Interview mit Svenja Wetzenstein

Svenja Wetzenstein (Foto: Olaf Abrat)

AB Vielen Dank, dass Du Dich bereit erklärt hast, an der Interviewreihe “Menschen brauchen Bilder” teilzunehmen. Sagst Du zu Beginn ein paar Sätze zu Dir, wer Du bist, woher Du kommst und was Deine aktuelle Tätigkeit ist?

SW Ich bin Svenja Wetzenstein, 1973 in Kiel geboren. Ich habe zuerst Kunst und Germanistik auf Lehramt studiert, wobei das Studium sehr wenig lehramtsorientiert und ein großartiges Kunststudium war. Danach habe ich an der Muthesius-Kunsthochschule freie Kunst studiert und dort mein Diplom in freier Malerei gemacht. Seitdem arbeite ich als Malerin.

AB Erzählst Du uns etwas zu Deiner malerischen Technik, Deiner optimalen Umgebung beim Malen, vielleicht auch zur Stimmung, die da sein muss?

SW Ich arbeite mit Fotos. Inzwischen nehme ich nur noch selbst gemachte Fotos. Seit ich ein Handy habe, habe ich einen reichen Schatz an Situationen, die ich dokumentiert habe und in denen man früher keinen Fotoapparat zur Hand gehabt hätte. Mich interessieren die Bilder, die wirklich dem Alltag entstammen, die Situationen, die man normalerweise und auf den ersten Blick nicht als dokumentationswürdig erkennen würde. Diese Fotos projiziere ich mittels eines Beamers auf relativ kleinformatige Holzplatten und dann suche ich mir den Ausschnitt des Fotos, den ich malen will, so dass er mit der Maserung des Holzes zusammengeht, dass es sich miteinander verzahnt, ineinandergreift, sich gegenseitig unterstützt, bereichert.

Die optimalen Bedingungen habe ich im Dunkeln, da ich projiziere und das Licht natürlich brillanter auf die Platte trifft, wenn es dunkel ist, so dass ich ein absoluter „Dunkelmaler” bin und auch nur im Dunkeln meine Farben richtig mischen kann, weil ich es so gewohnt bin. Ich brauche ganz viel Ausdauer und Ruhe, weil ich sehr langsam und mit sehr kleinen Pinselstrichen arbeite, so dass ich im Schnitt an einem kleinen Bild einen Monat sitze.

Eigentlich ist es bei mir relativ stimmungsunabhängig, weil ich einfach jeden Tag ins Atelier gehe und male und immer genügend Teile im Bild habe, die reine Disziplin-Arbeit sind. Auch wenn ich müde bin, habe ich immer Arbeiten, die ich zwei bis drei Stunden machen kann. Nur wenn ich wirklich Entscheidungen für das Bild treffen muss, z. B. wie ich es einrichte oder ob ich große Farbflächen in das Bild hineinnehme oder nicht oder noch Farbe auf das Bild spritze – das müssen einfach Momente sein, in denen ich ganz ausgeschlafen und konzentriert bin.

AB Gibt es besondere emotionale Voraussetzungen?

SW Eigentlich nur, dass nicht gerade etwas Dramatisches vorgefallen ist. Ansonsten ist es emotional relativ egal, weil ich mich im Moment des Malens auf das Bild konzentriere. 

AB Welche siehst Du momentan als Deine künstlerischen Kernthemen an? Gibt es auch Themen, die Dich schon längere Zeit bewegen? 

SW Was mich schon ganz lange bewegt ist dieses Moment, aus einem Foto, was in ganz kurzer Zeit entstand, ein Bild zu malen, an dem ich sehr lange sitze. Ich lade dann einen kurzen Augenblick mit viel Zeit auf und ich verleihe ihm damit eine andere Dimension – dadurch, dass ich ihm Zeit gebe. Was sich nach und nach in den Jahren herauskristallisiert ist, dass mich immer mehr dieses Phänomen der Zeit und der vergehenden Zeit interessiert, dass es um die Vergänglichkeit der Zeit geht. Das ist ein barockes Thema.

AB Hast Du ein Beispiel für ein Motiv, dass man allgemein nicht für dokumentationswürdig halten würde, das Dich aber zum Malen anregt?

SW Als meine Tochter einmal von einem Pferd gebissen wurde, hatte sie ein dickes Hämatom am Oberarm, das auch noch aufgerissen war, so dass Blut herunterrann und das Ganze sehr dramatisch aussah.

Sie kam nach Hause und war natürlich entsetzt darüber, wie ihr Arm aussieht und wie weh das tut. Mit dem Handy konnte ich diesen Moment festhalten und dokumentieren. Ich habe das Bild später gemalt, weil es eine von diesen Situationen ist, die zeigt, wie verletzlich ein Mensch ist. Da ist eine Verletzung entstanden und ich finde es interessant, diese in Malerei umzusetzen. Es sind häufig Themen, die in meinen Bildern auftauchen, bei denen es um die Verletzlichkeit und die Vergänglichkeit im Leben geht.

Svenja Wetzenstein: Hämatom, Öl auf Holz, 50 x 30 cm, 2016
(Foto: Olaf Abrat)
Svenja Wetzenstein: neu 2, Öl auf Holz, 40×20 cm, 2014 (Foto: Olaf Abrat)

AB Warum stürzt Du Dich auf diese Themen?

SW Ich glaube, dass es meine innersten und tiefsten Konflikte sind, mich damit abzufinden, dass unser Leben vergänglich ist. Das Thema hat mich als Kind schon stark bewegt – z. B. in dem Märchen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“, wo es auch darum geht, dass das Leben in jedem Moment von jetzt auf gleich beendet sein kann. Im Grunde müssen wir jeden Tag aushalten, dass das so ist.

Svenja Wetzenstein: Walhall, Öl auf Holz, 40×40 cm, 2015 (Foto: Olaf Abrat)

AB Ich kenne Deine Bilder ja und sehe das Dramatische als einen roten Faden darin.

SW Es ist das kleine Drama des Alltags. Auch Andy Warhol beschäftigte sich in seinen Bildern mit den Dramen, die Menschen zustoßen. Allerdings wähle ich nicht wie er öffentlich publizierte Fotos als Ausgangsmaterial, die schreckliche Schicksalsmomente wie Autounfälle, Flugzeugabstürze oder den elektrischen Stuhl zeigen. Mir ist wichtig, dass es kein geliehenes Drama ist, dass ich nicht irgendwohin gehe und etwas fotografiere, was ganz schrecklich, aber nicht meines ist. Es entspringt dem eigenen Leben. Ich würde es als Effekthascherei empfinden, wenn ich Zeitungsausschnitte verwende von Dramen, die mich sicherlich berühren, die ich aber gar nicht erlebt habe. Das würde mir so vorkommen wie ein geliehenes Drama.

AB Du lebst ja in Niedersachsen und arbeitest auch dort. Was verbindet Dich (künstlerisch) mit Kiel oder Schleswig-Holstein allgemein?

SW Ich bin in Kiel geboren und habe meine gesamte Kindheit dort verbracht und die Zeit meines Studiums, also auch einen großen Teil meines Erwachsenenlebens, so dass ich noch ganz viele Kontakte und Freunde in Kiel habe. Was darüber hinaus noch eine wichtige Rolle spielt, ist das Meer. Das fehlt mir hier (an meinem Wohnort) in Niedersachsen. Diese bestimmte Stimmung an der Ostsee, die von wunderschön blauem Meer gehen kann bis hin zu grauem, trübem Novembermeer. Das ist eine Stimmung, die mir ganz wichtig ist.

AB Hat das etwas mit Begriff „Dunkelmaler“ zu tun?

SW Das kann gut sein. Es hat so eine Tiefe, so eine Unergründlichkeit und es ist ein mythischer Raum, denn das, was am oder im Meer ist, ist ja auch Thema zahlreicher Mythen. Das ist etwas, was mich immer ein Stück weit begleitet.

AB So oft habe ich das Meer an sich in Deiner Arbeit noch nicht gesehen.

SW Nein, es ist nicht das Meer an sich. Es gibt Bilder, in denen ich das Meer gemalt habe, aber in der Tat nicht viele. Es ist eher das Lebensgefühl, die Stimmung, die in mir drin ist, die großen oder kleinen Wellen, die an meine inneren Ufer branden. 

AB Was muss ein Foto oder eine andere Bildvorlage haben, um von Dir gemalt zu werden?

SW Früher war es mir wichtig, dass es kein eigenes Bild ist. Ich wollte kein Bild aus meiner Familie malen, was ein persönlicher Kontext ist und was für den Betrachter ja auch nicht unbedingt spannend ist. Nach vielen Jahren des Malens ist es für mich aber durchaus interessant geworden, eigene Bilder zu nutzen. Der Blickwinkel hat sich bei mir so verändert, dass ich davon ausgehe, dass es mir dabei nicht um eine persönliche Begebenheit geht, sondern um ein Bild, das eine Allgemeingültigkeit hat.

Svenja Wetzenstein: Haare waschen, Öl auf Holz, 50×30 cm, 2016
(Foto: Olaf Abrat)

AB Wie kam es zur Idee, Holz als Malgrund zu verwenden und was reizt Dich daran?

SW Ursprünglich kam es dazu, weil ich mit Fotos arbeite und das Gefühl hatte, dass mich die Struktur der Leinwand, diese Rubbeligkeit stört. Das stand in einem Missverhältnis zu der Ästhetik eines Fotos, das eine Glätte hat. So kam ich auf die Holzplatte. Beim ersten Mal habe ich sie noch grundiert, aber beim zweiten Mal habe ich mich gefragt: „Warum sollte ich die interessante Maserung, warum sollte ich dieses Geschenk, das die Holzplatte mitbringt, zurückweisen und übermalen, wenn ich das vielleicht für mein Bild gut gebrauchen kann?“ Ab dann habe ich angefangen, die Maserung des Holzes gezielt mit einzubeziehen. Sie ist ein genauso elementarer Teil des Bildes wie der Teil, den ich gemalt habe. Als Bildteile sind das Gemalte und das Nichtgemalte gleich wichtig.

AB Du nimmst die Maserung als Kompositionselement mit hinein?

SW Genau, aber auch um Dinge zu verstärken, als Hintergrund, in den das Auge alles hineinziehen kann, wie man es als Kind schon kannte. In der Holzmaserung kann man Gesichter sehen, Tiere erkennen, alles mögliche und im Bild funktioniert das im Grunde gleichermaßen, dass man die Struktur als Meer oder als Sand wahrnehmen kann, als Tapete oder was auch immer. Das Auge macht damit irgendetwas und lässt damit die Phantasie des Betrachters eine große Rolle übernehmen. Man kann sich gar nicht sicher sein, ob jeder immer das gleiche darin sieht.

AB Welchen künstlerischen Ausdruck könntest Du Dir noch als geeignet vorstellen, um das, was was nach außen muss, darzustellen? 

SW Radierung interessiert mich sehr, habe ich auch gemacht und finde ich sehr geeignet für mein Thema. Es ist aber eine technische Frage, weil ich hier z. B. keine Presse habe und das ist der Grund, warum ich diese Technik nur selten einsetze.

Ich habe in einer Kirche einmal eine Wand bemalt, was eine sehr interessante Erfahrung war. Aber die Struktur des Holzes ist einfach ein Element, was mir da schon gefehlt hat, weil es eine Dimension mehr ist, die ich meinem Bild damit geben kann.

AB Die Maserung ist ja ein Zufallselement.

SW Ja, ich male sehr kontrolliert und sehr diszipliniert, wenn ich die Teile des Fotos male und es ist natürlich ein Stück weit Zufall, wie das Holz gemasert ist. Häufig – nicht bei jedem Bild – lade ich den Zufall noch einmal ein, indem ich mit Farbe hineinspritze oder Farbe über das Bild laufen lasse. Das ist ein Verfahren, das ich nicht so stark kontrollieren kann, so dass ich denke, dass sich in einem Bild die bewussten und die etwas unbewussteren zufälligen Anteile zu einem Ganzen zusammenfügen. So hat es beides – nicht nur Kontrolliertes, Diszipliniertes, aber eben auch nicht nur Zufälliges.

AB Das hört sich so an, als ob Du erst einmal bei Deinem Material und Deiner Art und Weise des Malens bleiben wirst.

SW Ich glaube schon. Ich bin nach wie vor gefesselt davon und habe ganz viele Ideen von dem, was ich machen will.

AB Das ist ja auch so etwas wie ein Markenzeichen von Dir. Ich kenne zumindest niemanden, der in dieser Art und Weise arbeitet.

SW Robert Lucander, ein finnischer Maler und Professor an der Universität der Künste in Berlin, macht es auf eine ähnliche Art und Weise. Allerdings sind seine Arbeiten flächiger und grafischer, möglicherweise konzeptueller angelegt als meine.

AB Diese Interviewreihe heißt “Menschen brauchen Bilder“. Welchen Bezug hast Du zu Bildern ganz allgemein? Welche Rolle spielen sie in Deinem Leben?

SW Das ist für mich das Medium, was mich am tiefsten erreichen kann, also deutlich heftiger als Sprache oder auch Musik es kann. Ein Bild zu sehen ist bei mir etwas, was sich sofort einbrennt. Es hat bestimmt damit etwas zu tun, welche Wahrnehmungs-kanäle bei den einzelnen Menschen am stärksten ausgebildet sind. Bei mir ist es eindeutig der visuelle.

AB Gibt es eine künstlerische Arbeit, die Dich sehr stark beeindruckt oder beeinflusst hat und wenn ja, welche war das?

SW Sehr stark alte, mittelalterliche Malerei, Renaissance-Malerei, die man vor allen Dingen in Kirchen und an solchen aufgeladenen Orten erleben kann.

AB Inwiefern aufgeladen?

SW Kirchen sind ja keine neutralen Orte, sondern Orte, die den Menschen immer in irgendeiner Art und Weise etwas bedeutet haben – im Positiven oder im Negativen. Um diese Räume auszustatten, wurde früher viel investiert, viel möglich gemacht, um dem Menschen sozusagen das schriftliche Wort in Bildform näher zu bringen. Das finde ich bis heute immer wieder faszinierend – diese Formentradition, in der man selbst steht und die im Grunde im Mittelalter anfängt und die sich bis heute zwar thematisch, nicht immer mit religiösem Hintergrund, aber dennoch durchzieht.

AB Bist Du selbst religiös?

SW Ich glaube schon, dass es etwas zwischen Himmel und Erde gibt, aber meine Malerei ist nicht irgendeine Form der Religiosität. Diese religiösen Themen, z. B. die ganzen christlichen Darstellungen interessieren mich oder viele alte Malereien, die sich auf die griechische oder römische Mythologie der Antike beziehen. Diese Themen – Geborenwerden, Leben, Sterben, die Endlichkeit des Lebens, die Dramen des Lebens – waren immer schon zentrale Themen, die die Menschen bewegt haben. Wie der Tod überwunden werden kann – das ist das, was mich interessiert.

Wen ich z. B. sehr liebe, ist (Jacopo da) Pontormo aufgrund seiner völlig schrillen, leuchtenden Farben. Es sind ungewöhnliche Farben, in denen er Jesus bei der Kreuzabnahme gemalt hat – Gewänder, die in Farben leuchten, die man gar nicht in erster Linie damit assoziieren würde und eigentlich nur bestaunen kann, wie er diese Szene, die ja so leidvoll ist, so wunderschön malen konnte.

Als Barockkünstler fällt mir noch Caravaggio ein – den bewundere ich sehr oder die Stillleben-Künstler des Barocks. Das sind Bilder, die mich schon immer fasziniert haben – mit dieser vielfältigen Symbolik, mit den Tieren, die die Äpfel schon anfressen und der Sanduhr, Vergänglichkeitssymbolik.

Aus unserer Zeit fällt mir Peter Land ein, ein Künstler, der ganz viel zum Thema Scheitern gemacht hat. Er hat sein eigenes Scheitern immer wieder als Video, als Installation, als Performance ins Bild gesetzt. Das ist ein spannendes Thema: Immer wieder zu zeigen, wie man jedesmal wieder gnadenlos scheitert.

AB Was muss Deiner Meinung nach ein Bild oder allgemein – eine künstlerische Arbeit – haben, um Emotionen hervorzurufen?

SW Bei gemalten Bildern ist es einerseits der gemalte Gegenstand, das Bild-Sujet, auch wenn es nicht gegenständlich ist, dass das funktioniert, und dass es auch gleichermaßen so funktioniert, dass die Farbe ja auch ein Material ist – zugleich Inhalt und Material. Das ist immer wieder ein wichtiges Kriterium dafür, ob mich eine Arbeit berührt oder nicht. 

Von Bildern, die mich berühren, kann man theoretisch einen Ausschnitt nehmen, z. B. 1×1 cm, und auch dieser eine Ausschnitt funktioniert sozusagen als abstraktes Bild, wenn er toll gemalt ist. Es ist mein hehres Ziel, dass jeder Quadratzentimeter für sich funktioniert und so wirklich Malerei ist, zugleich Idee und Farbe. Dann wäre ich glücklich.

AB Wen erreichst Du oder berührst mit Deinen Bildern hauptsächlich? Wer fühlt sich durch Deine Bilder besonders berührt?

SW Das kann ich eigentlich schwer sagen. Mir fallen eher die Leute auf, die sagen: „Oh, damit kann ich gar nichts anfangen.“ Ich habe das Gefühl, dass es immer Leute gibt, die sehr erschrocken sind und die sich sofort abwenden, weil sie damit gar nicht umgehen möchten. Das ist eine Reaktion, die sehr eindeutig ist. Die Leute, denen es gefällt, die stehen vor meinen Bildern und sagen eigentlich gar nicht viel, sondern gucken und erst im Nachhinein erfahre ich manchmal: „Das habe ich schon vor zwei Jahren gesehen und das hat mich damals schon berührt.“ Es hat viel damit zu tun, ob man sich damit auseinandersetzt, dass Dinge endlich sind und wer das nicht zulassen mag, der mag auch meine Bilder nicht zulassen.

Es gab mal eine Frau, die wusste, dass sie sehr krank ist und nicht mehr lange lebt und sie hat gesagt: “Ich möchte Deine Bilder kaufen und möchte Deine Bilder in den letzten Monaten, die ich leben werde, bei mir haben.“ Sie ist wohl schlussendlich unter meinen Bildern tatsächlich gestorben.

AB Was macht das mit Dir, wenn Du das so erzählst?

SW Es macht mich eigentlich total glücklich, dass jemand in solch einer entscheidenden Situation, von der man selbst gar nicht weiß, wie man damit umgehen würde, sagt: „In solch einer Situation helfen mir Deine Bilder“.

AB Ich kann mir vorstellen, dass Deine Bilder dann gut weiterführen und wieder etwas öffnen, wenn man in solch einer vielleicht ausweglos erscheinenden Situation ist.

SW Das ist das, was ich immer wieder spannend finde, dass eine Situation der Vergänglichkeit sowohl der Anfang als auch das Ende ist. 

Svenja Wetzenstein: Elster, Öl auf Holz, 30×20 cm, 2017 (Foto: Olaf Abrat)

AB Wenn Du einen Wunsch an die Kunstwelt in Deutschland hättest, welcher wäre das?

SW Dass es selbstverständlich ist, dass Künstler ein Honorar für ihre Arbeit bekommen! Jeder Musiker, jeder Schauspieler bekommt Geld und ich finde, das haben wir Maler auch verdient.

Es wäre schön, wenn man dafür bezahlt würde und davon leben könnte. Dass künstlerische Arbeit honoriert wird, ist die Voraussetzung dafür, dass man überhaupt die Zeit findet und auch die Kraft aufbringt, Kunst zu machen statt sich im Broterwerb anderweitig aufzureiben.

Was das Wort nicht kann, kann ein Bild. Wort und Bild sind unterschiedliche Qualitäten und ich finde es wichtig, dass diejenigen mit dem Bild gleichermaßen honoriert werden wie diejenigen mit dem Wort.

AB Woran liegt es aber, dass wir Künstler nicht bezahlt werden oder dass nur so wenige davon leben können.

SW Ich schätze, dass es daran liegt, dass Maler ohnehin malen. Weil sie davon nicht leben können, nehmen sie alles Mögliche in Kauf, damit sie trotzdem weiterarbeiten können, egal wie sehr man sich kaputtmacht, wie wenig man schläft und wie wenig Geld man verdient. Man macht immer weiter und sagt nicht konsequenterweise: „Ihr bekommt nie wieder ein Bild von mir zu sehen“.

Eine Sache kommt mir noch in den Sinn. Wie ich vielleicht zu meinen Bildern gekommen bin: Ich erinnere mich, dass ich als ganz kleines Mädchen, mit vier Jahren oder so, eine Malschule in Kiel bei einem Maler besuchte. Ich weiß nur noch, dass er Manfred hieß. Wir haben mit ihm eine Exkursion in ein Museum gemacht. Ich habe überhaupt keine Ahnung mehr, welches es war. Es waren dort mittelalterliche Skulpturen ausgestellt und darunter war ein ganz abscheulicher Teufel, vor dem ich riesengroße Angst hatte. Ich war vollkommen entsetzt und fragte mich: “Warum können Menschen überhaupt so etwas machen? Das ist doch fürchterlich. Warum machen die nicht etwas Schönes?“ Da sagte Manfred  zu mir: „Den haben die gemacht, weil ich in dem Moment, in dem ich den Teufel male oder als Skulptur abbilde, keine Angst mehr vor ihm zu haben brauche. In dem Moment habe ich ihn in die Welt gebracht.“ Davon war ich so beeindruckt und das ist vielleicht auch irgendetwas, was in meinen Bildern drin ist. Vielleicht kann ich es ein Stück weit kontrollieren dadurch, dass ich es selber mache. 

AB Vielen Dank für das spannende und interessante Gespräch. Wenn jemand mehr über Dich erfahren möchte, wo findet man weitere Informationen?

SW Ich habe eine Website: www.svenja-wetzenstein.de (Überarbeitung in 2020) und neuerdings bin ich auch bei Instagram. 

Spätestens im März 2020 wird es auch einen Katalog geben: „Schatten, Staub und Wind“; Kettler Verlag Dortmund, im Buchhandel oder bei mir erhältlich