzählt hat. Wir haben am Anfang einfach Lust gehabt, Ausstellungen zu organisieren. Nun nach ein paar Monaten haben wir gemerkt, dass wir auch Vermittler sind zwischen Betrachtern und Kunst, zwischen Künstlern und Betrachtern und in der Beziehung zwischen den Künstlern mit uns als Galeristinnen. Wir müssen mit allem klar kommen und alles bedenken. Wir müssen überlegen, wie Kunst auszuwählen ist. Es gibt junge Künstler, die sich unterschätzen und es gibt auch junge Künstler, die sich überschätzen. 

Wir müssen der Mittelpunkt sein und dem Betrachter erzählen können, warum wir unsere Kunst gut finden. Wir diskutieren sehr gerne mit den Leuten und fragen sie, ob sie die gezeigte Kunst mögen und ob sie sie verstehen. Wir fragen, ob die ausgewählten Künstler gut zusammen passen oder nicht. Wir bieten einen Dialog, an den man sich normalerweise nicht herantraut. Eine bekannte Kuratorin hat uns ein Buch empfohlen, das „Kunst hassen“ heißt. Man kann Kunst kritisieren. Man kann sagen: „Das finde ich nicht gut!“, aber dann bietet man einen Zugang an, indem man darüber redet. Es ist gar kein Problem, Kunst zu kritisieren.

Es kommen auch Leute zu uns, die sagen: “Eure Wand ist ja gar nicht gestrichen, Katastrophe! Das ist ja gar nicht fertig.“ Dann können wir auch darüber reden, warum wir das so machen.

Y Was ist die Definition von „unfertig“? Wir sind froh, wenn Leute zur Diskussion kommen. Momentan lernen wir etwas und wir bieten auch etwas an. Es ist ein Hin und Her. Es ist nicht so, dass wir nur etwas anbieten. Es ist ein Austausch. Wenn wir einmal keine Lösung haben, haben wir noch unsere Professoren und alle möglichen Leute, die diese Situationen mit uns auflösen können. Wenn wir ein Problem haben, fragen wir andere Leute. Wie sagt man? Input – Output.

AB Habt Ihr ein Beispiel für solch ein Problem? 

S Wir haben uns z. B. gefragt, welchen Charakter unsere Galerie haben soll und ob wir einen besonderen Charakter haben müssen. Das haben wir mit Kuratoren diskutiert.

Y Wir müssen Erfahrungen sammeln, wie man Ausstellungen organisiert. Deshalb fahren wir nach Berlin, nach Hamburg, überall hin und gucken Ausstellungen an. Das ist unsere „Nahrung“. Wir können unsere Künstler nicht auslosen. Wir müssen uns schon zu 80% sicher sein, dass es eine Chemie gibt zwischen den ausgewählten Künstlern, ob sie technisch zusammenpassen und ob es ein gemeinsames Thema gibt. Das Geschäftliche muss auch stimmen und das Vertrauen muss da sein. Es gibt also viele Probleme zu lösen, aber wir sind froh darüber, denn aus Problemen lernt man. Wenn es wie im Paradies wäre, wäre es irgendwann langweilig.

S Egal, was Du machst – ob Du Galerist oder Künstler bist: Du hast immer Fragen in Deinem Leben, aber das ist kein Problem. Du kannst Dir immer eine Beratung holen, in vernünftigem Ton nachfragen. Du musst aber darüber nachdenken, was Du gerade brauchst. Du musst die Kerndinge heraussuchen und genau dafür eine Lösung finden.

Y Momentan passt es auch nicht mehr, dass man nur eine Identität hat. Z. B. bin ich Künstlerin + (crossover) Galeristin. Shi Shi ist auch Künstlerin + (crossover) Galeristin.

AB Danach wollte ich Euch fragen: Inwieweit seid Ihr jetzt noch parallel künstlerisch tätig? Shi Shi, Du studierst noch und deshalb ist es klar, dass Du noch künstlerisch arbeitest, aber Ying-Chih, wie machst Du das?

Y Irgendwie. Wir müssen Zeit dafür finden. Es ist schwierig. Jeder Tag hat nur 24 Stunden. Ein Zeitplan ist sehr wichtig. Wir arbeiten sehr gut zusammen. Wir haben unsere Aufgaben geteilt. Shi Shi macht eher gestalterische Dinge und ich baue gerne Ausstellungen auf. Ich habe Kunst studiert und kann gut mit meinen Händen arbeiten. Das bedeutet nicht, dass Shi Shi das nicht kann, aber ich spiele beim Aufbauen die Hauptrolle und Shi Shi beim Design. Wir stimmen uns dabei ab. 

Momentan habe ich drei Jobs: Ich bin Galeristin, ich arbeite in der Gastronomie und ich gebe zwei Kurse an der VHS. Momentan habe ich das sehr gut organisiert. Man darf nur nicht in diesem Moment an etwas anderes denken. Wenn ich an der VHS arbeite, dann konzentriere ich mich nur auf den VHS-Job. Ich denke nicht: „Oh, ich habe noch sehr viele Aufgaben in der Galerie zu erledigen.“ Das irritiert nur. Wenn Du in einer Situation bist, dann sei in dieser Rolle perfekt. Dann kriegt man bessere Ergebnisse.

S Man muss sich von anderen Dingen dann trennen können.

Vor ein paar Monaten, als die Galerie noch im Aufbau war, konnten wir uns an nichts orientieren. Damals haben wir sehr viel Zeit in die Galerie investiert und seitdem die Galerie in Fahrt ist, wissen wir, wann wir Zeit für andere Dinge haben und können das mit unseren Partnern abstimmen. Diese Struktur mussten wir erst aufbauen. So können wir auch unsere Kraft besser einteilen. Man hat nur eine bestimmte Menge an Kraft.

AB Zu Eurem Galerie-Konzept habt Ihr schon einiges gesagt. Möchtet Ihr dazu noch etwas ergänzen?

S Wir haben am Anfang gesagt: „Zusammen schaffen wir mehr.“ Unser Konzept ist, dass wir immer mindestens zwei Künstler einladen. Crossover – größtenteils aus unterschiedlichen Fachrichtungen und es müssen auch nicht alle aus der Bildenden Kunst sein. Es kann z. B. auch ein Musiker dabei sein. Das Konzept ist offen für alles. Es ist wichtig, unseren Raum zu bespielen, miteinander und mit dem Raum in einen Dialog zu treten. Es sollen nicht nur Bilder an die Wand gehängt werden, sondern es soll eine raumbezogene Arbeit entstehen. Die Künstler sollen miteinander diskutieren und eine gute Atmosphäre aufbauen. Dann versteht man, warum die Künstler zusammen arbeiten. Z. B. hat Doro* in der aktuellen Ausstellung – so empfinden wir es als Betrachter – sehr viel Gefühl erzeugt und Jisu* erzählt ganz viel über Gefühle von unterschiedlichen Menschen.

Y Das eine ist sichtbar, das andere unsichtbar. Beides hat mit Empfindlichkeit, Gefährlichkeit zu tun. Bei Jisu ist es mehr die Situation, die man fühlen kann, in der man aber nicht denkt. Bei Doro ist es sichtbar, dass man sehr nah an einer Gefahr dran ist. Eines ist mehr innerlich, das andere mehr außen. Das ist das kollektive oder gemeinsame Thema und aus diesem Thema heraus haben wir die beiden ausgesucht.

Dorothee Brübach & Jisu Jeong: Touchable / Untouchable, Medienkunst und Keramik-Installation, Cube+ Gallery, Foto: Esteban Perez

S Wir machen nicht nur Ausstellungen mit unseren Künstlern, sondern wir bleiben auch danach in Kontakt. Wir stellen nicht nur Künstler aus Kiel aus und wir bitten die Künstler, die hier waren, zu uns zurück, um in unserem Raum zu diskutieren. 

Eine Künstlerin, die wir eingeladen hatten, hat ein Stipendium in L. A. bekommen und bevor wir das wussten, hatten wir mit ihr darüber gesprochen, ein Heft über Kunst mit ihr heraus zu bringen. So kommt der Ball immer mehr und mehr ins Rollen. Wir bringen die Künstler nach den Ausstellungen wieder in dieser Art zur gemeinsamen Arbeit zusammen. Wir versuchen, jedes Jahr ein bis zwei Kunst-Hefte mit Künstlern zu machen.  

Unsere Website und die Kunst-Hefte werden von einem Design-Studio (White Title Studio, www.white-title.de) aus Kiel gemacht. Es sind ehemalige Muthesius-Absolventen. Das ist unser Raum – wir versuchen, sie alle wieder zurück zu ziehen, aber wir stellen nicht nur Kieler Künstler oder Kieler Kunst aus. Wir sind international, weil wir beide auch keine Kielerinnen sind. So ist unser Profil und wir wissen, dass wir mehr Künstler aus anderen Ländern einladen könnten, wenn wir ein höheres Budget hätten, z. B. für Künstler aus Asien. Das ist unser großes Ziel und wir sind auf dem Weg dahin.

S Man kann das Stück für Stück erreichen.

Unsere zehnte Ausstellung hieß „Somehow it happened“** mit einer Keramikerin und einer Illustratorin. Die Betrachter treffen sich auch in diesem Moment. Manche sind für Illustration hin gegangen, manche für Keramik. In diesem Moment müssen sie beides zusammen betrachten. Vielleicht mag jemand, der sonst nur Illustration anschaut, gar keine Keramik ansehen und vielleicht mag jemand, der sonst nur Keramik anschaut, keine Illustration ansehen. 

Y In diesem Moment sind sie aber ein bisschen dazu gezwungen. Wir bauen mit Absicht solch eine Atmosphäre auf. Die Leute sind mittendrin und in diesem Gefühl. Das ist unser Konzept.

S Zu unserem Konzept gehört auch unser kleiner Shop. Darin haben wir die Arbeiten von Muthesius-Studenten und -Absolventen gesammelt. Wir bieten dafür eine Plattform. Z. B. gibt es Postkarten, also nicht so hochpreisige Arbeiten. Jeder kann diese Arbeiten kaufen. Solche alltagsfreundlichen Arbeiten nehmen wir auch mit zur Kieler Woche, z. B. Hefte mit Illustrationen, so dass man keine Angst davor hat, weil es vielleicht zu hochwertig ist. Leute, die so etwas kaufen, kommen auch in unseren Shop und werden dann durch den Galerieraum gehen und schauen sich nebenbei Kunst an. Dadurch locken wir mehr Leute an, die dann auch unsere Ausstellungen besuchen. 

Y Der Shop ist für Studierende oder Künstler. Es ist ein fester Ort, an dem sie eigene Sachen verkaufen oder präsentieren können. Die Muthesius-Kunsthochschule hat nur drei Tage im Jahr für eine Ausstellung geöffnet („Einblick-Ausblick“). Unser Shop ist ein Ort, an dem die Studierenden außerdem versuchen können etwas zu präsentieren und zu verkaufen. Im Moment, in dem etwas verkauft worden ist, ist der Käufer froh darüber, eine schöne Sache bekommen zu haben und die Studierenden freuen sich auch: „Ja, heute wollte jemand meine Arbeit haben und ich habe ein bisschen mehr Taschengeld“ .

S Ich diskutiere mit den Studierenden, was im Markt funktioniert und helfe ihnen, sich ein bisschen daran zu orientieren. Meistens geht es gar nicht um das Motiv. Einige Künstler geben aber z. B. zerknickte Plakate auf schlechtem Papier ab. Dann sage ich: „Du musst das auf gutem Papier drucken, damit die Leute Deiner Arbeit respektvoll begegnen. Du hast so viel daran gearbeitet.“ Ich gebe den Studenten Tips, wie sie ihre Arbeiten besser präsentieren können – auf welchem Papier sie drucken sollten und welches Material sie zum Verpacken nehmen sollten, damit die Leute wissen, dass sie Kunst und nicht einfach eine „Wurscht“ gekauft haben.

Y Wenn Du Deine Sachen nicht selbst respektierst, wer soll sie dann respektieren? Wir spielen also auch eine Erziehungsrolle.

AB Nun zum Thema Geld. Von irgendetwas muss man als Künstler und auch als Galerist ja leben. Wie geht die Rechnung für Euch auf?

Y Momentan werden wir von der Muthesius-Kunsthochschule im Rahmen eines Förderprojektes unterstützt. Wir werden demnächst zur Stadt gehen, um eine weitere Förderung zu bekommen. Wir müssen es aber auch selber mit finanzieren. Ich glaube, wir können das nur durch Kunstverkauf schaffen, über die Galerie. 

AB Wer ist denn Eure Zielgruppe? An wen verkauft Ihr hauptsächlich oder was wünscht Ihr Euch da?

S Ich wünsche mir, dass Sammler zu uns kommen. Das müssen wir Stück für Stück aufbauen und wir müssen unsere Künstler aufbauen, auch über unsere Website. Unter dem Namen des Künstlers kann man die Arbeiten anschauen. Die Sammler können uns darüber kontaktieren und Arbeiten direkt ansehen. Wir bieten einen Termin dafür an und dann können wir zusammen diskutieren. So würden wir es gerne in der Zukunft sehen.

AB Ihr nehmt Eure Künstler dann also unter Vertrag?

S Wir haben bisher keine festen Kooperationen, aber es gibt immer einen Vertrag zur rechtlichen Absicherung. Es war von Anfang an so, dass es Verträge mit den Ausstellern gab und die Kunst ist auch versichert. Wir möchten professionell sein.

Y Es gibt überall Sammler, aber wie können wir die Sammler dazu bringen, bei uns Kunst zu kaufen? Das ist unsere Hausaufgabe. Ich habe von Dozenten und anderen Leuten gehört, dass es in Kiel Sammler gibt, die Kunst kaufen, aber nicht in Kiel. Vielleicht kaufen sie Kunst auf Messen, z. B. in Hamburg.

S Zumindest haben wir das gehört. Genau wissen wir das nicht.

Y Wir wissen es nicht, aber bisher sind nicht so viele Sammler zu uns gekommen. Wie schaffen wir es, dass mehr Sammler bei uns Kunst kaufen? Wir müssen erreichen, dass Sammler, Kieler Sammler ein Vertrauen zu uns aufbauen. Das passiert nicht einfach so, sondern in respektvoller Art. Es ist eine Form von künstlerischer Arbeit.  

S Kann ich etwas ergänzen? Ich habe vergessen, etwas zu unserem Konzept zu erzählen. Wir stellen nur Absolventen aus, die sich entschieden haben, weiter als Künstler zu arbeiten, die sich auf die Welt vorbereiten und den Kampf weiter machen wollen, sich überall bewerben und weiter entwickeln.

Y Egal, ob die künstlerischen Arbeiten zu Hause an die Wand gehängt oder weiter verkauft werden. Diese Arbeiten werden vielleicht nachher hochwertig und ihr Preis wird steigen. Das ist momentan unser Fokus. 

S Wir wollen damit auch die Künstler weiter bringen. Gerade wenn sie so schwer kämpfen, suchen wir mehr Chancen für sie, kontaktieren noch mehr Leute. Wir kennen diese und jene und schaffen die Verbindung. Wir bauen also Kreise auf. Die Künstler unterstützen uns auch.

Y Wir lernen viel, weil wir immer mindestens zwei verschiedene Leute einladen. Wir fragen uns, warum sich ein Künstler gerade mit einem bestimmten Material so beschäftigt und was der Vorteil des Materials ist. Ich lerne alles und ich bin sehr froh darüber.

S Genau, wie ist der Klang von Keramik?

Y Was wir jetzt machen, ist einfach nur ein Vorteil.

AB Aber wonach sucht Ihr wirklich die Künstler aus, die bei Euch ausstellen? Crossover und ein gemeinsames Thema – das habt Ihr schon gesagt. Auf welche Qualitäten kommt es Euch sonst noch an? Müssen es immer Muthesius-Absolventen sein?

S Nein. Es sind immer mindestens zwei Künstler. Idealerweise hat einer einen Muthesius-Hintergrund und der andere nicht. Am wichtigsten ist uns aber ein interessantes Crossover, denn wir sind ja selbst Muthesianer. Also ist das schon einmal da.

Y Ich gucke mir gerne Webseiten von Künstlern an. Über das Internet kann man die Tür öffnen. Wenn ich großes Interesse an dem Künstler habe, diskutiere ich mit Shi Shi darüber und frage beim Künstler nach. Wir sind nur eine kleine Galerie, aber das bedeutet nicht, dass wir in einer kleinen Stadt leben. Viele Künstler sagen „Kiel ist zu klein für uns“. Wir sind aber nicht klein, denn wir laden Leute aus aller Welt ein. Es hat nichts mit dem Ort zu tun.

S Genau das wollte ich sagen. Wenn wir die Künstler, die Kiel verlassen haben, zurückbringen wollen, heißt das nicht, dass sie zurück kommen sollen, um hier zu wohnen. Es heißt nur, dass wir sie für eine Ausstellung zurückholen und dann mit ihnen weiter in Verbindung bleiben wollen. Der Ort ist dabei gar nicht wichtig, sondern das Herz. Darüber soll die Connection bestehen bleiben.

AB Also hat es gar nichts mit Kiel zu tun? Kiel liegt am Meer. Ihr sagt, der Ort spielt keine Rolle. Hättet Ihr denselben Enthusiasmus oder dieselbe Motivation, wenn ihr mitten in Deutschland, z. B. in Bonn arbeiten würdet?

Y Wir leben hier in Kiel und ich möchte auch nicht nach Berlin umziehen, obwohl ich zwei Jahre da gewohnt habe. Ich komme aus einer Hafenstadt und Kiel ist für mich wie eine zweite Heimat. Ich möchte auf jeden Fall hier wohnen und hier bleiben. Viele Leute fragen mich: „Warum soll ich in Kiel ausstellen?“ Unsere Galerie liegt zwar in Kiel, aber das bedeutet nicht, dass wir klein oder abgelegen sind. Wir sind international. 

Wir haben aber Künstler getroffen, die nicht gerne in Kiel ausstellen, weil sie sagen, dass Kiel keine große Stadt ist. „Was ist das in meinem künstlerischen Werdegang, wenn ich einmal 2019 in Kiel ausgestellt habe. Was bedeutet das?“ Das finde ich nicht gut.

S Kiel ist besonders, weil es am Meer liegt und weil es sehr viel Natur drumherum gibt. Für uns ist das sehr wichtig, weil wir dann ein bisschen natürlicher bleiben. Wir sind locker hier, weil wir hier nicht einen Riesen-Kampf haben mit anderen Galerien. Das finde ich schön in Kiel. Das Meer ist ein sehr wichtiges Element. Wir gehen am Meer spazieren, wenn wir Stress haben. 

Ich kann nicht genau sagen, was den Unterschied macht. Neulich waren wir für längere Zeit in Berlin und haben viele Ausstellungen angeschaut. Wir vermissen Kiel dann auch. Wir müssen hier nur ein kleines Stückchen gehen und dann sind wir in der Natur. Wenn wir die Künstler hierher einladen, sagen sie: “Oh, Kiel ist so eine schöne Stadt und ich möchte ganz gerne hier wohnen.“ Das bedeutet uns sehr viel und auch, dass wir in der Atmosphäre, die wir gerade aufbauen, bleiben. Wir bauen hier für uns alle in Kiel etwas auf. 

Ich glaube, diese Stadt hat uns diese Motivation gegeben. Ich kann es nicht genau sagen. Wir müssen die Galerie noch ganz stark aufbauen. Wir waren in Berlin zum Gallery Weekend, haben andere Galeristen getroffen und sie gefragt: „Wie lange macht Ihr das schon? Ist das immer noch ein schwieriger Kampf“? Man muss ganz viel reisen, immer Messen besuchen, mit allen sprechen und in den Dialog gehen können. 

Ich habe zu allen Arbeiten in unserer Galerie eine richtige Verbindung und ich verstehe mich mit allen Künstlern, die bei uns ausgestellt haben. Ich kann zu jeder Arbeit und jedem Künstler etwas erzählen, weil es so ist wie mit Freunden. Die Beziehung zwischen uns und den Betrachtern ist wie in einem Freundeskreis. Der Künstler ist solch ein Mensch und deshalb macht er diese Bilder. Das bringt uns ein bisschen näher. Wir bringen die Künstler weiter und bilden uns dabei selbst aus. 

Beim Gallery Weekend haben wir viel gelernt und gemerkt, dass es noch ein langer Weg für uns ist. Man baut das nicht in einem Jahr auf. Viele Künstler fragen: “Wie läuft es bei Euch? Verkauft Ihr schon was?“ Es geht nicht in einem Jahr. Mindestens fünf Jahre müssen wir einplanen. Dann müssen wir auch entscheiden, ob wir das ein Leben lang machen wollen. Das ist in allen Jobs so, glaube ich.

AB Es geht ja um Emotionalität, wenn Ihr sagt, dass Euch etwas anspricht. Könnt Ihr genau sagen, was die Kunst haben muss, damit sie bei Euch landen kann?

S Kunst ist dann gut, wenn wir davor stehen bleiben. Wir schauen lange darauf und fragen uns, ob sie uns zum Nachdenken anregt. Gibt uns die Kunst etwas? Dann diskutieren wir darüber, ob uns diese Kunst bewegt. Es ist egal, welches Material benutzt worden ist und wie hübsch es aussieht. Auch etwas sehr Verrücktes lockt uns an. Finden wir in dem Thema einen Sinn? Es ist ganz locker. Wir können ganz viel darüber sprechen, welche Kunst uns gerade anzieht, aber die Reihenfolge ist immer so wie ich beschrieben habe.

AB Seid Ihr Euch da immer einig oder sind es unterschiedliche Dinge, die Euch anziehen?

S Mal so, mal so. Wir müssen uns schon gegenseitig überzeugen können. Deswegen ist es auch nicht einseitig.

AB Wenn Ihr einen Wunsch haben könntet an die Kieler Kunst-Welt oder die Kunst-Welt in Schleswig-Holstein, welcher Wunsch wäre das?

S Ich finde, es muss sich mehr bewegen. Es sollte sich ein Kulturkreis bilden, nicht nur aus eigenen Sachen, sondern es sollte sich etwas verbinden.

AB Was muss sich da verbinden?

S Wir waren am Projekt „Snowball“ beteiligt. Kuratoren waren Jihea An und Detlef Schlagheck. Sie haben mehrere Off-spaces und Galerien gefragt, ob sie dabei sein wollen. So etwas machen wir auch gerne mit, nicht nur eigene Projekte. Die Kieler Ateliertage, die Museumsnacht, so etwas finde ich sehr gut, weil sich da etwas verbindet und man nicht nur Einzelkämpfer ist. So bilden sich Kulturkreise.

Y Nur drei bekannte Projekte im Jahr: Sommerateliers, Ateliertage und Museumsnacht, aber in Berlin passiert jedes Wochenende etwas.

S Ich wünsche mir auch, dass man darüber diskutieren kann, auch auf Social media-Plattformen. Nicht nur, dass man sagt: „Ich finde es gut“, sondern: „Ich finde es gut, weil…, ich finde es schlecht, weil…“ Und es sollen alle mitspielen können.

Y Ich erwarte auch, dass mehr Zuschauer zu solchen Diskussionen kommen. Im Kunstraum B (https://kunstraum-b.de) gibt es gerade viele Aktionen und man kann mit Künstlern in den Diskurs gehen.

AB Mein Eindruck hier in Kiel ist, dass es hier mindestens zwei Töpfe oder Schichten gibt, die klassischen, meistens älteren Künstler und die Muthesianer, und es gibt nur wenige Verbindungspunkte dazwischen.

Y Es sind zwei Generationen.

AB Aber warum spielt das Alter eine Rolle? Ich finde das schade. Mein Gefühl ist, dass sich beide ein bisschen voneinander abkapseln. Vielleicht fehlt ein Forum, in dem beide zusammenkommen können. Habt Ihr eine Idee, wie man das besser mischen kann? Vielleicht muss man das auch gar nicht, aber so kommen doch spannende Diskussionen zustande.

S Wir denken auch so. Unsere Kommilitonen sagen auch: “Oh, da kommen immer dieselben Leute“. Deshalb ist das Mischen schon sehr wichtig. Wir fangen ja gerade an, unterschiedliche Medien zu mischen. Wir wollen ja auch nicht nur die Leute einladen, die wir kennen, sondern auch ganz andere. Beide machen dann etwas zusammen.

Y Ich beschäftige mich wirklich damit, weil ich noch an der VHS arbeite. Da verteile ich unsere Flyer ganz oft. Die Kursteilnehmer waren auch bei unserer Galerie-Eröffnung oder bei Ausstellungs-Eröffnungen. Meistens sind sie ganz schüchtern. In der VHS ist überwiegend die ältere Generation. Ich bin so eine neue Junge da, aber ich werde unsere Flyer weiter verteilen und es gibt Leute darunter, die Lust haben zu uns zu kommen. Das habe ich schon geschafft. Ich glaube, sie haben nur keinen Zugang, keine Möglichkeit. Sie wussten einfach nicht davon. 

S Sie sind nicht „nicht anlockbar“. Deswegen gehen wir auf die Kieler Woche. Dort treffen wir Leute, die sich normalerweise keine Kunst ansehen.

Y Kieler Woche ist nicht nur Wurst essen und Bier trinken. Es gibt auch Kunst  zu sehen. Damals hatten wir große Angst. Schaffen wir das? Es war einfach ein Versuch.

S Da konnten wir sogar ein Tiefdruck-Original verkaufen. Es kam auch eine Keramik-Sammlerin, und sie hatte nicht gedacht, dass wir auf der Kieler Woche sind.

Y Letztes Mal haben wir es sehr gut getroffen. Die Leute wussten nicht, dass wir einen Stand haben. Alle Leute trinken Bier und essen Wurst, egal, welchen Titel sie haben.

S Beim Essen sind alle gleich und dort treffen wir mehr Leute, auch Leute, die Kunst kaufen. Wir können nicht abschätzen, wo wir sein müssen. Wir gehen einfach überall hin.

Wir haben ja im September 2018 eröffnet und es kamen Leute, die uns auf der Kieler Woche besucht hatten. 

Auf der Kieler Woche schließen wir unseren Stand abends eigentlich um 21 Uhr, aber wir mussten immer länger arbeiten, weil die Leute nach dem Essen noch um 23 Uhr zu uns kamen, um Kunst anzuschauen.

Y Nach Wurst und Bier ein bisschen Kunst.

S Es ist eine Herausforderung für uns. Man muss mit den Leuten reden können. Wr müssen mit unseren Worten einen Zugang schaffen.

AB Wo findet man Euch, wenn man mehr über Euch erfahren möchte?

https://www.gallery-cubeplus.com

https://www.facebook.com/Gallery-Cubeplus-2164293423848851/

https://www.instagram.com/gallery_cubeplus/?hl=de

Gallery Cube+, Knooper Weg 104, 24105 Kiel

Öffnungszeiten: Do bis So, 13 bis 20 Uhr

AB Ich danke Euch für das sehr offene und interessante Interview!

Anmerkungen:

*Dorothee Brübach & Jisu Jeong: Touchable / Untouchable, Medienkunst und Keramik-Installation, Cube+ Gallery, 06. Juni bis 29. Juni 2019

**Stefanie Röhnisch und Songei Lee, Illustration und Keramik, Cube+ Gallery, 28. März bis 13. April 2019

„Künstler“ = Künstler (m/w/d)