Interview mit Viktor

Graffiti von Viktor, das den Namen seines 2017 verstorbenen Freundes KISS81 zeigt

Vielen Dank für Deine Teilnahme an der Interviewreihe. Wir haben im Vorfeld besprochen, dass wir für das Interview Deinen Künstlernamen verwenden. Daher auch gleich die erste Frage: Wer ist Viktor?

Ja, vielen Dank für die Einladung. Ich bin Viktor, bin 42 Jahre alt und lebe ein einem kleinen Ort bei Frankfurt am Main.

Die Interviewreihe steht unter der Überschrift „Menschen brauchen Bilder!“. Was hat Viktor mit Bildern zu tun? Übst du einen Beruf aus, der mit Bildern zu tun hat?

(lacht) Nein, ganz und gar nicht. Ich bin Beamter in einer öffentlichen Behörde, da hat man nun wirklich keinen Umgang mit Bildern. Außer natürlich die Kampagnenposter der Bundesregierung, die bei uns in den Fluren aushängen. Aber Bilder spielen dennoch eine große Rolle in meinem Leben. Wandbilder, um genau zu sein. Seit meiner Jugend interessiere ich mich für Graffiti.

Wie kam es zu diesem Interesse?

In meiner Heimatstadt in Sachsen-Anhalt habe ich in der Vor-Wende-Zeit keine bemalten Wände gekannt. Außer die sozialistischen Arbeiter-und-Bauern-Motive. Nachdem die Mauer gefallen war, bin ich mit meinen Eltern nach Westberlin gereist. Diese Reise war für mich der Beginn meiner Liebe zu Graffiti.

Später als Jugendlicher bin ich oft nach Berlin gefahren und durch die Straßen getingelt. Anfänglich habe ich im Großstadtdschungel förmlich Jagd auf Wandmalereien gemacht. Später kam das Interesse für Architektur dazu und irgendwie hat sich das miteinander verbunden.

Was bedeutet es, wenn du sagst „Jagd gemacht“?

Fotos, Massen an Fotos. Ich bin mit einer kleinen Pocketkamera mit Handaufzug losgezogen und habe Fotos von Bildern gemacht. An einem Tag habe ich gut und gerne vier bis sechs Filme verknippst. Ich war in unserem Ort Dauergast bei Schlecker und habe diese komischen Tüten in die Entwicklung gegeben. Und zuhause habe ich schön säuberlich alles in diese Klappfotoalben einsortiert. Das ist ein richtiger Sammeltrieb gewesen. Sozusagen Jäger und Sammler in Personalunion. (lacht) Außerdem hat es eine Menge Taschengeld gekostet.

Aber dabei ist es nicht geblieben, oder?

Nein, natürlich nicht. Irgendwann wollte man auch solche Bilder machen. Und wie der Zufall so will, war einer meiner Schulfreunde, mit dem ich sowieso die ganze Zeit unterwegs war, im Urlaub in Stralsund gewesen und war dort von dem bekannten Writer (Sprayer) MCM mit dem Spray-Virus infiziert worden. Wir waren so heiß aufs Malen, hatten aber keine Ahnung. Wir haben uns dann in einem Laden für KFZ-Zubehör zwei Dosen Lackfarbe gekauft. Und wir hatten beim Kauf das Gefühl, dass der Verkäufer sofort wusste, was wir vorhatten. (lacht) Ich weiß sogar noch die Farben, Ziegelrot und Moosgrün.

Und dann kam das erste Graffiti?

Naja, sagen wir mal so, wir waren das erste Mal unterwegs. Wir waren ja noch Schüler. Also haben wir uns nachts rausgeschlichen und uns eine Wand gesucht, bei der wir sicher waren, dass uns niemand erwischt. Die Wand war mitten im Wald. Es war eine Autobahn-Unterführung. Trotzdem hatten wir mega Schiss, dass uns jemand entdeckt. Wir haben quasi unser erstes Piece (andere Bezeichnung für ein Graffiti) für Rehe und Füchse gemalt. Auf der anderen Seite war es sehr gut, dass wir so entlegen angefangen haben, denn das was wir gemalt haben, war echt stümperhaft. Wir mussten leider feststellen, dass das Malen gar nicht so easy war wie die Bilder den Anschein machten. Außerdem waren wir total mies ausgestattet. Die Autolackdosen eigneten sich in keiner Weise zum flächenfüllenden Malen. Wir hatten die falschen Caps (Sprühkopf einer Spraydose) und mit zwei Cans (Farbsprühdosen) kommt man auch nicht weit. 

Es hat eine Weile gedauert, bis die ersten Styles entstanden sind. Inzwischen waren wir dann auch in Berlin mal in einem richtigen Graffitiladen und haben uns professionell ausgestattet.

Und wie ging es weiter?

Wir waren angefixt. Mehrmals in der Woche schlichen wir uns raus und haben die Stadt bemalt. Nachts unterwegs und tagsüber in der Schule einschlafgefährdet. 

Kann man in diesem Zusammenhang schon von einer Sucht sprechen?

Auf jeden Fall. Es ist ja auch eine Art Rausch. Tagsüber ist man immer auf der Suche nach neuen Spots, also prominenten Orten, an denen ein Piece richtig gut sichtbar ist. Nachts dann das unbemerkte Anschleichen, das Erklimmen von Dächern, Überklettern von Mauern und Zäunen, da geht der Puls schon mal etwas höher. An der Wand selbst ist man dann so mit Adrenalin angefüllt, dass alles wie elektrisiert ist. Man ist völlig unter Anspannung. Ist das Bild dann fertig und man ist wieder zurück, fällt diese Anspannung von einem ab und es macht sich ein unbeschreibliches Glücksgefühl breit. Das Gefühl kommt dann nochmal wieder, wenn man an seinem Bild an einem späteren Tag wieder vorbeifährt. Also ja, es ist wie ein Rausch und somit kann man auf jeden Fall von einer Sucht sprechen.

Warst du immer allein unterwegs?

Nein, wir waren zu zweit. In unserer Heimatstadt bin ich immer mit dem schon erwähnten Schulfreund unterwegs gewesen. Hin und wieder ist man auch mit anderen losgezogen, aber das waren kurze Aktionen, man könnte sagen „künstlerische One-night-stands“ (lacht). 

Ich dachte immer, Sprayer sind in einer festen Gruppe organisiert.

Anfänglich waren wir keine richtige Posse (Zusammenschluss mehrerer Künstler). Also kein gemeinsamer Name, kein spezifischer Style. Das änderte sich 1997. Mein Schulfreund, mit dem ich inzwischen richtig dick befreundet war, ging im Zuge seines Ausbildungsweges in ein Internat in die Landeshauptstadt. Dort lebte seit einigen Jahren sein Sandkastenfreund, mit dem er immer noch in engem Kontakt stand. Auch er war in der Writer- und Hip Hop-Szene zuhause, und so schlich sich der eine nachts aus dem Internat und der andere aus der elterlichen Bude, um den Menschen Farbe zu schenken. Die beiden gründeten dann eine Posse und so kam es, dass wir von Anfang an in zwei Städten vertreten waren. In der Woche in der Landeshauptstadt und am Wochenende in der Heimatstadt.

Du hast es gerade gesagt: Ausbildung. Wie veränderte der berufliche Werdegang die Beziehung zur Kunst?

(überlegt lange) Ich würde sagen, dass die Veränderung so wie in jeder Beziehung verläuft. Die Intensität verändert sich. Am Anfang ist alles aufregend und man kann gar nicht genug bekommen. Aber mit der Zeit, mit neuen Aufgaben und auch örtlichen Veränderungen ordnen sich die Prioritäten neu. Unsere Leidenschaft bekam einen Platz in unserem Alltag. Wir wurden durch Ausbildung, Studium und später durch Arbeitsplätze räumlich getrennt. Jeder von uns blieb dem Malen treu, zog hin und wieder los, aber die großen Dinger drehten wir nur noch, wenn wir uns trafen. 

Klingt ein wenig bitter.

Leben eben. Wobei ich es gar nicht so schlimm empfinde. Eher im Gegenteil. Wenn wir uns treffen, dann ist das wie eine Reise in die Vergangenheit. Konzentrierter und intensiver. Früher, als wir jeden Abend malen waren, wurden drei bis vier verschiedene, zueinander passende Farben gegriffen und los. Heute planen wir richtig lange und die Bilder sind viel farbenfroher.

Heißt das, ihr drei geht immer noch nachts los?

Unsere Privat- und Arbeitsleben erschweren das. Von meinen Freunden weiß ich, dass sie das aufgrund ihrer Familien und Arbeit sehr selten machen können. Ist ja auch blöd, „Gute Nacht meine lieben Kinder, Papa geht noch ein wenig malen“. Ist irgendwie schwer. Ich selbst bin durch meine Arbeit hin und wieder unterwegs und ob ich nun nachts im Hotel RTL schaue oder eine Wand farblich belebe, da liegt die Antwort für mich auf der Hand. 

Aber als Crew geht ihr nicht mehr malen, oder?

Doch klar. Das ist dann aber nur ein- bis zweimal im Jahr und dann ganz gechillt. Da geht es dann auch eher um uns und darum, gemeinsam was richtig Schönes zu schaffen. Meist nehmen wir dann auch legale Wände oder ziehen an eine Hall of Fame (Orte / Gelände, auf denen Graffiti geduldet werden). Da haben wir Zeit für uns, quatschen über unseren Alltag, die Familien, trinken Bier und gehen dabei unserer Kunst nach. Geht`s besser?

Wie erklärst du es dir, dass Graffiti noch immer einen solchen Platz in eurem Leben einnimmt?

Diese Frage habe ich mir auch schon ein paar Mal gestellt und ich glaube es hängt mit der Zeit zusammen, in der wir groß geworden sind. Als wir auf der Schwelle zum Erwachsenwerden standen, änderte sich auf einmal alles das, was wir bis dahin als Wahrheit erfahren hatten. Das Land in dem wir geboren wurden, hörte auf zu existieren. Es war eine Zeit voller Umbrüche, voller neuer Dinge und von einer Menge Trugbildern. Unsere Helden durften plötzlich keine mehr sein, neue Helden kamen und verschwanden sehr schnell wieder…

Was für Helden waren das, politische?

Nein nicht direkt, dafür waren wir zu jung. Zwar haben wir noch alle ein rotes Halstuch bekommen (Zeichen der Thälmannpioniere in der DDR), doch diese politischen Helden waren zu abstrakt. Was soll man als Elfjähriger auch damit anfangen, wenn man gesagt bekommt: „Lebe dein Leben wie Genosse Lenin!“? Andere lebende Personen, die zu politischen Helden gemacht worden waren, haben wir tatsächlich bewundert. Menschen wie Juri Gagarin, Walentina Tereschkowa oder Sigmund Jähn. Auch im Sport gab es viele Vorbilder. Sie alle wurden nach dem Mauerfall plötzlich als wertlos abgestempelt, sie brachen einfach weg. Die neuen Helden waren jetzt Helmut Kohl, David Hasselhoff oder irgendwelche anderen Popmusiker. Da prasselte soviel auf einmal auf uns ein, dass jeglicher Halt verloren ging. Alles war flüchtig, schrill und unwirklich. Alles was eben noch als unumstößlich galt, war jetzt falsch und durfte nicht mehr sein.

Und genau in dieser Zeit entwickelte sich aus Neugierde, Selbstfindungswillen, ja und vielleicht auch aus Wut dieses Interesse, welches schließlich zu einer Lebensart geworden ist. 

Wut? Wut worauf?

Naja Wut oder Antihaltung, das ist, glaube ich, typisch für Jugendliche in diesem Alter. Es war irgendwie auch ein Protest gegen das System. Ihr hängt unsere Wandbilder ab? Wir malen neue! Ihr baut die Spielplätze unserer Kindheit mit Autohäusern und Einkaufstempeln zu? Wir bemalen sie! So ungefähr haben wir damals gedacht. Es war unsere Art Protest zu üben. Pubertierender Ungehorsam. (lacht)

Machen wir einen Sprung. Wie ist das heute? Aus der Pubertät bist du eindeutig raus, Was ist heute dein Antrieb?

In erster Linie Spaß. Aber auch der Wille etwas zu schaffen. Produktiv zu sein, statt immer nur zu konsumieren. Einen bunten Stolperstein im tristen urbanen Dschungel zu platzieren, das treibt mich an. Ich glaube, dass es allen bildschaffenden Künstlern so geht. Ein Maler dem man eine weiße Leinwand auf die Staffelei stellt, wird irgendwann beginnen sie mit Farbe zu füllen. Ein Fotograf, der sich eine neue Kamera kauft, wird schnellstmöglich Dinge aus seinem Blickwinkel auf den Film bzw. Speicherkarte bringen wollen. Und so bin ich auch. Meine Leinwand ist die Stadt. Leinwände aus Stein, Beton oder Stahl.

Wo findet man denn Bilder von dir?

Eigentlich überall. Es gibt kein Bundesland, in dem ich noch nicht war. Über Deutschland hinaus auch in vielen europäischen Ländern. Da aber tatsächlich nur vereinzelt. Graue Wände, die nach Farbe schreien, gibt es überall.

Apropos Stahl, gehören Züge auch zu deinen Leinwänden?

In unserer Jugend war es tabu, weil viele unserer Eltern bei der Bahn arbeiteten. Den Job der Eltern aufs Spiel zu setzen, das war uns bei allem Leichtsinn dann doch zu heikel. Später habe ich dreimal einen Güterzug bemalt, einfach aus dem Gedanken heraus, der kommt viel weiter rum und wird auch nicht so schnell gecleant. Das fände ich sowieso eine richtig coole Aktion, wenn die Bahn ihre Güterzüge freigeben würde. Kunstwerke auf der Schiene. Bunt statt braun und grau. Und wer weiß, irgendwann wenn die Loren ausgemustert werden, sind sie aufgrund der Entwicklung des Künstlers mehr wert als der Schrottwert. Stell dir mal vor, was irgendwelche verrückten Sammler für einen Güterwagon bezahlen würden, nur weil Banksy eins seiner Bilder darauf gemalt hat.

Du hast gerade von deinen Eltern gesprochen. Du selbst bist auch Vater. Wie würdest du reagieren, wenn eines Deiner Kinder plötzlich mit dem Sprayen beginnt?

Auch diese Frage habe ich schon das eine oder andere Mal im Kopf herumgedreht. Noch ist das weit weg, aber in ein paar Jahren könnte das passieren. Ich glaube, dass ich das direkte Gespräch suchen würde. Wir sprechen sowieso viel miteinander. Mich würde interessieren was sie bewegt, ähnlich wie wir jetzt gerade. 

Hast du keine Angst?

Du meinst wegen „Eltern haften für ihre Kinder“ und so? Doch schon irgendwie. Aber das ist nicht meine größte Angst. Vielmehr ist da die Angst, dass meine Kinder denken, sich oder anderen etwas beweisen zu müssen und Gefahren eingehen oder Situationen falsch einschätzen. Ich denke da an Gleisanlagen, Dachvorsprünge und solche Sachen. Weißt du, das ist wie bei diesen Roofern (Personen, die ungesichert auf Kräne, Hochhäuser oder Masten steigen). Sicherlich ist da auch eine Art Drang nach Freiheit und Nervenkitzel im Spiel, aber die Eltern erleiden tausend Tode sobald ihre Kinder abends das Haus verlassen. Das ist der Gedanke, der mich jetzt schon einige Male mit kalter Hand gepackt hat.

Naja, vielleicht tanzen meine Kinder später lieber Ballett als mit Buchstaben. Wir werden sehen.

Tanzen mit Buchstaben? Wie poetisch.

Das stammt nicht von mir sondern von KISS81, einem Writer, mit dem ich zur Schule gegangen und im gleichen Viertel aufgewachsen bin. Wenn man Graffiti malt, dann muss man das mit vollem Körpereinsatz tun. Die Schwünge der Buchstaben, Linien und Farbübergänge kann man nicht lebendig gestalten, wenn man stocksteif vor der Wand steht und nur den rechten Arm bewegt. Fließende Linien bekommt man nur mit Bewegung hin. Wenn ein Buchstabe größer ist als ich selbst, dann muss ich ihn in der Hocke beginnen und in einer gesamten Bewegung durchziehen. Bei KISS81 war das extrem. Seine Bilder sind riesig und die Linien stecken voller Leben. Das ist besonders beeindruckend, wenn man ihn gekannt hat. Er war nämlich gar nicht groß, deswegen musste er noch viel mehr Körpereinsatz bringen als andere. Leider ist er im vergangenen Jahr verstorben. Seine Bilder und seinen unbändigen Hunger aufs Malen habe ich immer bewundert. 

Gibt es außer ihm noch andere Künstler oder Bilder, die Dich beeindruckt oder geprägt haben?

Graffitikünstler oder andere?

Beides.

Bei Graffiti sind es sicherlich solche Namen wie LOOMIT oder ZOAK, die mich in meinem eigenen Werdegang begleitet und geprägt haben. 

Aber ich mag auch die Bilder von LAKE. Seine Gesichter finde ich wunderschön. Sie sind so lebendig und durch die Art ihrer Zusammensetzung einzigartig. Das erste Mal ist er mir in Barcelona aufgefallen. Was komisch ist, denn in Berlin, wo ich viel öfter bin, gibt es viel mehr von seinen Bildern. 

Bei den, sagen wir mal klassischen Malern, hat mich Diego Rivera immer sehr angesprochen. Vielleicht ja auch, weil er mit seinen Fresken Wände bemalt hat und weil seine Arbeiterbilder mich an meine Kindheit erinnern. Aber da ist noch mehr. Ich finde es beeindruckend, wie er mit so einfachen Linien Stimmungen und Gefühle eingefangen hat. Ich denke da zum Beispiel an „Der Mensch am Scheideweg/Der Mensch kontrolliert das Universum“. Fast wie ein übergroßes Wimmelbild, man entdeckt immer wieder etwas Neues. Mein Lieblingsbild ist allerdings aus seiner Blumenserie: „Die Blumenverkäuferin“. Ich mag die Schlichtheit des Gemäldes. Es ist aufgrund der Blumen wunderschön und doch birgt es eine gewisse Melancholie. Das ist es, was ich an Bildern liebe, schlicht und doch ergreifend.

Das ist doch ein schönes Schlusswort. Viktor, ich danke dir für das spannende und sehr persönliche Interview und wünsche dir und uns allen, dass du noch lange Farbe in unsere Leben bringst.