Interview mit Tom Körber

Tom Körber, Fotograf und Journalist aus Kiel

AB: Tom, vielen Dank dafür, dass Du Dich bereit erklärt hast, an der Interviewreihe „Menschen brauchen Bilder“ teilzunehmen. Erzähle uns zu Beginn etwas zu Dir.

TK: Ich bin 1964 in Berlin geboren und habe dort BWL studiert. 1993/1994 bin ich nach Kiel gekommen und habe eine Ausbildung (Volontariat) zum Journalisten gemacht. Beim Fernsehen habe ich angefangen, mich fürs Fotografieren zu interessieren. Ich hatte Schwarz-Weiß-Bilder aus einem Urlaub in New York in der Redaktion herum liegen lassen. Meine Kollegen haben die Bilder gesehen, fanden sie ganz toll und wollten sie gleich an die Wand hängen. Das hat mich angespornt und ich habe den Kameraleuten Löcher in die Bäuche gefragt: „Welche Kameraeinstellungen soll ich nehmen? Antwort: „Es kommt darauf an.“ Das antworteten sie immer. Ich dachte: Das kann doch nicht sein! Später, als ich viel mehr über Fotografie wusste, war mir klar: Es kommt darauf an.

In der analogen Zeit war das Lernen noch sehr zeit-und kostenintensiv. Jeder Film und jede Entwicklung musste bezahlt werden. Erst nach Tagen, wenn die Filme aus dem Labor kamen, konnte ich sehen, welche Fehler ich gemacht hatte. Beim nächsten Film konnte ich es besser machen. Das kann man nicht mit heute vergleichen. Abdrücken, angucken, ändern. Früher haben wir uns Notizen zu den Einstellungen gemacht. Je mehr Erfahrungswerte dazu kamen, desto weniger Fehler habe ich gemacht. 

Nach dem Volontariat habe ich mich selbstständig gemacht. Habe zeitgleich als Redakteur beim Fernsehen und als Autor und Fotograf für Print-Magazine gearbeitet. Sport und Reise waren meine Themen. Sechs bis acht Monate unterwegs zu sein waren keine Seltenheit. Aber auch hier gab es jede Menge zu entdecken. Wir waren zum Beispiel 1997/1998 die ersten, die auf der Ostsee gesurft (Wellenreiten) sind, da wurden wir noch halbwegs ausgelacht. 1999 war ich der Erste, der Kitesurfen fotografiert und Filme darüber gemacht hat mit dem damals ersten deutschen Kitesurfer Peter Fleischhauer. So gut wie keiner kannte damals Kitesurfen in Deutschland. Wir haben uns auf Sylt verabredet und dann haben wir Aufnahmen für den Playboy, Penthouse und den Tigerenten-Club gemacht. Da es ja noch keine Bilder davon gab, musste ich mich als Fotograf auch erst einmal herantasten. Irgendwann kam ich darauf, dass ich die beste Perspektive im Wasser habe. Also griff ich zum Wassergehäuse und ließ die Kiter über mich rüberspringen.

Damals war ich extrem viel für Windsurfen und Surfen auf der (halben) Welt unterwegs. Wenn ich in Deutschland war, war ich für das Fernsehen in Deutschland unterwegs, für ein Reisemagazin der Deutschen Welle. Nach einer Zeit habe ich gemerkt: Die Arbeit für das Fernsehen macht mir nicht mehr so viel Spaß und so habe ich mich mehr in Richtung Schreiben und Fotografie verlagert. 

AB: Wann und warum hast Du Dich dann entschieden?

TK: Ich habe keine feste Entscheidung getroffen. Es hat sich einfach so ergeben und irgendwann war das Gefühl da. So wie ich heute auch noch entscheide: Ich lasse mich treiben und gucke, wohin es mich bringt und entscheide dann aus dem Bauch heraus. 

AB: Du hast schon über Deine fotografischen Motive gesprochen. Auf Deiner Website schreibst Du, dass Du auch Porträt-Fotografie machst, Architektur ist dabei und Kiel ist ein Thema. Wie sieht es jetzt gerade aus? Welches Thema liegt Dir besonders am Herzen?

TK: Als Reise-Fotograf habe ich gelernt schnell zu arbeiten und mit den Bedingungen, die ich vor Ort habe, die bestmöglichen Ergebnisse herauszuholen. Ich war nie der Fotograf, der acht Wochen auf das richtige Licht warten konnte. 

Sport und Reise sind klassische Themen für den Quereinstieg. Reise-Fotografie bedeutet, dass man Landschaften, Architektur als auch Porträts macht. Spezialgebiete wie Porträt oder Architektur, wie ich sie heute in ausgefeilterer Form mache, waren damit schon vor 20 Jahren Teil meiner Reise-Reportagen. Nun werde ich älter und deshalb habe ich keine Lust mehr, Sachen aufzunehmen, die vor mir wegrennen. Ich stehe lieber zwei Stunden bei -10°C herum und mache zwei schöne Landschaftsaufnahmen und bin der glücklichste Mensch der Welt oder ich feile eine halbe Stunde an einer Architektur-Aufnahme herum. 

Maasholm im Frühjahr, Foto: Tom Körber

AB: Wie ist bei Dir die Mischung zwischen freiem Arbeiten und Auftragsarbeit und in welchem Bereich arbeitest Du lieber?

TK: Als Fotograf sollte man immer eigene Projekte haben, allein schon um den Kopf freizubekommen. Bei mir entsteht der überwiegende Teil frei und wird dann irgendwann in ein Projekt eingebunden. Wenn ich z. B. Landschaftsaufnahmen mache, dann münden 12 davon in den Kiel-Kalender, in Bücher oder landen bei Firmen und in Arztpraxen als Fine Art-Print an der Wand. Ich arbeite nicht nur als Fotograf, sondern auch als Autor und als Art Director. Anfang der 2000er-Jahre habe ich die Chance bekommen, Mitherausgeber eines Magazins zu werden und so bin ich in die Verlagsbranche gerutscht. Den ganzen Entstehungsweg bis zum fertigen Print-Produkt hatte ich bis dahin nie begleitet. Dort habe ich das Segelmagazin „Sailing Journal“ ins Leben gerufen. Später kamen Kundenmagazine dazu, z. B. für Audi und Rolex. Für den Port of Kiel produziere ich zum Beispiel einmal im Jahr ein aufwändiges Magazin plus ein, zwei weitere.

Schon früher habe ich zu meinen Bildern auch die Texte geschrieben bzw. die Bilder zu den Texten gemacht. Als Fotograf war ich oft von der Bildauswahl enttäuscht, in den Texten wurde herum geändert und hinterher sah es nie so aus, wie ich es vor meinem geistigen Auge schon als fertigen Artikel gesehen hatte. Ich habe die Grafiker, die Texte, die Bilder und die Druckerei. Das sind schon einmal vier Stellschrauben, die sich zu einer großen Stellschraube vereinen. So kann ich mit meinen eigenen Bildern, die ich als Fotograf aufnehme, zusammen mit Grafikern Layouts erstellen und lasse das Produkt drucken. Dann wird es auf der Palette an den Kunden ausgeliefert. 

Damit bin ich so was wie eine wollmilchlegende Eiersau. Es war zwar nicht so geplant, aber es hat sich alles über Jahre hinweg entwickelt.

Seit geraumer Zeit sind Bücher dazu gekommen. Ich arbeite relativ eng mit dem Wachholtz Verlag zusammen. Im vergangenen Jahr haben wir ein Buch über die „Fischbar“ gemacht und nun laufen die Arbeiten für das nächste Buch. Es wird ein Buch über Stand-Up Paddling, das im Frühjahr herauskommen wird. Als weiteren festen Auftraggeber habe ich noch den NDR, für den ich das ganze Jahr von Flensburg bis zur Elbe Fotos mache. Ein Traumjob.

AB: Lehnst Du auch Aufträge ab? Und wenn ja, welche? Was ist da ausschlaggebend?

TK: Das habe ich von Anfang an gemacht. Der ausschlaggebende Punkt ist mein Bauchgefühl. Wenn mir das sagt: „Das gibt Probleme“, lehne ich einen Auftrag ab. Das mache ich bis heute so, aber mir passiert so etwas extrem selten. Ich habe innerhalb der vergangenen ca. 20 Jahre jede Rechnung bezahlt bekommen, bis auf den letzten Cent. Sprich: Es gab keinerlei Probleme.

AB: Unsere Interview-Reihe heißt ja „Menschen brauchen Bilder“. Welchen Bezug hast Du zu Bildern ganz allgemein?

TK: Da ich gerne alles in Frage stelle, ist das durchaus ein Punkt, den ich mal hinterfragen könnte. Natürlich habe ich eine Beziehung zu Bildern, sonst wäre ich kein Fotograf. Man kann Bilder allerdings auch totreden. Die einen sagen: „Wenn man über ein Bild reden muss, ist es nicht gut.“ Andere sagen: „Darüber muss man reden. Das ist doch ein Diskurs.“ Das ist ein komplexes Thema und in einer halbwegs kurzen Antwort gar nicht zusammenzufassen. Jeder Mensch, der sich ein Bild anschaut, spürt, ob er es mag oder nicht. Das entscheidet das Unterbewusstsein. Wenn ich dann einen Diskurs starte, versuche ich dann, meine unterbewusste Entscheidung bewusst zu erklären und damit zu rechtfertigen? Ich kann aus dem Bauch heraus sagen, was mich anspricht. Das Motiv würde ich dann für eine Ausstellung aussuchen oder als Kalenderbild nehmen. Ich mache vielleicht 20 bis 25 gute Bilder im Jahr, der Rest landet im Archiv und wird selten wieder gesehen. „Triple A“ Aufnahmen, also die, die ich mir selbst an die Wand hängen würde, sind weniger als zehn. 

AB: Aber was müssen die Bilder haben, damit Du sagen kannst: „Das ist Triple A“?

TK: Auch hier wieder: Bauchgefühl! Egal, ob Landschaften, Porträts oder Wassersport. Zeitlos sollten sie sein. Das heißt, dass das Motiv auch noch nach zehn Jahren an der Wand funktionieren könnte. Ein bisschen hängt das aber auch von meiner jeweiligen Interessenlage ab. Ich habe angefangen, für mich Bilder drucken lassen – ganz klassisch mit Rahmen und Passepartout. Daher befinde ich immer wieder in Auswahlprozessen und merke, wie übergreifend meine Vorlieben sind. Es ist wirklich nicht einfach. Ich kann nur sagen: Das Bild spricht zu mir oder es spricht nicht zu mir. Es kann ein Schwarz-Weiß-Bild sein oder eine blaue Stunde oder eine Nachtaufnahme mit der Milchstraße. Bei mir zu Hause hängt bzw. steht im Grunde alles. 

Foto: Tom Körber

AB: Man versucht ja oft, mit dem Verstand zu erfassen, was die Bilder attraktiv macht.

TK: Ich kann ein Bild nach technischen Aspekten bewerten: Ist eine Führungslinie da? Ist es gedrittelt? Ist es gut geprintet? Aber das ist ja schon wieder ein ganz anderes Thema. Ich bin da zweigeteilt: Einerseits stimme ich der These zu, die besagt, dass ein guter Fotograf sehr gute Aufnahmen machen kann, egal welche Kamera er nutzt. Sprich: Die Augen sind die beste Kamera bzw. sieht der Fotograf das Motiv nicht, nutzt ihm die beste Kamera auch nichts. Andererseits bin ich doch sehr an dem technischen Teil jeder Aufnahme interessiert. Mit anderen Worten: Welche Kamera, was für eine Brennweite bei welcher Blende wurde benutzt? Filter? Ja oder nein? Das mag noch aus der analogen Zeit kommen, in der solche Fakten während meines Lehrprozesses wichtig waren. Heute drückst du die Infotaste, schon hast du alle Daten die du brauchst.  

AB: Es fällt uns allen unheimlich schwer, das in Worte zu kleiden, was einen so gefangen nimmt.

TK: Ich kann zwar versuchen, es über den technischen Weg zu erklären, aber letztlich hängt es immer wieder von jedem einzelnen ab. Der eine mag Blautöne, der andere mag Rottöne lieber, der nächste mag Grüntöne. Dem einen ist es zu nah, der nächste liebt Sonnenuntergänge. Wenn ich die Leute frage, was ihnen an dem Bild gefällt, tun sie sich schwer. Es sind also immer wieder unterbewusste Abläufe. Auch der Augenabstand im Kopf spielt eine Rolle. Deshalb habe ich eine Vorliebe für Panoramen, weil das breite Format dem Augenabstand entgegenkommt und ein harmonisches Sehen unterstützt –  360° Panoramen mal ausgenommen. Die Augen können quasi durch das breite Bild wandern, gerade bei wirklich großen Drucken über zwei Meter. Da geht man im Bild quasi spazieren. Vorausgesetzt, es ist scharf. Die Qualität hat im digitalen Zeitalter deutlich nachgelassen. Einen hochgerechneten, unscharfen Druck bekommt nahezu jeder hin. Aber ein wirklich scharfes Bild in dieser Größe abzuliefern, das schafft kaum jemand.  

AB: Das ist es, was Kunstkritiker immer wieder umtreibt. Man versucht es zu verbalisieren und dabei entstehen ganz obskure Formulierungen und keiner versteht es am Ende. Es ist eine ständige Herausforderung.

TK: Ich glaube, da wird viel „schöngeredet“. Ich sehe mir immer wieder neue junge Fotografie an. Ehrlich gesagt: Das meiste verstehe ich nicht. Weder die Jungen noch „die Mittelalten“ wie Andreas Gursky, Thomas Ruff oder Wolfgang Tillmans verstehe ich auch größtenteils nicht. Muss ich aber auch gar nicht. Ich frage mich nur, was mir eine Aufnahme sagen soll, in der ein Typ an eine Wand pinkelt oder unter einem Stuhl liegt. Beginnt Kunst bei genau dieser Fragestellung? Alle Schüler, die beispielsweise unter den Bechers in Düsseldorf studierten, sind berühmt geworden. Es scheint also nicht unwichtig, bei welchem Professor der einzelne studiert, um später in der Kunst-Szene erfolgreich zu sein. 

Ich würde meine Aufnahmen nicht als Kunst bezeichnen, vielleicht mache ich eher Gebrauchsfotografie oder schöne Landschaftsfotografie, die es ja in Deutschland vor 15 Jahren mit dieser Akzeptanz noch gar nicht gab. Als ich mit analogen Panoramen in Schleswig-Holstein und Kiel anfing, bekam ich meine Anregungen hauptsächlich aus England. Englische Fotografen waren meine Vorbilder. In Deutschland gab es kaum Foto-Lehrbücher darüber. 

AB: Thema in Deinen Büchern war schon häufig Kiel oder Leute, die in Kiel leben. Würdest Du das auch für andere Städte machen? 

TK: Wenn ich nicht in Kiel leben würde, hätte ich die Bücher wahrscheinlich auch nie gemacht. Ich habe mir hier in Kiel meine Selbstständigkeit aufgebaut und bin da auch sehr treu, allerdings enttäuscht von den meisten Netzwerken, in denen jeder nur an sich denkt. Dadurch, dass ich früher sehr viel unterwegs war, habe ich heute keine Lust mehr zu reisen. Am liebsten setze ich mich ins Auto und fahre durch Schleswig-Holstein. 2009 habe ich mein erstes Kiel-Buch herausgebracht. Alles, was ich bis 2007 an Fotos über Kiel gesehen hatte, war schlichtweg eine Katastrophe. Deshalb habe ich mit der Panorama-Kamera versucht, Kiel in einem schönen Licht dazustellen und zu zeigen, dass Kiel sehr wohl schöne Seiten hat. Das hat funktioniert. Heute ist das Netz voll mit Bildern aus Kiel.  

AB: Kiel hat sich ja ziemlich verändert in den vergangenen zehn Jahren. Das hast Du mit Deiner Kamera dokumentiert?

TK: Kiel ist mit der Stadt, in die ich Mitte der 1990er-Jahre kam, nicht zu vergleichen. Damals war Kiel tatsächlich eine graue Stadt am Meer. Es gab keine Straßen-Cafés und auch keine „hippe Szene“. Im Louf oder Fördeblick gab es „draußen nur Kännchen“. Dort saßen dann acht ältere Damen beim Kaffee-Kränzchen. Das meine ich jetzt nicht despektierlich, eher als Zustandsbeschreibung. Heute gibt es in jeder zweiten Straße eine Kaffee-Bar mit selbst gebackenem Kuchen, Fischbrötchen, selbstgebrautem Bier. Das finde ich super. Das Leben hat sich viel mehr nach draußen verlagert. 

AB: Stichwort digitale Bild-Plattformen. Instagram, flickr oder was es da sonst noch gibt: Bist Du da vertreten?

TK: Ja, aber ehrlich gesagt, nehme ich das alles nicht so richtig ernst. 

Während ich in der analogen Zeit keine Lust hatte, im Labor zu stehen und „Ahs“ und „Ohs“ auszustoßen, wenn in den Bädern irgendwelche Bilder auftauchten, habe ich heute auch keine Lust, stundenlang an einem Bild herum zu schrauben.

Ich habe das, was ich analog gelernt habe, in die digitale Welt hinübergenommen und fotografiere heute wie ich es zu analogen Zeiten gemacht habe. Umgekehrt habe ich mich in der digitalen Fotografie mit Farbabgleichen und anderen Details der Bildbearbeitung auseinandergesetzt. Ich habe also aus beiden Welten gelernt und picke mir aus beiden Welten die Rosinen heraus.

Auf Instagram bin ich erst seit einem knappen Jahr zu finden. Auf Facebook länger, aber da mache ich recht wenig. Einmal im Monat kommt mein E-Mail-Newsletter heraus, den versende ich dann auch auf Facebook. Das war’s in der Regel. Ganz selten, dass ich mal was außerhalb der Reihe poste. Das mache ich dann auf Instagram. Aber nun auch nicht jeden Tag. 

Ich überlege gerade, ob ich die digitale Fotografie vermissen würde. Sicherlich nicht, trotz ihrer Vorteile. Ich könnte auch analog überleben, wie alle die analog aufwuchsen. Ich fände es schön, wenn immer noch analog gearbeitet würde. Dann wäre die Respekt-Schwelle für Fotografen höher. Aber darüber nachzudenken ist müßig.

AB: Du hast gesagt, dass Du Deine Bilder nachbearbeitest. Was versuchst Du damit aus den Bildern heraus zu kitzeln?

TK: Es gibt einen Unterschied zwischen Bearbeitung und Manipulation. Ich füge meinen Bildern nichts hinzu, aber nehme manchmal was weg – eine verwischte Möwe, einen Joghurt-Becher oder eine Zigarettenschachtel, die auf dem Boden herumliegt. Das ist – streng genommen – schon Manipulation. In der Anfangszeit der digitalen Fotografie musste ein „M“ im Bild stehen. „M“ für Manipulation, wenn in dem Bild etwas verändert wurde. Leider hat sich das nicht so richtig durchgesetzt. Heute müsste an nahezu jedem Bild ein „M“ stehen. 

Früher habe ich als Fotograf die meiste Arbeit vor dem Bild gemacht: Will ich Schwarz-Weiß oder Farbe? Wenn ja, welche? Es gab Kodak und es gab Fuji. Kodak war wesentlich gelb/grün-stichiger, Fuji war eher blau/grün. Da hat sich die fotografische Menschheit schon in zwei Lager gespalten. Ich gehörte immer zur Fuji-Fraktion. Ich musste mir vorher überlegen, welche Filter ich einsetze, auf welche Partien ich belichten muss, damit ich eine ausgeglichen Belichtung bekomme, dann erst habe ich abgedrückt. Digital ist das andersherum. Fast alle fahren nur noch mit Sonnenstands-Apps los, damit sie zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle sind. Hinterher fummeln sie sich ihre Aufnahme am Computer so hin, wie sie es gerne hätten. Hat mit der Realität in den seltensten Fällen etwas zu tun. Auf das richtige Licht wartet kaum noch jemand. 

Letztlich bearbeite ich meine Bilder so, wie es ein Laborant im analogen Labor auch getan hat: Kontraste und Helligkeit anpassen, nachschärfen, vielleicht die Farbtemperatur ein bisschen anpassen, aber mehr auch nicht. Ein Foto im RAW-Format kommt als unscharfe, flaue Nummer heraus, daher muss ich daran arbeiten.

AB: Warum macht man das dann?

TK: Die Bildqualität ist besser. RAW ist eine unkomprimierte Variante eines digitalen Bildes. Es ist wie das frühere Dia bzw. Negativ. Ein Laborant hat mit dem Negativ beim Belichten durch Abwedeln mit Händen und Schablonen etc. ähnliches gemacht. Fotografen wie Doisneau, Adams oder Capa hatten alle ihre eigenen Laboranten. Also wurde auch damals schon an den Bildern herum geschraubt. Es wurde aus mehreren, eine Aufnahme gemacht. Das war damals nicht anders als heute. 

Manipulation ist aber auch, wenn ich im Bild etwas weglasse bzw. den Ausschnitt verändere. Jeder kennt das Bild aus dem Vietnam-Krieg, auf dem dieses verbrannte Mädchen auf die Kamera zuläuft. Es wurde von dem englischen Fotografen Nick Ut aufgenommen. Der Ausschnitt wurde verändert, denn auf der linken Seite der Aufnahme  stand ein anderer Fotograf, der gerade seinen Film wechselte. Dadurch bekommt das Bild aber eine ganz andere Aussage. Es verliert an Spannung, wenn im Bild ein anderer Fotograf rumsteht und den Film wechselt. Die Bildaussage wurde stark verändert, damit ist es in meinen Augen manipuliert. Damals fiel es nur nicht auf bzw. es hinterfragte auch keiner – zumindest nicht öffentlich. Das ist digital nicht besser geworden. Eher schlimmer. Deshalb hat sogar schon der World Press Foto Award seine Statuten geändert. Nun müssen die Gewinner auch die RAW-Dateien mit einschicken. Ich finde es schlichtweg erbärmlich, dass ich mich bei jeden dritten Bild fragen muss, ob es echt ist oder nicht. Gerade in der Werbung. Der Hintergrund ist aus Frankreich, der Himmel aus Südafrika, das Auto wird im Studio fotografiert. Und das Schlimmste ist, dass man es meistens auch noch sieht. 

AB: Das mündet in meine letzte Frage: Welche Verantwortung hat die Fotografie im Hinblick auf die Zukunft unserer Gesellschaft, wenn man gar nicht mehr unterscheiden kann: Was ist echt, was unecht? Was ist Realität?

TK: Fotografen haben schon immer gelogen. Früher sagte man: Die Bilder lügen, aber Bilder lügen nicht. Der Fotograf, der es aufgenommen hat, lügt. Ich kann Kiel in den schönsten Farben präsentieren oder einen schönen Strand zeigen. Dann drehe ich mich um 180° und stehe genau in der Müllkippe. Was also ist die Realität? Als Fotograf treffe ich die Entscheidung, bestimmte Ausschnitte zu fotografieren und zeige daher immer nur einen Ausschnitt – egal wie breit das Panorama ist. Ich bin nun aber auch kein Kriegsfotograf. Mit ein bisschen Kiel, ein bisschen Selenter See und ein bisschen Paddeln auf der Schwentine bewege ich mich auf relativ ungefährlichem Gebiet. Trotzdem habe ich eine Verantwortung.

AB: Das war ein gutes Schlusswort. Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Mehr Informationen über Tom Körber und seine Arbeit gibt es hier.